
- Buchcover - dtv-Verlag
Als der Arzt dem Sohn mitteilt, dass seine Mutter nicht mehr lange zu leben hat, beschließt er sich, trotz des schwierigen Verhältnisses zu ihr, sie zu begleiten. Das Wissen um den bevorstehenden Verlust, weckt Erinnerungen an seine Kindheit in einem oberschwäbischen Dorf in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das dörfliche Idyll birgt für den jungen Erzähler viele schmerzhafte Erinnerungen. Bereits als Kind erfährt er, als unehelicher Sohn einer allein stehenden Mutter, Spott und Ausgrenzung. Für das stark katholisch geprägte Dorf ist dies eine Zumutung. Sowohl die Mutter als auch der Sohn leiden unter dieser schwierigen Situation. Drei große Themen finden immer wieder Eingang in den Text, werden, wie bei einem Musikstück, immer wieder vom Autor aufgegriffen und variiert.
Die Bewältigung einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung
Es ist keine harmonische, von Liebe und Achtung geprägte Beziehung, die uns Ott zeigt. Mutter und Sohn streiten sich oft wegen Belanglosigkeiten, da sie an einander vorbei kommunizieren. Liebevolle Worte finden sich nicht in ihrem Wortschatz. Drohungen, Vorwürfe und Entwertungen prägen ihre Dialoge und sind vermutlich Ausdruck tiefer Enttäuschungen, Wut und Hilflosigkeit. Doch wie dem jungen Sohn, bleibt dem Leser ebenfalls nur die Möglichkeit, über die Ursachen für diese schwierige Beziehung zu spekulieren. Das thematisch immer wiederkehrende Motiv dieser Mutter-Sohn-Beziehung ist Ausdruck der Auseinandersetzung des Erzählers damit.
Heimat als Erfahrung, Heimat als Erinnerung, Heimat als Gefühl
Was ist Heimat, wie prägt uns die Heimat mit ihren Eigenarten, mit ihrer Kultur, mit ihren Menschen und ihrer Natur? Diese Fragen gehören ebenfalls zu den Hauptthemen dieses Buches. In starken Bildern erinnert sich der Sohn an Onkeln, Tanten, an die Oma, an die Mutter, an den Vater, den er nie kennen gelernt hat und an die Leute im Dorf. Er erinnert sich an den stark katholisch geprägten Alltag, an die kirchlichen Feiertage, die er als Ministrant miterlebt hat. Er erinnert sich auch an Stimmungen, wie den ersten Schneefall im Jahr, die ersten Frühlingstage, die warmen Sommertage. Doch er muss feststellen, dass die Erinnerung das Erlebte nie adäquat wieder geben kann. Die Fotos aus der Kindheit bleiben irgendwie leer, da sie nie in der Lage sind, Gefühle zu transportieren.
Umgang mit dem Tod und dem Sterben der Mutter
Das Sterben der Mutter löst im Erzähler eine Auseinandersetzung mit dem Tod aus. In diesem Prozess werden verschiedene Aspekte des Todes aufgegriffen. Der Erzähler fragt sich, was den Menschen nach dem Tod erwartet. Er erinnert sich an die verschiedenen Toten, die er in seinem jungen Leben bereits erlebt hat. Die Angst des Onkels vor der Hölle, das ruhige Sterben der Oma, den Unfalltod des zweiten Onkels, das Sterben des unbekannten jungen Onkels im zweiten Weltkrieg. Das Erinnern an den Tod und den Umgang mit ihm, deckt Veränderungen zu Heute auf, die auch den Erzähler beschäftigen. Obwohl dieser sich nicht mit dem katholischen Glauben seines Dorfes identifiziert, findet er tröstliche Antworten für das Weiterbestehen der Seele.
Ein Buch wie ein Gemälde
Karl-Heinz Ott offenbart in diesem Buch seine unglaubliche Kunstfertigkeit, Gefühle und Stimmungen mittels Sprache wieder zu geben. Er macht dies in einer atemberaubenden Art. In seiner Gesamtheit wirkt das Buch wie ein holländisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Stimmungen, Gefühle und Natur werden von Ott derart gekonnt zu einem Ganzen konstruiert, dass das Lesen dieses Buches dieselbe Ehrfurcht hervorruft, wie das Betrachten eines Bildes von Ruisdael. Das Düstere der Natur, die strahlende Helligkeit des blauen, wolkenverhangenen Himmels, die tiefe, symbolhaft unterlegte Religiosität. All das lässt sich in Otts "Ins Offene" finden. Ein Buch, wie mit dem Pinsel gemalt, ein sprachliches Meisterwerk.
Karl-Heinz Ott, Ins Offene, dtv-Verlag, München, 2010, ISBN: 978-3-423-13868-0, € 8.90
