Karl Lueger (1844- 1910)

Wiens umstrittener Bürgermeister

Karl Lueger, Gemälde um 1900 - Alois Delbug (1859- 1930)
Karl Lueger, Gemälde um 1900 - Alois Delbug (1859- 1930)
Als "Volkstribun" und Wiener Bürgermeister wurde Karl Lueger zu einem der populärsten Politiker der österreichischen Geschichte - und zum Vorbild Adolf Hitlers.

Karl Lueger (1844- 1910) war über seine Lebenszeit hinaus einer der populärsten österreichischen Politiker, der als Führer der Christlichsozialen und Wiener Bürgermeister in die Geschichte der k-u-k- Monarchie einging. Bis heute sind Teile der Wiener Ringstraße, ein Platz und eine Kirche nach ihm benannt. 1926 wurde Lueger im ersten Wiener Bezirk ein Denkmal gesetzt. Doch sein Ruhm gründet sich nicht nur auf eine unbestritten erfolgreiche Wiener Kommunalpolitik, sondern auch auf eine hemmungslos aggressive Agitation gegen Liberalismus und Judentum.

Politische Karriere

Lueger absolvierte bis 1870 ein Jurastudium. 1874 eröffnete er seine eigene Kanzlei und erwarb sich den Ruf eines “Anwalts der kleinen Leute”. Er verstand es, diesen Ruf geschickt für eine kometenhafte politische Karriere zu nutzen. Seit 1875 saß Lueger im Wiener Gemeinderat, seit 1885 im Reichsrat, seit 1890 auch im niederösterreichischen Landtag. Den Parlamenten gehörte er zunächst als Liberaler an, obwohl er sich bereits in den 1880er Jahren politisch weit vom Liberalismus entfernt hatte. Lueger wandte sich vorrangig der „sozialen Frage“ zu und trat als Interessenvertreter von Bauern, Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden auf. Neben sozialreformerischen und protektionistischen Forderungen gehörte spätestens seit 1887 auch der Antisemitismus zum Programm seines Christlichsozialen Vereins.

1888 schloss Lueger mit den noch radikaleren Deutschnationalen um Georg Ritter von Schönerer (1842- 1921) das Wahlbündnis „Vereinigte Christen“, um in Wien gegen Juden und Liberale zu Felde zu ziehen. Das Bündnis hielt allerdings nicht lange, da sich Schönerer mit seiner Polemik gegen den habsburgischen Vielvölkerstaat und die katholische Kirche zunehmend ins Abseits manövrierte. Luegers politische Orientierung war eher sozialkonservativ als nationalistisch, was sich z.B. in der Organisation und programmatischen Ausrichtung des Zweiten Österreichischen Katholikentags 1889 zeigte. So zählte der niedere Klerus zur fanatischsten Gefolgschaft Luegers. Rückendeckung kam auch aus dem Vatikan, der die christlich- soziale Bewegung gegen die Interventionsversuche der österreichischen Bischöfe in Schutz nahm.

Mit Karl von Vogelsang und Aloys von Liechtenstein gründete Lueger 1893 die Christlichsoziale Partei, die sich mit sozialreformerischen, antiliberalen und antisemitischen Parolen an das deutschösterreichische Kleinbürgertum wandte, aber auch unter den Slawen der Habsburgermonarchie Anhänger fand. Die CSP profitierte von der Lockerung des Zensuswahlrechts 1882 und wurde 1907 stärkste Fraktion im Reichsrat. Langfristig begünstigte die Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1906 dann aber in stärkerem Maße die Sozialdemokraten und die slawischen Parteien.

Wiener Bürgermeister

In Wien blieb Karl Luegers Popularität noch länger ungebrochen. 1895 wurde er zum Wiener Bürgermeister gewählt. Kaiser Franz Joseph verweigerte ihm jedoch die Bestätigung, so dass Lueger das Amt zunächst nicht antreten konnte. Als er in den folgenden Jahren mit großen Mehrheiten immer wieder gewählt wurde und sich Papst Leo XIII. für ihn einsetzte, gab der Kaiser 1897 seinen Widerstand auf. In seiner Zeit als Bürgermeister gewann Lueger mit großen öffentlichen Bauprojekten und der Modernisierung von Kommunalverwaltung und Sozialfürsorge Anerkennung über Parteigrenzen hinweg. Während er sich nun aus taktischen Gründen mit den geschwächten Liberalen arrangierte, bekämpfte er fortan Sozialdemokraten und Deutschnationale. Nach dem Tod ihres prominenten Führers verloren die Christlichsozialen 1911 ihre Mehrheiten im Wiener Stadtrat und im Reichsrat, konnten sich allerdings in der Provinz weiterhin als stärkste Kraft behaupten.

Luegers Antisemitismus

Häufig wird darauf verwiesen, dass der christlichsoziale Antisemitismus, im Unterschied zum Rassenantisemitismus der Deutschnationalen, religiös und sozial motiviert gewesen sei. Zwar ist diese Unterscheidung grundsätzlich zutreffend, jedoch macht sie den Antisemitismus der Christlichsozialen keineswegs zu einer moderateren Variante, wenn man einen Blick auf ihre Presse und Wahlkampfrhetorik wirft. Lueger selbst hat mehrfach behauptet, der Antisemitismus sei für ihn persönlich nur ein Agitationsmittel gewesen, um die Massen für sich zu begeistern. In der Tat zeigte sich Lueger als Bürgermeister pragmatisch und setzte, wohl mit Rücksicht auf das für die Stadt wichtige jüdische Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, keine seiner Diskriminierungsforderungen um. Andererseits distanzierte er sich nie inhaltlich vom Antisemitismus, dessen verheerende Resonanz im österreichischen Kleinbürgertum nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Auch auf den jungen Adolf Hitler, der in seiner Wiener Zeit noch kein gefestigter Antisemit war, hinterließ er einen nachhaltigen Eindruck. In Mein Kampf äußert sich Hitler begeistert über Luegers antisemitische Wahlkampagnen und bezeichnet ihn als „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“.

Literatur

Boyer, John W., Political Radicalism in the late Imperial Vienna. Origins of the Christian Social Movement 1848- 1897, Chicago 1981.

Boyer, John W., Karl Lueger (1844- 1910). Christlichsoziale Politik als Beruf, Wien 2010.

Ehrlich, Anna, Karl Lueger. Die zwei Gesichter der Macht, Wien 2010.

Hamann, Brigitte, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996.

Wistrich, Robert S., Karl Lueger and the ambiguities of Viennese Antisemitism, in: Jewish Social Studies 45 (1983), S. 251-262.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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