
- Seit Fukushima wissen wir: Kartoffeln lagern radioaktive Stoffe stärker ein als andere Gemüsesorten - esrasu
Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima geht für die Menschen von radioaktiv kontaminierter Nahrung eine große Gefahr aus. Denn die weitflächige radioaktive Verstrahlung von Boden, Luft und Meerwasser hat erhebliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion in Japan. Jetzt haben Forscher festgestellt, dass Kartoffeln zu den am stärksten radioaktiv verseuchten Lebensmitteln gehören.
Blattsalat und Äpfel sind weniger radioaktiv belastet als Kartoffeln
Das japanische Landwirtschaftsministerium hat 17 Gemüsesorten und vier verschiedene Obstsorten in der Umgebung des verstrahlten Kernkraftwerkes Fukushima auf Radioaktivität untersuchen lassen. Dabei übertrafen Kartoffeln und Süßkartoffeln sogar die Werte von bislang als besonders für den Einbau radioaktiver Stoffe anfällig geltendem Blattgemüse. Die maximale Absorptionsrate einer Süßkartoffel war 17 Mal höher als die von Blattsalat. "Wenn Kartoffeln auf Böden mit hoher Cäsium-Konzentration gewachsen sind, könnten sie zum Zeitpunkt der Ernte mehr Radioaktivität aufweisen als die Sicherheitsstandards zulassen", erklärte ein Mitarbeiter des japanischen Agrarministeriums in der vergangenen Woche.
Die Forschungsergebnisse, die am 27. Mai 2011 veröffentlicht wurden, beruhen auf Vergleichsdaten von Gemüsesorten aus anderen Ländern mit ähnlichem Klima wie Japan. Danach liegt die durchschnittliche Absorption von japanischen Süßkartoffeln bei 0,033. Der Maximalwert bei 0.36 und der Minimalwert bei 0,0020. Irische Kartoffeln wiesen dagegen Werte von 0,011 (Durchschnitt), 0,13 (Maximum) und 0.00047 (Minimum) auf. Wenn Süßkartoffeln mit einer absoluten Absorptionsrate von 0,36 in Böden gewachsen sind, in denen die Strahlung 5.000 Becquerel Cäsium pro Kilogramm betrug, werden die Kartoffeln radioaktive Substanzen mit etwa 1.800 Becquerel einbauen. Dieses Ausmaß an radioaktiver Strahlung gilt als ungesund. Nach den in Japan geltenden Lebensmittelgesetzen sind maximal 500 Becquerel Cäsium pro Kilogramm Gemüse zulässig. Einem Bericht der Thailand Times zufolge wurden Mitte März 2011 radioaktiv verseuchte Süßkartoffeln aus der Präfektur Ibaraki im Nordosten Japans nach Thailand exportiert.
Entvölkerte Dörfer rund um Fukushima - verseuchte Böden nicht für die Landwirtschaft geeignet
Um das Ausmaß der Verseuchung festzustellen, ließ das japanische Agrarministerium und die Verwaltung der Präfektur Fukushima Bodenproben auf Ackerflächen in einem Radius von 30 Kilometern rund um das havarierte Kernkraftwerk nehmen. Dabei wurden in den Dörfern Iitate und Otama und in den Städten Kawamata, Nihonmatsu und Motomiya 5.000 Becquerel Cäsium pro Kilogramm Erde gemessen. Die Werte stammen aus Proben in einer Bodentiefe von bis zu 15 Zentimetern, da anzunehmen ist, dass aus Fukushima stammendes Cäsium beim Pflügen der Erde vor der Aussaat bis in diese Tiefe eingedrungen ist. Die Bevölkerung aus Iitate und aus Teilen der Stadt Kawamata wurde aufgefordert, Häuser und Wohnungen aufzugeben und aus der verseuchten Region wegzuziehen. Auch der Anbau von Reis ist in der Region verboten worden.
Paradox - Jod im Fisch hilft gegen radioaktives Jod
Kurioserweise gelten gerade Meeresfrüchte, Fisch und Seetang als geeignete Lebensmittel, um aufgenommene radioaktive Stoffe nach einer Verstrahlung zu absorbieren und schnell wieder aus dem Körper zu transportieren. 1968 entdeckten kanadische Forscher der McGill University in Montreal unter der Leitung von Stanley Skoryna eine Methode, um die gesundheitsschädigenden Wirkungen eines nuklearen Fallouts zu bekämpfen. In der Studie wurden vor allem Meerespflanzen, die Polysaccharide enthielten, so genanntes Natriumalginat, als wirkungsvoll für die selektive Bindung und Ausscheidung von radioaktivem Strontium bewertet. Essbare Meerespflanzen weisen einen hohen Mineralstoffgehalt auf, der besonders nach radioaktiver Verstrahlung vom Körper zur Regenierung gebraucht wird. Natürliches Jod in Fischen oder Seegras hilft, die Aufnahme von schädlichem radioaktiven Jod-131 im Körper zu blockieren. Eisen verringert die Absorption von Plutonium-238 und Plutonium-239. Cäsium hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, Plutonium 24.110 Jahre, Tellur 7 Quadrillionen und Strontium 28 Jahre.
Zucker und Süßigkeiten meiden, da das Immunsystem geschwächt wird
Ältere Studien aus radioaktiv verseuchten Regionen liefern Hinweise auf Lebensmittel, die geeignet sind, Schwermetalle und radioaktive Stoffe aus dem Körper auszuschwemmen. Als Japan nach dem Abwurf der Atombomben verstrahlt wurde, empfahl der Direktor der Inneren Abteilung des St. Francis Hospital in Nagasaki seinen Krankenhausmitarbeitern und Patienten eine strikte Diät aus braunem Reis, Misosuppe, Tamarisoyasuppe, Seetang, Seealgen, Hokkaidokürbis und Meeressalz. Der Verzehr von Zucker und Süßigkeiten, da diese das Immunsystem schwächen, wurde untersagt.
Hat Sushi Zukunft? Seetang und Algen aus Japan besser meiden
Doch der Pazifik rund um das Kraftwerk ist stark radioaktiv verseucht und Meeresfische und die in der japanischen Küche traditionell verwendeten Produkte wie Algen und Seetang nicht zum Verzehr empfehlenswert. Aktuelle Messungen zeigen, dass die Algen im Meer vor der Ostküste Japans stark radioaktiv verseucht sind. Greenpeace zufolge sind 10 von 22 Proben mit einem Wert von etwa 10.000 Becquerel belastet. Damit ist der zulässige Grenzwert bei diesen Proben um das Fünffache überschritten. Neben einigen Proben mit über 19.000 Becquerel stellten die Forscher in zwei Proben sogar über 20.000 Becquerel fest. Das japanische Gesundheitsministerium hat in Fisch aus der Präfektur Ibaraki eine extrem hohe radioaktive Belastung mit Jod-131 und Cäsium gemessen.
Das genaue Ausmaß der radioaktiven Verseuchung des Pazifiks ist zwar bislang nicht bekannt, wird aber von französischen Spezialisten vor Ort derzeit untersucht. Fakt ist: Der japanische Betreiberkonzern des Atomkraftwerks Tepco hatte seit März mindestens zehn Millionen Liter radioaktiv belastetes Wasser aus dem AKW ins Meer geleitet. Es sei 100 Mal stärker verstrahlt als rechtlich zulässig, teilte das Unternehmen in der vergangenen Woche mit. Neben den radioaktiven Substanzen aus dem Kernkraftwerk hat der Tsunami noch andere Giftstoffe ins Meerwasser vor Japans Küste gespült. Als die Welle zurückfloss, strömten Tausende Tonnen Öl, Benzin, Chemikalien, Schmutz und Abfall ins Meer. Dieser Giftcocktail hat die empfindliche Unterwasserwelt nachhaltig geschädigt.
Japanischer Fisch teilweise extrem verstrahlt - Lieferungen werden deutschen Behörden gemeldet
Im April 2011 hatte die Europäische Union in einer Eilverordnung strengere Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln aus Japan für alle EU-Staaten festgelegt. Waren früher noch 500 Becquerel je Kilogramm radioaktives Jod erlaubt, so dürfen Lebensmittel jetzt nur noch 300 Becquerel je Kilogramm aufweisen. Die Höchstgrenzen wurden auch für radioaktive Stoffe wie Plutonium, Strontium und Jod neu definiert. Die EU will sich außerdem an Kontrollen des vor Japan gefangenen Fisches beteiligen. Ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums sagte, Deutschland werde frische und verarbeitete Fische auf radioaktive Strahlen untersuchen. Alle Fischlieferungen würden künftig zentral erfasst und Lieferungen aus dem Pazifik müssten direkt an deutsche Überwachungsbehörden gemeldet werden.
Quellen:
- Greenpeace
- Earth-issues.com
- Asahi.com
