Sensation im belgischen Fußball: KAS (Königliche Allgemeine Sportvereinigung) Eupen steigt zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die höchste nationale Spielklasse, die „Jupiler Pro League“, auf. Die Spielzeit 2010/11 wird damit zur Premierensaison für eine Mannschaft aus dem deutschsprachigen Teil des Landes.

Eupen zwischen Deutschland und Belgien

Die Kleinstadt Eupen beherbergt etwas über 18.000 Einwohner und liegt im Osten Belgiens. Eine wechselvolle Geschichte erlebte der nur 16 Kilometer von Aachen entfernt liegende Regierungssitz der Deutschsprachigen Gemeinschaft im vergangenen Jahrhundert. Nachdem Eupen über 100 Jahre Bestandteil Preußens gewesen war, fiel es 1920 nach dem Ende des 1. Weltkrieges durch den Vertrag von Versailles an das Königreich Belgien. Im Zuge des 2. Weltkriegs hielten deutsche Truppen die Stadt zwischen 1940 und 1944 besetzt. Das Deutsche Reich annektierte das Gebiet um Eupen und das französischsprachige Malmedy. Nach der Befreiung durch die Alliierten im September 1944 übernahm Belgien wieder die Regierungsgewalt.

KAS Eupen klopft an das Tor zur ersten Liga

Spitzenfußball dürfen die Einwohner der Stadt Eupen über Jahrzehnte lediglich im Fernsehen bestaunen. Der als AS (Alliance Sportive) am 9. Juli 1945 gegründete Eupener Verein kickt zumeist in der zweit- oder dritthöchsten Liga Belgiens. 1974 gelingt ein erster Achtungserfolg. Die Mannschaft erreicht die Aufstiegsrunde zur höchsten Spielklasse, der Ersten Division. Dort scheitert sie jedoch und belegt lediglich den letzten Rang. Ein Jahr später verabschiedet sich AS Eupen sogar in die 3. Liga.

Der Verein wird deutsch und adelig

Einziges nennenswertes Ereignis in den Folgejahren ist die Eindeutschung des Vereinsnamens. 1981 wird aus „Alliance Sportive“ die „Allgemeine Sportvereinigung“. Zum 50-jährigen Bestehen 1995 erhält der Klub einen Adelstitel und darf sich fortan „Königliche Allgemeine Sportvereinigung Eupen“ nennen.

Rückkehr in die zweite Liga

Sportlich aufwärts geht es erst 2002. In jenem Jahr gelingt endlich die Rückkehr in die Zweite Division. Am Ende der Saison 2002/03 qualifiziert sich die KAS sogar für die Aufstiegsrunde zur ersten Liga. Dort belegt die Mannschaft den 2. Rang, verbleibt damit in der Zweiten Division. In den folgenden Spielzeiten spielen die Schwarz-Weißen keine herausragende Rolle, schaffen aber immer den Klassenerhalt. Einzig die Verpflichtung des langjährigen Bundesligaprofis Bachirou Salou (Bor. Mönchengladbach, MSV Duisburg, Eintracht Frankfurt) sorgt für ein wenig Aufsehen. Der damals 34-jährige Salou bleibt jedoch lediglich ein halbes Jahr und hängt kurz darauf seine Fußballschuhe an den Nagel.

Geld aus Italien

Ende 2008 ändert sich jedoch alles. Der italienische Ex-Profi Antonio Imborgia steigt bei KAS Eupen ein. Zu diesem Zeitpunkt dümpelt der Klub mit lediglich fünf Punkten am Ende der Tabelle. Imborgia und seine Geschäftspartner greifen dem Verein finanziell unter die Arme und reorganisieren die Vereinsstruktur. Mithilfe zahlreicher Spielertransfers und einer völlig umgekrempelten Philosophie rettet sich die KAS. Schon damals gibt Imborgia als Ziel den Aufstieg in die Erste Division aus: „Die ‚Jupiler League‘, wie hier in Belgien die erste Liga heißt, ist für uns ein Traum. Wenn wir ihn eines Tages leben könnten, hätten wir sicher nichts dagegen.“

Aufstiegsfeier am Kehrweg

Schon am Ende der folgenden Saison geht der Traum in Erfüllung. Mit einem 2:1-Erfolg im heimischen Kehrwegstadion gegen RAEC Mons am 23. Mai 2010 sichert sich die Sportvereinigung Platz 1 in der Aufstiegsrunde zur „Jupiler Pro League“. 4.500 Zuschauer bejubeln die Tore von Jungtalent Enes Saglik und Kapitän Mijat Maric. Ab der kommenden Spielzeit heißen die Gegner nicht mehr Royal Boussu Dour Borinage und Oud-Heverlee Leuven, sondern RSC Anderlecht, Standard Lüttich und FC Brügge.

Auf die langjährigen KAS-Funktionäre Ralph Lentz (seit 24 Jahren Vizepräsident) und Manfred Theissen (seit 16 Jahren Direktor) wartet im Sommer viel Arbeit. Der wie ein Familienunternehmen geführte Klub, Theissen war bisher der einzige angestellte Mitarbeiter des Vereins, braucht professionellere Strukturen und ein größeres Stadion. So beteuert Lentz in der deutschsprachigen belgischen Zeitung „Grenz-Echo“: „Das ist für uns alle eine tolle Herausforderung und ein Riesenansporn. Es wird sich hier in der Stadt und im Verein schon einiges bewegen. Es muss sich sogar einiges verändern.“ Doch ob Trainer Danny Ost und Leistungsträger wie Torschützenkönig und Publikumsliebling Freddy Mombongo oder Spielführer Mijat Maric gehalten werden können, wird die Zukunft zeigen.

„Hacki“ Wimmer - ein Weltmeister aus Eupen

Der bekannteste Fußballsohn Eupens spielte allerdings nie für die KAS: Herbert „Hacki“ Wimmer. Der 36fache Nationalspieler Deutschlands, Europameister 1972 sowie Weltmeister 1974, kickte in der Jugend für Borussia Brand und später in der Bundesliga 366-mal für Borussia Mönchengladbach, aber niemals für einen belgischen Verein.