
- Milch und Käse vor chinesischer Flagge - Tim Ruster
Die Öffnung Chinas gen Westen hat zwar einige unschöne Folgen - Wachstum der Industrie, größere Verschmutzung - doch die wachsende Beliebtheit von Milchprodukten ist definitiv eine erfreuliche Entwicklung, denn sie treibt teilweise äußerst leckere Blüten.
Vertragen Chinesen überhaupt Milchprodukte?
Tatsächlich steht dem Aufstieg des Käses in China einige genetische Gegebenheiten im Weg: 90% der Chinesen sind laktoseintolerant. Die Fähigkeit Milch auch nach der Stillzeit gut verwerten zu können entwickelte sich erst vor circa 8.000 Jahren, als die sesshaften Landwirtschaft an Bedeutung gewann. Die fehlende Milchtradition führte also in China auch zum Fehlen der genetischen Fähigkeit, Käse zu vertragen.
Andere Forscher behaupten, dass diese Unfähigkeit nur aus eben jenem nicht vorhandenem Milchkonsum resultiert; würden chinesische Kinder Milch trinken, würden sie diese später auch vertragen. So oder so, laut Gesundheitsstudien kann auch Chinesen eine kleine Menge Milch oder Käse pro Tag nicht schaden
Rasant wachsender Milchkonsum
Der Pro-Kopf-Verbrauch an Milch verzeichnet in China ein stetiges Wachstum. Vor allem in Großstädten wie Shanghai, Peking oder Wuhan wird viel Milch konsumiert. In Shanghai lag der jährliche Verbrauch 2005 etwa bei 50kg pro Kopf (Milchkonsum wird in Kilogramm angegeben, da Milch auch Fett enthält). In ländlichen Gebieten liegt der Verbrauch nur bei circa 20kg pro Kopf und damit liegt China immer noch weit hinter alten Milchnationen wie Irland. Dort trinkt man pro Jahr 150kg Milch. Ebenfalls weit oben im Ranking sind interessanterweise die Vereinigten Arabischen Emirate mit 123kg.
Der Milchkonsum wird auch von staatlicher Seite sehr gefördert. So forderte der Premierminister Wen Jiabao die Bevölkerung auf, mehr Milch zu trinken. In den Großstädten zeigen zahlreiche Plakate fröhliche Kinder, die hoffen mit Milch groß und stark zu werden.
Käse in China
Schwieriger hat es freilich der Käse. In großen Teilen des Landes gilt er immer noch als verdorbene Milch und ruft bei Chinesen den gleichen Gesichtsausdruck hervor wie geröstete Maden bei Europäern. Dennoch: Auch der Käsekonsum steigt. In Shanghaier und Pekinger Supermärkten findet man tatsächlich eine kleine Auswahl an Käsesorten. Zwar sind diese nicht mit den europäischen Käsen vergleichbar, aber es ist ein Anfang. Teilweise wird sogar schon aus Europa, zum Beispiel aus dem Käseland Schweiz, importiert.
Liu Yang - Käsepionier in China
Einen großen Anteil an der wachsende Popularität des Käses in Peking hat Liu Yang, einer der wenigen chinesischen Käser. Inspiriert wurde er während eines sechsjährigen Aufenthalts in Frankreich. Eigentlich wollte er dort bloß studieren, geriet jedoch in die klebrigen Fänge des Käsehandwerks. Sein korsischer Nachbar, der sich der Käserei widmete, brachte ihn auf die Idee und so schrieb er sich an einer Käserei-Schule ein, an der er der einzige ausländische Student war.
Heute betreibt Liu Yang einen eigenen Käsebetrieb in Peking namens "Fromager de Pékin", dessen Verkaufsschlager der Beijing Gris ist. Der Käse erhielt seinen Namen aufgrund seiner gräulichen Färbung. Lieferprobleme hat Liu Yang mitlerweile nicht mehr. Die chinesische Region Innere Mongolei schickt sich an, zu einem der größten Milchgebiete weltweit zu werden. Die Produktion explodiert, Molkereien und Arbeitsplätze schießen aus der Erde. So muss Liu Yang heute nur noch die Käsebakterien aus Frankreich importieren und beschäftigt immerhin schon drei Angestellte.
Der "Fromager de Pékin" ist ein Sinnbild für den Käse in China: Die Begeisterung wächst unaufhaltsam.
Quellen:
- Milchkonsum der Chinesen
- Laktoseintoleranz bei chinesischer Bevölkerung
- Liu Yang und sein Betrieb
- Länder mit dem höchsten Milchverbrauch pro Kopf
