
- Veit Kassel schuf vier - Staatstheater Wiesbaden
Die Geschichte des im Jahr 1828 in Nürnberg aufgetauchten etwa 16jährigen Jungen, den man Kaspar Hauser nannte, interessiert seit bald zwei Jahrhunderten die historische, medizinische, sozialgeschichtliche, pädagogische und kriminalistische Wissenschaft, es gibt zahllose Publikationen. Auch von Dichtern und Schriftstellern sowie Filmemachern wurden die dunklen Ereignisse um den nicht sprechfähigen Jungen, der fünf Jahre nach seiner Entdeckung durch Stichverletzungen eines Unbekannten (oder sich selbst) ums Leben kam, mehrfach benutzt. Vor allem der bis heute nicht belegte Verdacht, es könne sich um den offiziell als Baby verstorbenen Erbprinzen von Baden handeln, belebte die Fantasie.
Verfilmungen von Peter Sehr und Werner Herzog
Im Bewusstsein der jüngeren Öffentlichkeit blieb sicher die Verfilmung von Peter Sehr (1994) mit dem grandios spielenden André Eisermann in der Hauptrolle, der die Leidensgeschichte des berühmten Findlings rekonstruierte und Wissenslücken mit Vermutungen auffüllte. Auch der Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ von Werner Herzog (1974) wird so manchem Cineasten noch im Gedächtnis sein.
Was ist ein Sprechstück?
Der österreichische Dramatiker, Romancier und Essayist Peter Handke verfasste 1967 das Theaterstück „Kaspar“, das sich in die Reihe von Handkes „Sprechstücken“ einordnen lässt. Sprechstücke bedürfen keiner Bühnendekoration, keiner logischen Handlung, keiner festgelegten Ordnung, sie sollen kein bestimmtes Bild von der Welt zeichnen, es geht ausschließlich um Begriffe, um Worte und ihre mündlichen Äußerungsformen und ihre Funktionen für Sprecher und Zuhörer. Sprachphilosophisch könnte man Handkes Sprechstücke als Theaterumsetzung der ein Jahrzehnt zuvor entwickelten Sprechakttheorie von John Austin und John Searle (kurz: wer spricht, handelt bereits) bewerten, die wiederum ohne Ludwig Wittgensteins Bedeutungsphilosophie undenkbar war.
"Publikumsbeschimpfung" 1966 in Frankfurt uraufgeführt
Peter Handkes bekanntestes Sprechstück, die oft aufgeführte "Publikumsbeschimpfung“ (1965), machte ihn schlagartig zum Enfant terrible der deutschsprachigen Theaterlandschaft der Sechziger Jahre. Auch die Stücke „Weissagung“ (1964) „Selbstbezichtigung“ (1965) sowie eben „Kaspar“ prägen diese schriftstellerische Phase Handkes. Interessanterweise beschäftigt sich Handke in seinem neuesten Buch „Bis daß der Tag euch scheidet oder eine Frage des Lichts“ nach jahrzehntelanger bewusster Abwendung vom provokativen modernen Theater mit Samuel Becketts Theaterklassiker „Das letzte Band“ (1958) und baut damit eine Art Sprechakt-Brücke in unsere Zeit. Seine Fortsetzung des Stücks wurde während der Salzburger Festspiele 2009 erstmals aufgeführt und viel beachtet.
Ist Sprecherziehung "Sprechfolterung"?
Handkes Sprechstücke haben auch nach vierzig Jahren noch nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten von Diskussionen um bessere Integration von Migrantenfamilien, um Frühförderung von Kindern fremdsprachiger Eltern, um die erschreckenden Diagnosen von Sprechdefiziten vieler Kinder aus deutschsprachigen Familien kurz vor der Einschulung gewinnen solche Bühneninszenierung der „reinen“ Sprache an politischer Brisanz. Peter Handke selbst bezeichnete die entblößte nackte Sprache seines „Kaspars“ als „Sprechfolterung“. Er definierte seine Theateridee auf erstaunlich bescheidene Weise: „Sprechstücke wollen nicht revolutionieren, sondern aufmerksam machen.“ Ein Anspruch, dem das Staatstheater Wiesbaden durchaus mit klassischen Stücken wie "Emilia Galotti" und "Romeo und Julia", aber auch mit modernem Regietheater gerecht wird.
Hessische Theaterakademie produziert "Kaspar"-Aufführung
Die Hessische Theaterakademie förderte eine Produktion von Absolventen in Kooperation mit dem Staatstheater Wiesbaden unter der Regie von Veit Kassel. Der 28jährige Veit Kassel beendet mit dieser Diplomarbeit sein Studium, allerdings ist er zumal im hessischen Theaterleben kein ganz Unbekannter mehr. Nach Assistenzzeiten am Wiener Burgtheater und am Schauspiel Frankfurt inszenierte er bereits 2008 am Stadttheater Gießen, beteiligte sich mit einer Regie am Heidelberger Stückemarkt 2009 und realisierte ein szenisches Projekt für eine Themenveranstaltung des Staatstheaters Wiesbaden.
Veit Kassel startet seine Theaterlaufbahn
Veit Kassel baute seine Inszenierung für das Studiotheater Wartburg des Staatstheaters Wiesbaden auf eine Grundidee auf: Die Figur des mühevoll sprechen lernenden und gepeinigten Kaspar wird durch vier Darsteller verkörpert: ein Gebärdensprachler, eine Tänzerin, eine Schauspielerin und ein Bulgare beherrschen eine gute Stunde lang die Bühne mit ihrer jeweils eigenen Ausdrucksform. Und sie machen das gut, denn sie verdeutlichen zunehmend die Gewalttätigkeit der Sprache, vor allem des Sprechenlernens, die Schablonisierung, die vernichtende Kraft, aber auch die Unvermeidlichkeit, sich in vorgefertigten Sprachhülsen auszudrücken, diese zu erlernen und damit viel mehr zu erwerben: die Überlebensfähigkeit zur Anpassung an Vorgegebenes, Vorbeurteiltes. Der Zuschauer erschrickt, wenn ihm klar wird, dass die sprachliche Entwicklung eines Menschen ein praktisch abgeschlossener Prozess ist, wenn das kindliche Bewusstsein überhaupt erst erwacht, oder wenn der Ausländer anfängt, in den gesellschaftlichen Realitäten der (in unserem Fall deutschsprachigen) In-Länder Fuß zu fassen.
Heinrich von Kleist, Samuel Beckett und Peter Handke: Sprachgewalt
Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden – Heinrich von Kleist ahnte in seinem berühmten Aufsatz von 1805 bereits, worum es ging. Samuel Beckett und Peter Handke stehen in dieser Tradition: Es geht um die Macht der Sprache, um Einflussnahme, um Manipulation. Handke: „Macht hat ja auch immer das Recht, d. h. (sie) hat Recht (sonst würde man sie wohl nicht als Macht, sondern als Gewalt bezeichnen).“
Peter Handke: Kaspar. Edition Suhrkamp 1966. Taschenbuch. 95 Seiten. 6,00 Euro.
Peter Handke: Publikumsbeschimpung und andere Sprechstücke. Suhrkamp Verlag 1968. Kartoniert. 95 Seiten. Neue Ausgabe 2008 mit einer DVD: Aufzeichnung der Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm. Regie: Claus Peymann. Hessischer Rundfunk 1966. 78 Minuten. 19,68 Euro.
Peter Handke: Bis daß der Tag euch scheidet oder eine Frage des Lichts. Ein Monolog. Sprachen: Deutsch, Französisch. Suhrkamp Verlag 2009. Kartoniert. 51 Seiten. 14,80 Euro.
