Katastrophentourismus – Reisen zu den Orten des Schreckens

Koffer packen und auf Reisen gehen - Rainer Sturm/pixelio.de
Koffer packen und auf Reisen gehen - Rainer Sturm/pixelio.de
Nicht alle Reiselustigen suchen Erholung. Manche Menschen zieht es im Urlaub an Orte, die mit Tod und Leid in Verbindung stehen.

Einmal die Stelle sehen, an der einst das World Trade Center stand und am 11. September 2001 fast 3.000 Menschen starben. Oder vielleicht einen Spaziergang durch die Stadt Tschernobyl machen, die 1986 Schauplatz einer nuklearen Katastrophe wurde. Als "Katastrophentourismus“ wird diese Art des Reisens bezeichnet, die Menschen bewusst an die Schauplätze von Terroranschlägen, Umweltkatastrophen und verheerenden Unfällen führt - nicht um zu helfen, sondern um zu sehen und zu hören.

Die historische Entwicklung des Katastrophentourismus’

Der Katastrophentourismus ist keine Erfindung des 20. oder des 21. Jahrhunderts, auch wenn er sich in diesem Zeitraum durch die verbesserten logistischen Möglichkeiten stark weiter entwickelt hat. Bereits im Amerikanischen Bürgerkrieg zogen die Schlachtfelder, auf denen die Soldaten der Südstaaten und der Nordstaaten ihr Leben ließen, viele Touristen an.

Ein besonders markantes und makaberes Beispiel für Katastrophentourismus stammt aus dem Jahr 1921. Damals erschien in den Basler Nachrichten eine Anzeige für eine Reise nach Verdun, zum Ort der Schlacht zwischen deutschen und französischen Soldaten, die fünf Jahre zuvor stattgefunden und bis zu 300.000 Opfer gefordert hatte. In der Anzeige wurde damit geworben, dass Touristen bei guter Verpflegung unvergessliche Eindrücke von einem der spektakulärsten Kriegsschauplätze bekommen würden, der von Granaten und Blut gezeichnet ist. Weiterhin wurde den Teilnehmern versprochen, der Einlieferung nicht identifizierter Gefallener in das Beinhaus von Thiaumont beiwohnen zu dürfen.

Bevorzugte Ziele des modernen Katastrophentourismus’

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehören die Orte jüngerer Unglücke zu den bevorzugten Reisezielen von Katastrophentouristen. Neben dem "Ground Zero" von New York und der Geisterstadt Tschernobyl zählen dazu unter anderem die holländische Stadt Enschede, in der 2000 eine Feuerwerkskörperfabrik explodierte, die Regionen Südasiens, die 2004 von einem gewaltigen Tsunami getroffen wurden, das durch den Hurrikan Kathrina 2005 schwer geschädigte New Orleans, und der 2010 von einem Erdbeben heimgesuchte Inselstaat Haiti.

Auch die Schauplätze folgenschwerer Flugzeugabstürze sowie Orte, an denen sich verlustreiche Zugunglücke ereigneten, beispielsweise Eschede und Lathen, sind beliebte Reiseziele bei dieser Art des Tourismus’. Darüber hinaus fühlen sich viele Menschen zu den Heimatstädten von Verbrechern, deren Taten großes Aufsehen erregten, hingezogen. Als Beispiel ist hier das österreichische Amstetten, der Wohnort des Inzesttäters Josef Fritzl, zu nennen.

Organisation und Motive des Katastrophentourismus’

In der Regel werden die Reisen zu Unglücksorten von den Reisenden selbst organisiert, doch es gibt durchaus Reiseveranstalter und Reisebüros, die solche Ausflüge anbieten. Über die Motive der Katastrophentouristen lässt sich ausgedehnt diskutieren. Vorrangig ist es wohl die Faszination für Leid und Tod und das Interesse an echtem Grauen, das die Menschen anzieht. Katastrophentourismus bietet die Möglichkeit, die Folgen schwerer Unglücke zu begutachten, von denen man selbst nicht betroffen ist. Des Weiteren hoffen Touristen, vor allem kurz nach einer Katastrophe, Fotos zu machen oder Gegenstände an sich zu nehmen, mit denen sie Eindruck schinden oder sogar Geld verdienen können.

Kritik, Gegenstimmen und Schwierigkeiten der Abgrenzung

Die Mehrheit der Menschen empfindet den Katastrophentourismus als makaber und würdelos, doch Befürworter weisen darauf hin, dass auf diesem Wege die Wirtschaft des betroffenen Gebietes angekurbelt wird. Schwierig ist in diesem Zusammenhang auch die Abgrenzung zu Reisen an Gedenkstätten, wie zum Beispiel nach Auschwitz zu den Überresten des Konzentrationslagers. Auch hier besuchen Touristen einen Ort, an dem tausende Menschen gewaltsam starben, doch handelt es sich in der Regel um Kurzbesuche, die dem Gedenken und der historischen Forschung gewidmet sind. Hier muss man vorsichtig sein, Touristen, die das Grauen fasziniert, und solche, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollen, nicht in einen Topf zu werfen.

Maret Hosemann, Maret Hosemann

Maret Hosemann - Ich habe meinen Magisterabschluss in Deutsche Philologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gemacht und in ...

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