Katharina Höftmann: "Deutsche sind besessen von Israel"

Komische Geschichten aus dem Holy Land - Heyne Verlag
Komische Geschichten aus dem Holy Land - Heyne Verlag
Im Interview via Skype zwischen Berlin und Tel Aviv erzählt die junge Autorin von der Faszination Israels und ihrem witzigen Buch "Guten Morgen, Tel Aviv!".

Die geborene Rostockerin Katharina Höftmann (27) lebt seit 2010 in Tel Aviv. Für DIE WELT bloggt sie regelmäßig bissige und lustige Geschichten aus dem Heiligen Land. Am 9. November 2011 erscheint ihr erstes Buch "Guten Morgen, Tel Aviv!" im Heyne Verlag. Es ist ganz anders, als man Land und Leute bisher kennt. Zum Totlachen, echt. Suite101-Autorin Caroline Stern traf sich bei Skype zum Interview.

Wie ist die Stimmung in Israel?

Gut. Auf den Straßen ist viel los – wie immer in Tel Aviv.

Kommen da nicht öfter mal Bomben geflogen oder gibt es Anschläge, von denen Sie etwas mitkriegen?

Tel Aviv wird nicht zu Unrecht "The Bubble", "die Blase", genannt. Das heißt, wenn man hier lebt, ist man vom Rest des Landes ein bisschen abgeschnitten, insofern, dass man von Anschlägen und gelegentlichen Raketenabschüssen nicht direkt etwas mitbekommt. Ich lese ja extrem viele Nachrichten und denke dann oft: Um Himmels Willen, da draußen geht die Welt unter. Wir werden alle sterben! Dann geht man ins Kaffee und alle sitzen tiefenentspannt da und trinken ihren Espresso. Das ist hier manchmal etwas surreal.

Was weckte in Ihnen den Wunsch, ein witziges Buch über Israel zu schreiben?

Erst einmal grundsätzlich das Bedürfnis zu schreiben und zu erzählen. Die "Guten Morgen, Tel Aviv"-Kolumnen habe ich angefangen im Rahmen eines Blogs für DIE WELT. Ich überlegte im Vorhinein, was bietet Mehrwert, denn es gab schon ein paar Israel-Blogs von der FAZ etc. Also habe ich das Land auf mich wirken lassen und merkte, dass es eigentlich ein unglaublich komisches Land ist. Der Einzige, der aber wirklich mal witzige Geschichten aus Israel erzählt hat, war Ephraim Kishon. Die sind mega erfolgreich. Ich fragte mich, warum hat danach nie wieder jemand amüsante Anekdoten aus Israel erzählt? Hier passieren Dinge, die woanders nicht möglich sind. Und so kam ich auf die Idee, lustige Geschichten zu machen, die auch viele von den Vorurteilen, die man so hat und viele von diesen Stereotypen aufs Korn nehmen und ein bisschen das andere Gesicht Israels zeigen sollen.

Haben Sie das fertige Manuskript ihren israelischen Verwandten in Spe gezeigt, die in den meisten Geschichten vorkommen?

Oh Gott, davor graut es mir noch! Die eine oder andere Kolumne habe ich ihnen schon erzählt, zum Beispiel wo wir die Waschmaschine und den Kühlschrank kaufen oder die Geschichte über israelische Familien, wo die Oma nicht ins Auto kommt. Zum Glück können die darüber auch lachen. Aber wenn sie alle Geschichten lesen könnten – Voraussetzung dafür wäre natürlich eine Übersetzung des Buches –, dann wäre mir schon ein wenig mulmig zumute.

Warum glauben Sie, dass Ihr Buch wichtig ist für Deutschland?

Ich glaube, dass in dem Buch trotz Israel vor allem auch viel Deutsches drinsteckt und viel über die Deutschen drinsteht, zum Beispiel die Geschichte "Keine Panik", wo es darum geht, dass Deutsche gern Panik machen. Davon abgesehen ist natürlich Israel für Deutsche ein wichtiges Thema. Die Deutschen sind ja förmlich besessen von Israel. Und wenn sie dann schon so besessen sind und die Medien fast keine anderen außenpolitischen Themen haben außer Israel, dann können sie ja auch mal etwas lesen, das lustig ist. Ich glaube, das wäre ganz gut, damit sich alle mal ein bisschen entspannen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als man Sie von israelischer Seite zum ersten Mal auf den Holocaust angesprochen hat? Gibt es in Ihrer Generation immer noch Anfeindungen und Nazi-Vergleiche?

Das erste Mal war vor einigen Jahren, als ich an einem Studienprogramm teilnahm. Ich wohnte in einer WG und machte den Gasherd an. Da ich nicht vertraut war mit solchen Herden, vergaß ich das Feuer. Mein Mitbewohner schrie: "Die Deutschen vergasen uns wieder!" Das war mir unangenehm. Dann lachten aber alle und ich lachte schüchtern mit. In dem Moment merkte ich, dass die jungen Israelis einen anderen Bezug zu dem Thema haben. Sie besitzen einen tiefschwarzen Humor, was manchmal auch ein bisschen schwierig ist, weil man das in Deutschland nicht kennt und man sich dann fragt, ob man da überhaupt mitlachen kann. Aber auch im Rahmen meiner journalistischen Arbeit hier habe ich Holocaust-Überlebende kennengelernt und nie schlechte Erfahrung gemacht. Ich glaube, den meisten ist klar, dass ich selber viel zu jung bin. Aber es wird verlangt, dass man eine gewisse Verantwortung dafür übernimmt und dass man dafür kämpft, dass so etwas in Zukunft nicht noch einmal passieren wird. Auch für das Israel von heute wird eine gewisse Verantwortung erwartet, dass man es unterstützt.

An einer Stelle schreiben Sie, dass das jüdische Volk zum Regelverstoß erzogen wird, an anderer, dass es arrogant, laut und rüpelhaft ist. Meinen Sie, Israelis und Juden wollen vom Rest der Welt regelrecht gehasst statt geliebt werden, um sozusagen die biblische Prophezeiung zu erfüllen?

(lacht) Nein, ich glaube nicht, dass sie gehasst werden wollen. Im Gegenteil, sie wollen unbedingt geliebt werden von der ganzen Welt. Und dass sie rüpelhaft sind, hat andere Gründe, denke ich. Nicht, weil es ihnen grundsätzlich egal ist, was die Leute über sie denken, sondern es ist eher ein Post-Holocaust-Trauma – wir werden nie wieder Opfer sein, deswegen lassen wir uns von niemandem etwas gefallen. Aber natürlich ist das auch ein bisschen eine self-fullfilling prophecy. Ich glaube jedoch, grundsätzlich in ihrem Herzen wollen sie geliebt werden. Unbedingt.

In Ihrem Buch haben Sie vor allem die Unterschiede im Alltag von Israelis und Deutschen beschrieben. Welche Gemeinsamkeiten gibt es Ihrer Meinung nach?

Es gibt tatsächlich viel mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt. Ich bin ja in der ehemaligen DDR geboren und da sind sich einige Sachen doch ähnlich. Israel war am Anfang auch ein sozialistisches Land und hat deshalb extrem das Familiäre. Auch Tel Aviv und Berlin – da gibt es diese neue Achse und so sind sich die beiden Städte in vielem ähnlich. Also Avantgarde sein, innovativ denken etc. Es gibt viele Israelis, die gar nicht so anders sind als Deutsche, die also durchaus organisiert sind und einen Plan haben. Sonst wäre es auch nicht so eine erfolgreiche Wirtschaft. Das wäre gar nicht möglich, wenn es alles Chaoten hier gäbe, als die ich sie manchmal beschreibe.

Danke für das Interview.

Caroline Stern, (c)

Caroline Stern - Veröffentlichungen u. a. in: People Management, Time Out London und auf: morgenpost.de, stern.de, welt.de. Aufgewachsen in Plauen ...

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