
- Farbiger schreiben ohne Plot - Andrea_Kusajda/pixelio
Jeder Schreibratgeber, jeder Schreibguru im Internet bestätigt: Ein Autor muss erst plotten, dann schreiben. Der Plot - der Ablauf der Handlung - muss feststehen, andernfalls, so die These, würde nur Unstrukturiertes herauskommen, das auf dem Buchmarkt keine Chance hat.
Schreiben ohne Plot
Es gibt mehrere Gründe, ohne vorherige Planung zu schreiben. Der Wichtigste ist die Förderung der Kreativität.
Viele Autoren setzen dafür eigene Schreibstunden an, in denen sie ihre Gedanken frei wandern lassen und niederschreiben, was ihnen in den Sinn kommt. So werden ungewöhnliche Ideen freigesetzt, aber auch Alltagsgedanken festgehalten und, an sich nebensächliche, Beobachtungen können zum Keim einer neuen Geschichte werden.
Grundsätzlich "drauf los zu schreiben" gilt als sicherer Weg ins Chaos. Autoren wie Chris Baty sehen darin das genaue Gegenteil: die Grundbedingung kreativen "flows".
Der innere Zensor
Einfach zu beginnen und dem Plot die Chance geben, sich zu entfalten, das ist der Ansatz, der im NamoWrimo, dem National Writing Month, zur Ausführung gelangt, der traditionell im November jeden Jahres stattfindet und von Chris Beaty ins Leben gerufen wurde. Der Sinn dieser Methode besteht darin, den inneren Zensor auszuschalten, jene innere Instanz, die durch ständige begleitende Kritik am eigenen Schaffen jede Kreativität abzuwürgen vermag.
Kognitive Hintergründe
Einen Plot wie aus dem Nichts zu entfalten, ist nur deshalb möglich, weil es gar nicht viele grundlegende Handlungsstränge gibt, die ein Autor verwenden kann. Durch Lektüre und Fernsehen sind diese Grundmuster in jedem Menschen verankert. Sie erzeugen beim Leser und beim Zuschauer Erwartungen bezüglich des Ablaufs einer Handlung in fiktionellem Rahmen. Verstößt ein Autor gegen diese Erwartung, wird der Rezipient in der Regel enttäuscht und unzufrieden sein.
Aus demselben Grund ist es möglich, Plots sich selbst entfalten zu lassen- dabei generiert das Gehirn aus den gespeicherten Beispielen eine neue Variante. Das setzt allerdings voraus, dass man viel gelesen hat - so wie es angehenden Autoren auch immer empfohlen wird. Ganz besonders gilt das für das gewählte Genre. Nur durch umfangreiche Leseerfahrung kann ein genre-gerechter Plot generiert werden.
Anfängerfehler
Einfach loszuschreiben, ohne einen Plot zu entwerfen, ist ein typisches Vorgehen des Beginners. Hier wird der positive Effekt des Nicht-Plottens schnell in sein Gegenteil verkehrt. Das Manuskript wird zu lang, führt ins Leere, bietet lediglich Langeweile mit gelegentlichen Handlungsspitzen.
Der Fehler entsteht, wenn entweder zu wenig Leseerfahrung im gewählten Genre besteht, oder weil angenommen wird, das Unterbewusstsein sei allein in der Lage, eine druckreife Story hervorzubringen. Das ist aber ein grundsätzliches Missverständnis im Bezug auf das Non-Plotting.
Planen im Vorübergehen
Nicht-Plotter sind keinesfalls Autoren, die nicht planen. Sie entwerfen ihre Geschichte gewissermaßen im Vorübergehen. Das bedeutet, dass mit einer Anfangsszene der Ton und die Richtung festgelegt werden. Figuren werden entwickelt und gewinnen Eigendynamik. Ein Handlungsfaden zeichnet sich ab. Der Autor tastet sich vor, so als wandere er mit einer Taschenlampe durch einen Raum voller Möglichkeiten, immer nur in der Lage, zu sehen, was der Lichtkegel enthüllt. Dabei erschließt sich in der Regel bereits in den ersten drei Kapiteln, auf welches Ende die Geschichte zuläuft. Daraus widerum ergeben sich zwingend Zwischenschritte, die auf dieses Ende hinführen. Je erfahrener ein Autor ist, desto schneller strukturiert sich der anfangs ungeplante Plot. In der Regel wird mit jedem zusätzlichen Kapitel mehr geplant und diese Planung schriftlich fixiert.
Vorteile des Non-Plotting
Der Buchmarkt hält eine Fülle von Romanen bereit, die mehrheitlich nach einem bestimmten Muster entstanden sind. Daher wirken manche von ihnen tatsächlich wie auf dem Reißbrett entworfen, erfüllen zwar die Lesererwartung bezüglich der Handlunsglinien, wirken aber blutleer und uninspiriert. Das ist hauptsächlich dann der Fall, wenn nach einem engen Raster Kapitel für Kapitel und Szene für Szene so vorgeplant sind, das sich ein Effekt ergibt, der dem bekannten "Malen nach Zahlen" ähnelt.
Gute Autoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie dieser vorgeplanten Struktur Leben einzuhauchen vermögen. Sie bleiben flexibel, berücksichtigen die Eigendynamik der Figuren, während sie schreiben, und gelangen so zu einem fesselnden Roman.
Es entstehen auf diese Weise jedoch auch ganze Reihen von recht schematisch wirkenden Serienromanen mit berechenbaren Enden und oberflächlicher Figurenzeichnung, die so anregend sind, wie ein Weihnachtskeks aus industrieller Fertigung.
Das wird durch Non-Plotting vermieden.
Nachteile des Non-Plottings
Neben Anfängern können auch erfahrene Autoren sich in einem nicht geplotteten Manuskript verirren. Es entstehen möglicherweise überflüssige Szenen oder Kapitel, die im Rahmen der Handlung letztlich keine Funktion mehr besitzen.
Daher erfordert das Manuskript eine besonders gründliche Überarbeitung. Lücken müssen geschlossen, Überflüssiges muss gestrichen werden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Prämisse zu: Jeder Roman enthält, ob geplant oder nicht, eine Prämisse - eine, in einem Satz zusammenfassbare Botschaft, beispielsweise: Liebe zu einem unpassenden Partner führt zum Untergang (Nabokov, Lolita).
Bei der Überarbeitung muss sichergestellt sein, dass die Handlung insgesamt und in allen Teilen auf diese Prämisse verweist. Andernfalls entsteht beim Leser das Gefühl, dass er nicht weiß, worum es in dem Buch eigentlich ging.
Non-Plotting als Chance
Frisch anzufangen, ohne zuerst zu plotten, kann Autoren aus Phasen geringer kreativer Leistung befreien und Schreibblockaden lösen. Dazu muss man sich eine solche Vorgehensweise jedoch erst einmal "erlauben", sie zulassen, obwohl sie als bedrohlich empfunden werden kann.
Das Nicht-Plotten kann mehr kreative Impulse freisetzen, die zu einem tieferen Roman führen, da das Unterbewusstsein stärker zu seinem Recht kommt.
Dazu bietet ein Schreibmonat nach Vorbild des NamoWrimo einen geeigneten Rahmen, weil er die Sicherheit eines abgegrenzten Experiments bietet. Auch die Teilnahme am NamoWrimo selbst kann genutzt werden - hier ist es Ziel, innerhalb der 30 Tage im November insgesamt 50.000 Zeichen zu schreiben. Daraus sind schon viele, vielversprechende Schreibprojekte hervorgegangen.
Nicht-Plotter und Plotter: ein Missverständnis
In Schreibforen werden beide Vorgehensweisen diskutiert - nicht selten kontrovers. Dabei unterliegen die vermeintlichen Unterschiede meist einer erheblichen Überschätzung.
Der Plotter, der seinen Roman mehr oder weniger detailliert vorplant, wird im Zweifel ständig Impulse einarbeiten, seine Planung anpassen und schließlich Hinweise seiner Beta-Leser berücksichtigen. Der Nicht-Plotter entwirft im Allgemeinen mehr, als er selbst merkt und arbeitet nach derselben genrebezogenen grundsätzlichen Handlungslinie. Die Differenz der beiden Vorgehensweisen liegt vor allem im Zeitpunkt, ab dem intensiv geplant wird.
Besonders ausgeprägte Formen der beiden Planungsstrategien kommen dann zum Einsatz, wenn ein bestimmtes Ziel vorliegt: beim Plotter die Abgabe eines seriengerichten Romans innerhalb beispielsweise einer Heftreihe, beim Non-Plotter die Freisetzung kreativer Energie, wenn das eigen Schaffen als inzwischen zu schematisch empfunden wird.
Anfängern kann Non-Plotting nur als Initialzündung empfohlen werden, da andernfalls viel Zeit und Energie für das Erstellen eines Manuskripts aufgewendet werden, das sich dann nicht an einen Verlag vermitteln lässt.
