
- Liebesschlösser am Brückengeländer - Katharina LaBrava
Es ist ein noch recht neuer Trend, der jedoch schnell viele Anhänger vor allem in der jungen Generation gefunden hat. In zahlreichen Städten Nord- und Südeuropas hängen verliebte Paare oder ganze Familien ein Schloss mit ihren Initialen und dem Datum des Akts zumeist an Brückengeländer, schließen es ab und werfen den Schlüssel fort, um so ihrer Liebe ein Zeichen zu setzen. Die Hoffnung hinter dieser Symbolik liegt in der Beständigkeit der Gefühle: die ewige Liebe, deren Zeichen eine nicht mehr zu lösende Verbindung ist. Doch in Lübeck zeigt man sich dieser Romantik gegenüber unaufgeschlossen.
Ein Hauch von erträumter Beständigkeit in der modernen Zeit des stetigen Wandels
Man findet oder besser fand die Liebesschlösser nicht nur in Lübeck, vor allem an der Kölner Hohenzollernbrücke hat der Brauch eine Menge Anhänger und auch in vielen weiteren Städten Nordeuropas und ganz besonders häufig in Italien, wo sie amorchetti heißen.
Als Ort für die dauerhaften Zeichen der Liebe wird in den meisten Fällen eine Brücke als Ort des Übergangs gewählt. Dies hängt damit zusammen, dass die Schlösser häufig von jungen Paaren angebracht werden, die sich selbst gerade in einer Phase des Übergangs befinden. Diese Brückenphase ist in der modernen Gesellschaft stark in die Länge gezogen. Die Zeit des Wandels beginnt mit der frühen Pubertät und endet mit dem Einstieg in das geregelte Berufsleben und mit der Gründung einer eigenen Familie heutzutage oftmals erst mit Mitte Dreißig. Somit ist die Phase der Unsicherheit deutlich länger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Es entsteht die Suche nach einer beständigen und sicheren Stütze, die gern in einer Partnerschaft gesehen wird.
Aufgekommen ist dieser Brauch entgegen den Aussagen manch eines Reiseführers erst im späten 20. Jahrhundert. Doch worauf gründet er eigentlich?
Woher kommt die Idee mit den Liebesschlössern?
Die Symbolik von Schloss und Schlüssel ist schon seit dem Spätmittelalter bekannt, wo sie eine der zentralen ikonographischen Hauptmotive des christlichen Glaubens wurde. Bereits in den Schriften der Bibel findet sich zum Beispiel die Schlüsselübergabe an Petrus. Damals waren Schloss und Schlüssel hauptsächlich ein Zeichen von Macht und Herrschaft. So erklärt sich auch das wiederholte Auftauchen in den klassischen Märchen.
Mit der Aufklärung wird die Symbolik der Schlösser und Schlüssel neu belegt. Es kommt die Assoziation der Zusammengehörigkeit ins Spiel. Mit der Romantik werden Werte wie Freundschaft, Liebe und Familie zusammen mit ihrer äußeren Darstellung zentral. Man hat Freundschaftsbänder geflochten und ritzte Namen und Herzen in Baumstämme, die Urform des Liebesschlosses.
Es gibt aber auch eine Abspaltung der Tradition. So finden sich an Brücken in Florenz und Südtirol Schlösser junger Männer, die am Ende ihrer Militärdienstzeit ihre wiedergewonnene Freiheit mit dem Anbringen eines solchen Schlosses feiern. Diese Schlösser hatten zuvor ihre Spinde verschlossen.
Die Begründung der Schloss-Gegner stößt auf Unverständnis
Die Stadtverwaltung Lübeck spricht von einer dringenden Notwendigkeit, da die rostenden Schlösser auf Dauer die Brückengeländer angreifen würden und sich die Stadt schlichtweg keine weiteren Reparaturen der Brücken leisten könne. Eine fragwürdig anmutende Begründung bei einem Edelstahlgeländer, das eigentlich rostfreie Materialien verspricht. Stadtsprecher Langentepe versteht sich jedoch nicht als Liebestöter. Seiner Aussage nach werde das Abmontieren dieser Symbole keine Ehen zerstören.
Das sicherlich nicht, aber dennoch zeigen sich die Menschen verständnislos angesichts so viel Bürokratie. In Lübeck hatte man das noch verhältnismäßig kleine Aufkeimen dieses Trends unter Verliebten als interessantes Highlight gesehen, welches zur Stadtkultur beiträgt und auch als touristischer Faktor dienen konnte. In der Tat hatte die Tourismusagentur bereits geplant, dieses Ritual für die Stadt zu nutzen. Wie die Chefin der Lübecker Tourismusagentur, Gastager, äußerte, seien bereits Merchandising-Schlösser für Lübeck geplant gewesen, da man die Idee als romantisches Ritual für Urlauber begrüßt habe, vergleichbar zum Beispiel mit der Fontana de Trevi in Rom. Gerade im Urlaub spielten Emotionen schließlich eine große Rolle. Wer nun als Tourist hier seiner Liebe ein Zeichen setze, fühle sich durch diese gemeinsame schöne Erinnerung in gewisser Weise auch mit der Stadt verbunden.
Vertreter der Bürgerschaft zeigen ihren Unmut offen. So bezeichnete der CDU-Fraktionschef Zander die Schlossknacker treffend als "Spaßbremsen" und zeigt damit deutlich, dass so viel Bürokratie im Volk nicht ankommt. Selbstverständlich hat Lübeck genug Kosten für Sanierungsarbeiten an Straßen und Brücken zu tragen, die Schlösser über die Trave jedoch stellen ein unverhältnismäßig geringes "Problem" dar, das wohl eher ein Sommerloch füllen sollte als ernsthaft gefährlich zu sein. So sieht es auch SPD-Fraktionschef Reinhard, der vermutet, in der Verwaltung habe man wohl gerade nichts Besseres zu tun. Triftige Gründe für den Abbau der Schlösser seien jedenfalls nicht vorgetragen worden und so verwundert es nicht, dass die Grünen die Lübecker Stadtverwaltung "kleinkariert" nennen.
Die Lübecker zeigen sich enttäuscht von ihrer Stadt
Die Reaktion der Bevölkerung fällt deutlich aus. Eine Umfrage der Online-Version der städtischen Zeitung (LN-online / Lübecker Nachrichten) ergab schon am Vormittag der Veröffentlichung des Artikels eine zu 75 Prozent erboste Mehrheit für die Gegner der Entscheidung der Stadtverwaltung. In zahlreichen Kommentaren schreiben sich Leser ihren Frust von der Seele. Man nehme den ansonsten kahlen Brückengeländern ein Stück ihrer im Sonnenlicht glitzernden Seele. Kopfschütteln und Politikverdrossenheit macht sich wieder einmal breit.
Die Liebesschlösser werden als romantische und harmlose Bereicherung angesehen, ihre Beseitigung als herzlose Bürokratieversessenheit. Im sozialen Netzwerk Facebook formiert sich bereits der Widerstand in einer stetig wachsenden Gruppe mit dem schlagkräftigen Namen "Rettet die Liebesbrücke!" Es ist also davon auszugehen, dass bereits in kürzester Zeit neue Schlösser die ohnehin nicht gerade schöne Brücke zieren werden. Einen Liebesbrauch löscht man eben mit kleinen Gemeinheiten "von oben" nicht so einfach aus.
Quellen:
LN-online.de vom 15. Juli 2011
wochenspiegel online vom 8. Juli 2011
