Keine Fallas ohne valencianische Tracht

Kostbare Stoffe aus Damast und Seide, Spitzenmantilla und Fächer

Der hohe Messingkamm  - Margit Kunzke
Der hohe Messingkamm - Margit Kunzke
Was für die Valencianer fast schon zum Alltag gehört, ist für den Touristen ein ausgesprochener Augenschmaus. Zu den Fallas tragen die Valencianerinnen kostbare Trachten.

Mitten im Herzen von Valencia, in der handtuchschmalen Calle Manta 2, haben sie ihren Sitz: Francisco Lozano und Amparo Sánchez, die Schneider himmlischer Trachten. Sinnigerweise war das Haus auch die Geburtsstätte von Joaquín Sorolla, der als der Maler des valencianischen Lichtes gilt. Seine impressionistischen Bilder könnten Pate gestanden haben für die prächtigen, farbenfrohen Trachten, die die beiden Schneider in ihrer Werkstatt im Hinterhaus fertigen.

Keine Fallas ohne valencianische Tracht

In den Wochen vor den Fallas, dem größten und lautesten Fest in Valencia, haben Francisco und Amparo alle Hände voll zu tun. Jede Valencianerin, die etwas auf sich hält, will sich zu den traditionellen Fiestas am Sankt Josefstag von ihrer besten Seite zeigen. Und was wäre dazu mehr geeignet als eine dieser schönen, kleidsamen und dabei ungemein weiblichen valencianischen Trachten. Jede echte Valencianerin, meint Paco, habe mindestens drei dieser Prachtstücke in ihrem Kleiderschrank hängen.

Viele Nähte in Handarbeit

Schon die Auswahl an Trachten, Stoffen, Schmuck, Spitzen und schmückenden Details, die in dem kleinen Laden zu bewundern sind, vermitteln einen guten Eindruck dieser typisch valencianischen Prachtentfaltung. So hässlich kann eine Frau gar nicht sein, dass sie in dieser Tracht, geschminkt und frisiert, nicht schön wirkte. Doch bis die fertige Tracht vorliegt, muss viel gearbeitet werden. Auch im Zeitalter der elektronischen Nähmaschine steckt hier noch jede Menge Handarbeit dahinter.

Damast, Samt und Seide

Das, was die heutige Valencianerin zu den Fallas anzieht, hat sein Vorbild in der Kleidung der Bürgerfrauen des 18. und 19. Jahrhunderts. Abbildungen auf alten Kacheln oder Stichen dienen als Vorlage. So kann man dem Original möglichst nahe kommen. Das Tuch für die Tracht wurde und wird in den Orten rund um Valencia hergestellt. Man hat die Qual der Wahl, ob es schwerer, kostbar bestickter Damast sein soll oder lieber ein leichter Baumwollstoff in duftigen Sommerfarben. Wenn der Geldbeutel es erlaubt, kann es aber auch einmal ein Seidenstoff sein, der direkt aus China importiert wurde.

Handgewebtes Made-in-China

Heutzutage ist die Seide eher Made in Hongkong, aber nicht weniger kostbar. Francisco selbst besitzt noch ein altes Erbstück, eine Weste aus reiner handgewebter Seide mit echten Goldfäden bestickt. Sein Prachtstück kommt aus Indien. Es wird nur bei ganz besonderen Gelegenheiten getragen.

Sonst ist die Tracht der valencianischen Männer weniger spektakulär als die der Damen. Sie begnügen sich mit einem kniekurzen, weit geschnittenen Hosenrock. Die valencianische Abwandlung des Stiles, der in vielen Männertrachten des Mittelmeeraumes zu finden ist. Ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln, eine schmucke Weste und ein schwarzes, knapp sitzendes Jackett komplettieren den Aufzug. Den krönenden Abschluss bilden eine lange, bunt gehäkelte Zipfelmütze und ein flacher, runder Hut aus schwarzem Samt. Dazu trägt man weiße gehäkelte Kniestrümpfe und Espadrillas, die valencianischen geschnürten Stoffschuhe mit Espartograssohle. Über die Schulter wird eine bunte Wolldecke drapiert, die der Herr der Dame im Fall des Falles als Sitzunterlage zur Verfügung stellt.

Push-up mit Fischbein

Bei den Damen dagegen geht es ausgesprochen prächtig zu. Es fängt an mit einem weißen Baumwollunterrock, über den ein zweiter kommt. Der dritte ist meist farbig. Das hat einen moralischen Grund: Bei kühlem oder regnerischem Wetter pflegte man den kostbaren Oberrock schützend über den Kopf zu raffen Und welche Dame zeigt sich schon gern im schmucklosen, weißen Unterrock?

Um die Taille so richtig zur Geltung zu bringen und auch um den Busen ein bisschen zu heben, zieht frau ein Mieder an. Damit der Effekt auch der gewünschte ist, wird das Mieder mit Fischbein- oder Olivenholzstäbchen verstärkt. Der Busen wird mit einem hübschen Spitzenbrusttuch vor allzu neugierigen Blicken und der Märzkälte geschützt. Das bunt bestickte Umschlagtuch, beim Kirchbesuch von der schwarzen Spitzenmantilla verdeckt, vervollständigt das Ganze.

Eine Schürze, je nach Geschmack aus schwarzem oder weißem Batist oder duftiger Organza, mit Gold bestickt oder aus Spitze, rundet die Traje valenciana ab. Zu weißen Spitzenstrümpfen trägt die Valencianerin schwarze oder rote Lackpumps.

Haarnadeln, Messingkamm und Fächer

Doch was wäre die Tracht ohne die passende Frisur und den passenden Schmuck? Das Haar wird im Nacken zu einer großen Schnecke zusammengenommen. Diese wird mit pinchos - lange Haarnadeln-festgesteckt und von der peineta, dem hohen Messingkamm gekrönt. Auch über den Ohren wird das Haar zu Schnecken gedreht. Dazu kommen goldene Ohrringe, Halsketten und der Schmuck, der der Dame gefällt. Ein bunt bemalter Fächer darf nicht fehlen.

Diese prächtigen Trachten sind keineswegs pure Nostalgie, sondern ein ganz normales valencianisches Lebensgefühl. Da Gefühl scheint weit verbreitet zu sein, denn über Auftragsmangel können die beiden Schneider trotz Krise nicht klagen.

Margit Kunzke, Margit Kunzke

Margit Kunzke - Fast ein Vierteljahrhundert lebe und arbeite ich in Spanien als Journalistin. Gelernt habe ich mein journalistisches Handwerk nach dem ...

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