
- Ken Scholes: Hohelied - Blanvalet
Ken Scholes gehörte zu den Autoren-Entdeckungen des vergangenen Jahres – mit „Hohelied“ ist bereits sein drittes Fantasy-Buch der Reihe „Die Legende von Isaak“ erschienen. Und erneut zeigt Scholes seine Qualitäten als Autor: „Hohelied“ besticht mit ausgefeilten Charakteren sowie einer komplexen, spannenden Geschichte und überzeugt darüber hinaus auch sprachlich.
Hohelied – das Antiphon zum Lobgesang
Die Handlung von „Hohelied“ knüpft an die des Vorgängers „Lobgesang“ an. Rudolfo, Herr der Neun Häuser der Neun Wälder, und seine Frau Jin Li Tam sind glücklich, dass ihr Sohn Jakob überlebt hat. Doch der Frieden in den Benannten Landen ist trügerisch. Schon bald nachdem das durch Blutmagie beherrschte Machtvolk seine Grenzen um das zerstörte Windwir erweitert hat, gibt es einen Anschlag auf Rudolfos Familie. Schweren Herzens gibt er sie darauf hin in die Obhut der Blutmagier, in deren Mythologie Jin Li Tam und Jakob eine wichtige Stellung einnehmen.
Derweil arbeiten die Metallmänner an der Vollendung des Antiphons (so auch der Originaltitel von „Hohelied“) als Gegengesang zum Lobgesang, der Auserwählten den Einblick in eine Zukunftsvision gewährt. Auch Isaak folgt diesem Traum. Doch die Karmesinkaiserin und ihre Blutspäher trachten danach, den Traum zu zerstören. Und sie haben ihre Intrige sorgfältig vorbereitet.
Ken Scholes ist ein Meister der Intrige
Die Spannung in „Hohelied“ wird gespeist vom Unbekannten: Die Leser können die wahre Stärke der Karmesinkaiserin und ihrer Verbündeten genauso wenig einschätzen, wie die der Metallmänner, die ihren Traum vom Schutz des Lichtes leben. Auch enthüllt Scholes nur scheibchenweise, wie weit die Intrige geht, die ersonnen wurde, um die Androfranziner zu vernichten und welchen Preis die Mönche bereit waren, zum Schutz des Lichtes zu bezahlen. Ebenso kristallisiert sich erst nach und nach die genaue Verstrickung des Hauses Tam in die Intrige heraus.
Die großen Themen des Fantasy-Buchs sind Liebe, Glauben und Verlust. Wie Scholes selbst im Nachwort schreibt, starb sein Vater während er an „Hohelied“ arbeitete. Das spiegelt sich in den vielen Vater-Sohn-Beziehungen des Buches wider, die meist vom frühen Tod des Vaters gekennzeichnet sind. Verluste und Niederlagen verändern die glaubhaften Charaktere der „Legende von Isaak“: Rudolfo ertränkt seine Furcht im Alkohol, Bruder Charles kämpft um das Leben seiner menschlich gewordenen Maschine Isaak und Winters will ihr korrumpiertes Volk nicht im Stich lassen. Weder gibt es bei Scholes übermächtige Superhelden noch eindimensionale Bösewichter, deshalb berührt das Schicksal der so menschlichen Figuren.
Scholes setzt „Die Legende von Isaak“ mit „Requiem“ fort
„Die Legende von Isaak“, die mit „Sündenfall“ begann, soll sich über fünf Teile erstrecken, daher ist die Geschichte mit „Hohelied“ noch nicht vorbei. Die Fortsetzung trägt den Titel „Requiem“ im Original, ist aber noch nicht erschienen. Dementsprechend gibt es auch noch keinen Erscheinungstermin für die deutsche Übersetzung. Der Titel lässt vermuten, dass Rudolfo und seine Verbündeten noch weitere Verluste hinnehmen müssen und der Toten gedenken werden.
Ken Scholes: Hohelied. Die Legende von Isaak 3. Blanvalet 2011. Broschiertes Taschenbuch, 544 Seiten. Euro 15 (Österreich 15,50).
