Der Begriff des Wahns
In der Fachsprache wird diese Form des Wahns auch „Erotomanie“ genannt. Allgemein betrachtet wird der Wahn als „krankhaft entstandene Fehlbeurteilung der Realität beschrieben. An dieser Fehlbeurteilung wird mit absoluter Gewissheit und unkorrigierbar festgehalten, selbst wenn sie im Widerspruch zur Wirklichkeit, zur eigenen Lebenserfahrung und zum Urteil gesunder Mitmenschen steht (vgl. hierzu www.psychosoziale-gesundheit.net).
Schwärmerei ist nicht erotomanisch
Die Erotomanie ist deutlich von der Schwärmerei abzugrenzen. Auch diese Gefühle sind jedem spätestens seit der Pubertät vertraut – entweder schwärmt man für einen Sänger oder Schauspieler, oder aber auch für einen Lehrer. Meist ist demjenigen dabei bewusst, dass diese Schwärmerei nicht erwidert wird und dass das Objekt der Begierde vielfach noch nicht einmal etwas von den Gefühlen weiß, die ihm entgegen gebracht werden. Bis zu diesem Punkt ähneln sich Schwärmerei und Liebeswahn, was bedeutet, dass gesundes und krankhaftes Erleben nicht immer sofort klar abgegrenzt werden können.
Das zentrale Thema der Erotomanie besteht jedoch darin, dass der Verliebte glaubt, von eben jener Person, die meist nichts von dessen Gefühlen weiß, wiedergeliebt zu werden, auch wenn hierfür keinerlei Anzeichen vorhanden sind. Liebeskranke Personen sind meist von der Gegenliebe einer Person überzeugt, die sie nicht oder kaum kennen. Gegenargumente der Umwelt werden ignoriert oder zu entkräften versucht. Sagt eine gute Freundin beispielsweise, dass die krankhaft Verliebte noch nie mit ihrem Herzensmann gesprochen habe, wird dahingehend argumentiert, dass der Geliebte durch äußere Einflüsse daran gehindert sei, deutlicher in seinen Gefühlsäußerungen ihr gegenüber zu werden (Schüchternheit, bestehende Partnerschaft, berufliche oder gesellschaftliche Situation etc.)
Fehldeutungen eines Verliebten sind auch beim gesunden Menschen normal – kaum jemand, der schon einmal verliebt war, wird sich davon freisprechen können, Blicke, Äußerungen oder Gesten des Objektes der Begierde schon einmal missgedeutet zu haben. Beim gesunden Erleben können mögliche Fehlinterpretationen jedoch schnell anhand der Realität richtig gestellt werden.
Unkorrigierbare Fehleinschätzungen
Beim Liebeswahn lässt sich, wie bereits beschrieben, diese Fehlüberzeugung jedoch nicht korrigieren. Hinzu kommt, dass man sich unter normalen Umständen in jemanden verliebt oder für jemanden schwärmt, den man nicht nur einmal flüchtig gesehen hat, sondern den man näher kennt (im Falle einer Schwärmerei für einen Star hat man diesen meist vorher öfter im Fernsehen und in Zeitschriften gesehen). Die Liebeskranke – Frauen sind von dieser Form des Wahns überdurchschnittlich häufig betroffen – verliebt sich im Gegensatz dazu häufig in Männer, die sie nur flüchtig kennt. Meist handelt es sich dabei um Personen, die älter oder vermögender sind (vgl. www.psychosoziale-gesundheit.net). Problematisch wird es, wenn die Betroffene mit dem Objekt der Begierde in (erzwungenen) Kontakt treten will, sei es durch Briefe, Telefonterror, Kontrollbesuche u. ä. In vielen Fällen ist hierbei der Straftatbestand des Stalking erfüllt, da sich diese Belästigungen über einen längeren Zeitraum hinziehen und immer massiver werden können. In der Regel wird die „Liebe“ auf ein und dasselbe Objekt konzentriert.
Verlaufsformen und Behandlung
Der Beginn ist meist plötzlich, der Verlauf jedoch chronisch. Wie bei anderen Wahnformen auch, ist der Wahn selbst lediglich ein Symptom für eine andere psychische Erkrankung. Als Beispiele werden paranoide Psychosen oder bipolare affektive Störungen genannt. Neben der psychagogischen Betreuung ist, wie bei anderen Psychosen oder affektiven Störungen auch, eine medikamentöse Behandlung indiziert (Neuroleptika, Phasen-Prophylaktika).
Der Begriff „Erotomanie“ trifft die zugrunde liegende Störung nicht immer, da bei einem Teil der Wahnkranken nicht das sexuelle Erleben mit dem Liebesobjekt im Vordergrund steht, sondern eine Form höhergestellter, idealisierter Liebe, die von der Körperlichkeit losgelöst ist.
Hilfe für die Opfer eines solchen Liebeswahns
Dem Objekt der Begierde kann ausschließlich durch die Hilfsmaßnahmen geholfen werden, mit denen die Wahnkranke behandelt wird, denn auch seine Gegenwehr im Falle von unerwünschten Briefen oder Besuchen wird im Rahmen des Liebeswahns uminterpretiert oder sogar zu Ereignissen ausgeschmückt, die nie stattgefunden haben (z. B. versuchte Vergewaltigungen, Affären, heimliche Küsse).
Beim Opfer des Liebeswahns wird von der Umwelt häufig eine „Mitschuld“ gesucht. Eins der häufigsten Argumente lautet: „Du musst doch irgendwas gemacht haben oder irgendeinen Anlass gegeben haben, weil sich diese Frau in dich verliebt und dir so dermaßen nachgestellt hat.“ In diesem Fall ist das Opfer jedoch unschuldig, da beim wahnhaften Erleben, wie bereits dargestellt, häufig keine konkreten Anlässe notwendig sind, die von der Umwelt als solche eingestuft werden.
