
- Kathakali, der traditionelle Tanz von Kerala - spisharam, flickr.com
Es gibt gute Gründe für eine Reise nach Indien. Die Herzlichkeit seiner Menschen vor allem, die jahrtausendealte Kultur, atemberaubende Landschaften und verzaubernde Bauwerke. Allerdings gibt es auch Gründe, vor einer solchen Reise zurückzuschrecken: Lärm und Gestank, Slums, bedrückende Armut und Scharen von Bettlern. Wer in diesem Zwiespalt steckt, dem sei ein Besuch in Kerala ans Herz gelegt. Das Bundesland im Südwesten des Subkontinents ist in mancherlei Hinsicht etwas Besonderes.
Das Vorzeigeland aller Entwicklungshilfe
Wenn ein Beispiel dafür gesucht wird, wie sich ein Land trotz Armut gesund entwickeln kann, dann kommt die Rede früher oder später auf Kerala. Schon die drei Rajas, aus deren Fürstentümern das Land vor der Unabhängigkeit bestanden hat, haben etwas für Infrastruktur und Bildung getan. Nach der Unabhängigkeit Indiens, als entlang der Grenzen der Sprache Malayalam das Land Kerala zusammengestellt worden war, hat hier die kommunistische Partei die Wahlen von 1957 gewonnen und eine Landreform eingeleitet.
Inzwischen besitzen fast 90 Prozent der Haushalte Land, wenn auch oft nur sehr wenig. Aber in einem subtropischem Klima mit genügend Regen kommt man auch mit einem halben Hektar recht weit. Wer hier kein Haus hat, flicht sich auf seinem kleinen Grundstück eines aus Palmwedeln. Das ist nicht nur traditionell und malerisch, sondern auch regendicht und luftig - in einem Land mit den drei Jahreszeiten "heiß, noch heißer und völlig unerträglich" ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Und es führt dazu, dass sich die Dörfer unter ihren Kokospalmen weit ausbreiten.
Kerala hat keine richtigen Großstädte und keine Slums. Die Landeshauptstadt Trivandrum (richtiger: Thiruvananthapuram) und die größte Stadt Kochi machen eher den Eindruck gemütlicher Kleinstädtchen. Die Kommunistische Partei und die Kongresspartei mit ihren jeweiligen Bündnispartnern wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit in der Regierung ab, und in der Bevölkerung ist ehrenamtliches Engagement hoch angesehen.
Bildung und Gesundheit für alle
In Kerala liegt die Alphabetisierungsquote ebenso hoch wie in der Bundesrepublik Deutschland. Kinder gehen nicht zur Arbeit, sondern zur Schule; zumindest schließen sie die achtjährige Grundschule ab. Auch in entlegenen Fischerdörfern ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Jungen und Mädchen weiterführende Schulen besuchen. Und der Tourist wird viele Menschen treffen, mit denen er sich auf Englisch verständigen kann.
Viele Besucher kommen wegen ayurvedischer Behandlungen in das Bundesland. In deren Genuss kommen auch die Inder. Ein gut entwickeltes Netz von Gesundheitsdiensten, von westlichen wie ayurvedischen Ärzten sorgt dafür, dass in Kerala die durchschnittliche Lebenserwartung zehn Jahre höher ist als in Gesamtindien und die Säuglingssterblichkeit um drei Viertel geringer. Und das, obwohl auch Kerala ein armes Land ist und einige seiner Bewohner durch die sozialen Maschen fallen. Auch hier gibt es Bettler. Aber es gibt sie vereinzelt. Nichts spricht dagegen, ihnen ein paar Münzen in die Hand zu drücken; es werden nicht sofort ganze Bettlerscharen auftauchen und den hilflosen Touristen den restlichen Tag über verfolgen.
Die Stellung der Frauen von Kerala
Kerala ist das einzige Bundesland Indiens, in dem es mehr Frauen als Männer gibt. Das Verhältnis beträgt 1040 Frauen : 1000 Männer und bewegt sich damit im international üblichen Rahmen (Indien gesamt: 927 : 1000). Das lässt darauf schließen, dass es hier keine gezielte Abtreibung von weiblichen Embryos gibt, keinen Mord an oder Vernachlässigung von kleinen Mädchen und keine Mitgiftmorde an Ehefrauen und Schwiegertöchtern.
Kerala ist auch das einzige indische Land, in dem es als akezptabel gilt, wenn Frauen den Männer-Wickelrock Lunghi tragen. Und glaubwürdige Zeugen versichern, sie hätten einen Mann beobachtet mit einem Bündel Holz auf dem Kopf und eine Frau, die unbelastet neben ihm ging. Auch in Kerala ist das sicherlich kein alltäglicher Anblick; aber überall sonst in Indien ist es schlichtweg undenkbar. Allerdings: Frauen krempeln den Rock nicht wie Männer auf Kniehöhe auf. Auch in Kerala bewegen sich Männer und Frauen auf unterschiedlichen Wegen und kommen nicht in nähere Verbindung miteinander - alleinreisende Touristinnen wissen dieses System zu schätzen. Und wenn ein junges Mädchen es wagt, im ärmellosen Kleid aus dem Haus zu gehen (wenn auch selbstverständlich bodenlang), dann ist es von mindestens drei kichernden Freundinnen umringt.
Religionen in friedlicher Eintracht
Kühe liegen in Kerala nicht halb verhungert auf der Straße und halten den Verkehr auf, sondern sie werden an der Leine zu saftigen Flecken geführt und dort zum Grasen angepflockt. Dank der Einkreuzung von Schweizer Vieh sind sie gute Milchkühe. Und von den vielen Christen und Muslimen in Kerala werden sie auch gegessen. Nur gut die Hälfte der Einwohner Keralas sind Hindus. Die syrischen Christen führen sich auf den Apostel Thomas zurück, die Juden in Kochi auf die Vertreibung durch Kaiser Titus aus Jerusalem, und die Moslems wurden bereits zur Zeit des Propheten von arabischen Händlern missioniert. Genug Zeit also, miteinander leben zu lernen. Der Tourist wird immer wieder auf Menschen treffen, die ihm erklären, im Grunde würden doch alle Religionen den selben Gott anbeten.
Zu Weihnachten, der Hauptreisezeit in Kerala, dröhnen indische Melodien aus den Lautsprechern der Kirchen; und den Statuen der Heiligen werden - wie den Götterbildern in hinduistischen Tempeln - Blumengirlanden um den Hals gehängt. Die meisten Christen gehören der nestorianischen (armenisch) oder der syrisch-orthodoxen Kirche an, aber es gibt auch evangelikale Gemeinden; erinnert sei daran, dass der Großvater von Hermann Hesse hier Missionar gewesen ist und seine Mutter die Landessprache Malayalam sprach.
Noch farbenprächtiger sind hinduistische Feste. Die traditionellen Tanzformen Keralas werden dabei aufgeführt mit ihren Kostümen: Kathakali, das Tanzdrama, in dem Szenen aus hinduistischen Epen dargestellt werden; Theyyam, der rituelle Trance-Tanz mit seinem überdimensionalen Kopfputz; und Mohiniyattam, der anmutige Tanz der klassischen Verführerin. Wer die Gelegenheit hat, eine solche Aufführung zu sehen - und der Gelegenheiten gibt es viele in Kerala -, sollte sie sich nicht entgehen lassen.
Quelle und weitere Informationen:
- lonely planet, Reiseführer Südindien, Verlag Mairdumont, Ostfildern 2008 (612 Seiten)
- Reisetipps bei suite101: An den Wassern von Kerala
- Der kleine Gott Murugan
- Gender-Problematik in Indien
- Basis-Projekt: Der indische Bundesstaat Kerala
- Netzwerk Friedenskooperative: Erfolgsmodell Kerala
