Kernkraftwerke und Atompolitik in Frankreich

AKW Tricastin nördlich von Avignon - Dierk Schäfer, flickr
AKW Tricastin nördlich von Avignon - Dierk Schäfer, flickr
"La Grande Nation" Frankreich liegt in Sachen Kernenergie weltweit vorne. Sie betreibt 58 Reaktoren in 19 Atomkraftwerken, die ältesten seit über 50 Jahren.

Frankreich ist weltweit das beliebteste Touristenland. Frankreich gilt aber in Europa auch als Atomstaat Nummer eins und kommt im Weltvergleich gleich nach den USA, gemessen an der produzierten Atomenergie pro Kopf der Einwohner.

Wiederaufbereitungsanlage La Hague in der Normandie

Am meisten Schlagzeilen in der europäischen Wahrnehmung französischer Atompolitik hat sicherlich die seit dem Jahr 1966 laufende französische Wiederaufbereitungsanlage La Hague in der Normandie gemacht, gut 300 Kilometer vom Pariser Ballungsgebiet entfernt. Dort wurden lange Zeit auch verbrauchte Brennstäbe aus deutschen Kernkraftwerken "aufbereitet", ein Vorgang, der nichts mit Recycling zu tun hat und als noch gefährlicher gilt als die Strahlenbelastung, die durch die Reaktoren selbst ausgestoßen werden kann. Aus diesem Grund wurde der Transport von angebrannten Brennstäben durch Deutschland im Jahr 2005 schließlich verboten.

Frankreich unabhängiger Energieversorger

Frankreichs Politik gelang es ein halbes Jahrhundert lang, den Stolz der Bürger auf die Stärke des Staates als Energieversorger für den eigenen Bedarf und als internationalen Energieexporteur zu wecken und weitgehend zu erhalten. Die staatliche Energieunabhängigkeit vom Ausland und eine selbstbestimmte Versorgungssicherheit gehören zum französischen Nationalgefühl und zum Selbstbild der Franzosen als allgemeiner Konsens quer durch fast alle politischen Parteien. Kernkraft zu befürworten, ist fast eine Art Staatsräson. Dies ist mit ein Grund, weshalb kritische und warnende Stimmen von Umwelt- und Naturschützern, Atomgegnern und der französischen Grünen es immer schwer hatten, Gehör zu finden. Auch die gelegentlichen Zwischenfälle in französischen Reaktoren konnten die generell zustimmende Haltung der Franzosen nicht erschüttern.

80 Prozent Atomstrom in Frankreich

Bereits im Jahr 1956 wurde das erste Kernkraftwerk Frankreichs gebaut, 57 weitere folgten. 2005 bekräftigte ein Gesetz die Atomenergie als wichtigsten Energieträger zur Stromerzeugung in Frankreich, wobei erneuerbare Energieträger wie Windkraft, aber auch die Nutzung von Erdöl, Erdgas und Kohle ebenfalls gefördert werden sollen. Heute deckt die französische Atomenergie fast 80 Prozent des Strombedarfs im eigenen Land ab und exportiert den Überschuss unter anderem nach Italien, Großbritannien und Deutschland. Französischer Atomstrom gilt als Exportschlager und trägt zum internationalen wirtschaftlichen Ansehen der "Grande Nation" bei.

Mehr Elektroheizungen in französischen Häusern und Wohnungen

Die meisten Bürger Frankreichs profitieren zumindest indirekt deutlich im eigenen Portemonnaie von der selbstproduzierten Kernenergie. Wesentlich mehr Häuser und Wohnungen als in Deutschland sind mit Elektroheizungen ausgestattet, eine bedeutende Einsparung in der Bauphase. Da in vielen Gegenden das Wetter vom feucht-atlantischen oder milden Mittelmeerklima beeinflusst wird, sind die Winter häufig kürzer und weniger streng als jenseits des Rheins, auch dies ein Grund für viele Verbraucher, "einfache" und meist billigere Elektroheizungen zu nutzen.

Reaktor-Neubau in Flamanville in der Normandie

Nach Aussagen des französischen Ministeriums für auswärtige und europäische Angelegenheiten (Ministère des Affaires Étrangères et Européennes) endet die Lebensdauer für ein Drittel der französischen Kernkraftwerke im Jahr 2020. In Flamanville in der Normandie wird derzeit ein Reaktor der dritten Generation gebaut, der 2012 in Betrieb genommen werden soll. "Geplant ist, den Reaktor für Forschungsprogramme für die Technologie von Reaktoren der vierten Generation einzusetzen, deren Errichtung für etwa 2040 vorgesehen ist", verlautet es aus der Regierungsbehörde.

Atommüll in Frankreich unter Kontrolle?

Dieselbe Quelle (übermittelt durch die französische Botschaft in Deutschland) veröffentlicht folgende Zahlen: "Die 58 in Frankreich aktiven Reaktoren erzeugen insgesamt 1 Kilogramm radioaktive Abfälle je Einwohner/ je Jahr, von denen etwa 900 Gramm geringer oder mittlerer Strahlungsintensität mit kurzer Lebensdauer, 90 Gramm mittlerer Strahlungsintensität mit langer Lebensdauer und 10 Gramm mit hoher Radioaktivität sind. 96 Prozent der Radioaktivität ist in weniger als ein Prozent der Abfälle enthalten."

Könnte der Atommeiler Fessenheim einem Erdbeben standhalten?

Auch im französischen Hexagon wächst die Unruhe und Sorge der Bevölkerung nach den Reaktorkatastrophen in Japan. Darauf reagierte die Pariser Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet beschwichtigend, sie erklärte: "Frankreichs Atomkraftwerke sind darauf vorbereitet, von der Natur ausgehenden Risiken zu begegnen." Die Ministerin bezog sich in einer aktuellen Stellungnahme konkret auf den im Fokus der Kritik stehenden, weil überalterten Atommeiler in Fessenheim, 30 Kilometer vor der deutschen Grenze. Dieser könne sogar einem Erdbeben standhalten, das fünfmal so stark sei wie dasjenige, das im Jahr 1356 Basel erschütterte.

Weitere Hintergrundinformationen zur europäischen Atompolitik veröffentlicht die Bundeszentrale für politische Bildung.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

rss