
- Ketzerschwestern - www.gabriel.de
Arnulf Zitelmann, bekannter Jugendbuchautor, dem historische Themen am Herzen liegen, beschäftigt sich in „Ketzerschwestern“ mit den Beginen, einer Frauenbewegung des Hochmittelalters, die auf Taubenfüssen und im Herzen der Kirche Protest aussprachen und für die Selbstbestimmung der Frau eintrat. Diese Frauen wollten anders leben, als ihnen die patriarchalische Gesellschaft vorschlug, ohne männliche Bevormundung. Sie organisierten sich jenseits von Kloster und Familie, engagierten sich sozial, studierten – denn Freiheit und Eigenständigkeit waren ihr Motto. Anders dagegen lebten die Schwestern und Brüder vom freien Geist, die mit ihrem ketzerischen Gedankengut der Kirche den Rücken kehrten.
Beginenroman aus dem hochmittelalterlichen Regenburg
Die Geschichte der Zwillingsschwestern Ina und Kathie spielt sich im Beginenhaus in Regenburg ab, wo sie seit dem Tod der Eltern eine neue Heimat gefunden haben. Doch obwohl sie Zwillinge sind, und sich äußerlich kaum unterscheiden, sind die Mädchen vom Naturell sehr verschieden. Die naturverbundene und naive Kathie arbeitet im Garten mit Effelin, einer ehemaligen Prostituierten. Leider ist sie nicht des Lesens kundig wie ihre Schwester Ina, die in der Schreibstube arbeitet. Ina öffnet sich für neues Gedankengut, sympathisiert mit den Schwestern und Brüdern vom Freien Geist und distanziert sich von den kirchlichen Gesetzen. Heimlich trifft sie sich mit ihren „Ketzerfreunden“.
Kathie fühlt sich für die ruhelose Schwester verantwortlich. Als Ina verschwindet, macht sie sich voller Sorge auf die Suche, um ihrer schwangeren Schwester, der die Häscher der Kirche auf den Spuren sind, zu helfen.
Ein historischer Roman für junge Erwachsene
Das Thema des Romans – die Protestbewegung der frommen Frauen im Mittelalter, die um ihr Recht auf Selbstbestimmung kämpften – hat genug Spannungspotential. Der Konflikt, der ausgetragen wird, ist der Kampf des Individuums gegen die übermächtige Gesellschaft, der in der Kirche repräsentiert. Es ist ein fast aussichtsloser Kampf, wie es scheint.
Aber leider ist es nicht so. Das Buch ist trotzdem streckenweise zu langatmig und fad. Kathie ist naiv, ihr Leben langweilig, und für ein Jugendbuch weckt der Autor zu wenig Emotionen. Lange wartet der Leser auf den eigentlichen Konflikt zwischen den Schwestern; hofft, dass wirklich was Spannendes passiert. Aber das Leben im Beginenhaus geht seinen gewöhnlichen Gang, immer wieder hat Kathie Flashbacks und denkt an die Zeit mit der verstorbenen Effelin. Erst gegen Ende entfaltet sich die Spannung rasant. Ob Jugendliche heute so lange ausharren und weiterlesen?
Zitelmanns Schreibstil ist nüchtern. Die Kapitel sind weitschweifig und zu ausladend für ein Jugendbuch. Die Stärke des Autors ist allerdings die Vermittlung des mittelalterlichen Alltags. Durch die Lektüre werden die Leser vieles lernen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Doch sollte das nie das Ziel sein, denn ein Roman sollte unterhalten. Leider ist das hier nur begrenzt gelungen.
Hintergrundwissen pur – jedoch ohne Spannung
Im Anhang findet sich ein Nachwort, welches über die Situation der Frauen und die verschiedenen Bewegungen im Hochmittelalter berichtet. Hier kann sich der Leser mit den Beginen, der Mystik, und den Brüdern und Schwestern vom freien Geist vertraut machen. Sachwissen pur, kompakt und spannend angerichtet.
Unter Glossen kann der Leser unbekannte oder fremde Worte nachschlagen, z.B. Wehmutter, Ursulatag, Supplicium.
„Ketzerschwestern“ – ein stilvolles Cover, welches zum Lesen verführt
Rein optisch ist das Buch mehr als ansprechend. Der Schutzumschlag zeigt eine junge Frau mit geflochtenem Haarkranz. Welche der Zwillingsschwestern es ist, bleibt offen – entweder Ina, die der Kirche den Rücken zukehrt, um ihr eigenes Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen, oder aber Kathie, die dem Buch die Erzählstimme leiht.
An den Seiten des Covers sind zauberhafte Ornamente, Blumen, Menschen, Eulen. Jeder Kapitelanfang ziert die gleichen Ornamente. Für das Auge ist dieses Layout eine Freude, sowie der grüne Einband mit dem gelben Leseband.
Arnulf Zitelmann: Ketzerschwestern. 336 Seiten. Gebunden. Gabriel Veralg 2011. 14,95. Empfohlenes Alter ab 14 J.
