Kevin Kuranyi will zur WM in Südafrika

Trotz Top-Form bei Schalke 04 hat der Stürmer schlechte Karten

Nach seiner Stadionflucht 2008 wurde Kevin Kuranyi aus der Nationalelf verbannt. Obwohl er bei Schalke 04 einen Lauf hat, wird Jogi Löw ihn wohl nicht zurückholen.

Wenn Kevin Kuranyi eine Zeitreise unternehmen könnte, um etwas an seiner Laufbahn zu ändern, er würde wohl den 11. Oktober 2008 ansteuern. Damals spielte die Nationalelf in der Qualifikation zur WM in Südafrika gegen Russland. Und weil Jogi Löw aus dem Überangebot guter Stürmer einen streichen musste, landete der Schalker auf der Tribüne. Statt die Enttäuschung hinunterzuschlucken, türmte Kuranyi in der Halbzeitpause beleidigt aus dem Stadion und fuhr nach Hause. Eine Kurzschlusshandlung, mit der er sich keinen Gefallen getan hat. „So wie Kevin reagiert hat, kann ich das nicht akzeptierten“, zürnte Bundestrainer Jogi Löw. „Deshalb werde ich ihn auch in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren.“

In Stuttgart und Schalke hat Kevin Kuranyi viele Hochs und Tiefs erlebt

Er ist noch nicht einmal 28, doch Kuranyi hat als Fußballer so viele Hochs und Tiefs durchgemacht wie manch anderer Kicker in einer ganzen Karriere nicht. Trotz seines Ausnahmetalents und zuverlässig guter Torausbeute hat es der Sohn eines Deutsch-Brasilianers und einer Mutter aus Panama bisher noch immer geschafft, Fußball-Deutschland und selbst die Fans seiner jeweiligen Klubs zu spalten. Eine unbedarfte Interview-Äußerung hier, öffentliche Wechselambitionen dort. Und dank Gel-Frisur und akkurat getrimmtem Bärtchen erweckte Kuranyi bei Kritikern bisweilen den Eindruck, sein Äußeres sei ihm wichtiger als der Job auf dem Rasen.

Schon in Stuttgart, wo er 2002 seine Bundesliga-Karriere begann, wurde der Stürmer nicht vorbehaltlos geliebt. Zwar gehörte er beim VfB zu jener gefeierten Generation „junger Wilder“, die 2003 Vizemeister wurden und in der Champions-League sogar Manchester United besiegten. Sobald das Spiel der Schwaben aber ins Stocken geriet oder Kuranyi ein paar Bälle verstolperte, war er in Windeseile der Sündenbock.

Dank Felix Magath erobert Kuranyi endlich das Schalker Publikum

Obwohl er bisher in jeder Saison zweistellig traf, hat er die Herzen des Publikums auch bei seinem heutigen Klub Schalke 04 nicht im Sturm erobert. Als er 2005 von den Stuttgartern kam, eilte ihm der Ruf des Schlendrians voraus. Und das in einer Region, wo die Leute im echten Leben wie auf dem Fußballplatz nichts so sehr lieben wie harte Malocher. In jeder Schalke-Krise erntete der Mann mit der Nummer 22 denn auch die lautesten Pfiffe. Mehr als einmal sah es aus, als würden die Gelsenkirchener ihn bei nächster Gelegenheit ohne Federlesens verkaufen.

Wer Kuranyi in der laufenden Saison erlebt, mag das alles kaum glauben. Unter dem strengen Regiment seines neuen Coachs Felix Magath (der Kuranyi schon in Stuttgart förderte), stürmt er so stark wie lange nicht mehr. Perfekt austrainiert wirkt er, flink, robust und athletisch, und sein Einsatz stimmt. Möglichkeiten, wie er sie in manchen Phasen seiner Karriere schon mal gerne ausließ, verwandelt der 1,90-Meter-Lulatsch zurzeit traumwandlerisch sicher. Und wenn er weiter so trifft wie bisher (elf Mal in 20 Ligaspielen), reicht es am Saisonende vielleicht sogar erstmals für die Torjägerkanone.

Kuranyi hofft, dass Jogi Löw ihn vielleicht doch noch begnadigt

Dass die Schalker Kuranyi erst in der Winterpause abermals verkaufen wollten, lag diesmal nicht an der Leistung. Vielmehr spekulierte der klamme Revierklub auf eine schöne Stange Geld, um die drückende Schuldenlast zumindest ein bisschen zu schmälern. Doch ein Wechsel nach Sunderland platzte – zum Glück, wie Magath und Co. inzwischen wohl meinen. Auch der blau-weiße Anhang ist endlich begeistert und beginnt den Stürmer in seiner fünften Saison auf Schalke allmählich ins Herz zu schließen.

Es könnte alles so schön sein für Kuranyi, würde nur sein wunder Punkt nicht so sehr schmerzen: eben jener dumme Ausschluss aus der Nationalmannschaft vor anderthalb Jahren. Während sich kriselnde Kollegen wie Mirolsav Klose und Lukas Podolski auf die WM in Südafrika freuen, muss der bärenstarke Schalker das Großtunier im Sommer wohl daheim auf dem Sofa verfolgen. Zwar hofft er zaghaft, dass Jogi Löw ihn vielleicht doch noch begnadigt. Aber wer die konsequente Art des Bundestrainers kennt, muss daran zweifeln. Und eine Zeitreise, um das Zerwürfnis ungeschehen zu machen – so etwas gibt es halt eben nur in Science-Fiction-Romanen.