
- Nur Fliegen ist schöner? - Birgit Brüggehofe 2008
Seit Juli müssen Kinder unter zwei Jahren laut geltender EU-Verordnung im Flugzeug mit einem so genannten Loop-Belt, dem Schlaufengurt, angeschnallt werden. Mehrere Institutionen, darunter der TÜV Rheinland, haben bereits mehrfach ihre Bedenken gegen den Gurt formuliert. Sie raten Eltern, diesen Gurt besser nicht zu verwenden. Das Personal in den Flugzeugen wurde allerdings angewiesen, darauf zu achten, dass der Loop-Belt auch angelegt wird.
Ein Loop-Belt – was ist das eigentlich?
Wenn ich als Mutter oder Vater auf meinem Sitz angeschnallt bin, gibt es noch einen zweiten Gurt, der an meinem Gurt mitbefestigt ist: Ich habe das Kind während des Fluges sicher auf meinem Schoß, - es ist praktisch über diesen Loop-Belt auf mir festgeschnallt. Diese Konstruktion soll verhindern, dass ein Kleinkind bei Turbulenzen oder Notlandungen gegen den Vordersitz prallt oder durch die Kabine geschleudert wird.
Experten sehen die Sache etwas anders: Schon bei geringfügigen Problemen wie einem Startabbruch, bei dem der Flieger aus der begonnenen Beschleunigung ruckartig abbremsen muss, wird das Kind nicht nur durch den einschneidenden Gurt schwer an seinen inneren Organen verletzt. Weil Mutter oder Vater ja auch nach vorne schnellen, wird das Kleinkind wie in einem Klappmesser heftig zusammengedrückt.
Ingenieur Martin Sperber, TÜV Rheinland: „Die Verzögerungskräfte, die bei einer Notbremsung, Turbulenzen oder einer überlebbaren Crashlandung entstehen, werden unmittelbar in den empfindlichen Bauchbereich eingeleitet.“ Aber Crash-Tests des TÜV Rheinland haben noch mehr Erschreckendes ergeben: Der Kopf des Erwachsenen schlägt bei einem Unfall auf den Hinterkopf des Kindes auf.
Die Ergebnisse unzähliger Tests sind seit über zehn Jahren weltweit bekannt, dennoch ist der Gurt weiterhin im Einsatz, und es sind bereits Kinder an den Folgen der Loop-Belt-Verwendung gestorben. Der Loop-Belt stellt für ein Kleinkind alles andere als ein sicheres Rückhaltesystem dar. Allenfalls schützt er die Erwachsenen im Flugzeug, - vor in der Kabine herumfliegenden Kindern.
Alternativen?
Bisher waren Schlaufengurte bei deutschen Fluggesellschaften verboten, auch die USA, Kanada und Australien verwenden sie nicht (mehr). Das Luftfahrtbundesamt empfiehlt Eltern, einen eigenen Sitzplatz für ihr Kind zu buchen und zu reservieren, damit der Sprössling nicht plötzlich drei Reihen weiter sitzt, und bei der jeweiligen Fluggesellschaft nach Kindersitzen zu fragen. Hier sind allerdings nur vier TÜV-geprüfte Sitze zugelassen, was die Sache noch komplizierter macht. Weitere Auskunft zu den erlaubten Modellen erteilt das Deutsche Flugangst-Zentrum.
Also: Augen zu und Loop-Belt? Denn der muss laut Luftfahrtbundesamt benutzt werden, sobald die Anzeigen zum Anschnallen im Flugzeug aufleuchten.
Ignorieren lebensgefährlich
Mit Entsetzen reagierte die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) in einem offenen Brief an den Verkehrsminister auf die erfolgte Entscheidung und spricht von einer potenziell lebensgefährlichen Lösung. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit kann nicht nachvollziehen, dass man Kinder wissentlich lebensbedrohlich gefährdete.
Cockpit ist der Auffassung, dass starker Druck auf das Verkehrsministerium ausgeübt wurde. Die Bundestagsabgeordnete Miriam Gruss (FDP) ist überzeugt, dass, Zitat, „Herr Tiefensee wider besseren Wissens und Gewissens dem Druck der Airlines nachgegeben hat". Da andere Luftfahrtgesellschaften in der EU den Loop-Belt einführen, befürchtete die Lufthansa Wettbewerbsnachteile und hat bereits vor Beschluss des Gesetzesvorhabens über 3.000 dieser Schlaufengurte angeschafft.
Ulrich Riedmiller, Vorstandsmitglied der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO), äußerte sich Mitte Juli im WDR unverblümt deutlich, Zitat: „Wann haben auch die kleinsten Gäste an Bord von Verkehrsflugzeugen endlich ein Recht auf Sicherheit und realistische Überlebenschancen. Wieviel sind uns unsere Kinder eigentlich wert? Sind nicht auch die Kinder von heute die Fluggäste von morgen? Flugbegleiter sind schockiert und wütend, etwas aufgezwungen zu bekommen, was indiskutabel und sogar gefährlich ist. Politik versagt, - Lobbyisten haben mal wieder das Geld über den Menschen siegen lassen. Riedmüller fügte hinzu, es sei unglaublich, dass Kindersitze im Auto und auch bei Taxen vorgehalten werden müssten, in Flugzeugen das Kind jedoch auf dem Schoß festgehalten werden könne.
Die Lufthansa teilte jetzt mit, sie wolle den TÜV Rheinland beauftragen, so schnell wie möglich geeignete Sitze an Bord der Lufthansa-Flotte für die Verwendung handelsüblicher Autokindersitze qualifizieren. Allerdings nachdem die Lufthansa bereits 2005 eine schon laufende Qualifizierung abbrechen ließ und seinen Tochtergesellschaften Lufthansa Cityline und Augsburg Airways verboten hatte, ihre bereits vorliegende Zulassung für Kindersitze zu nutzen.
