
- Wo sind die Kinder? - Jan Thomas Otte
Christine Burghardt drückt auf den Klingelknopf bei Familie Hansen, im Stadtteil Köln-Müngerdsorf. Die 60jährige geht die Treppen des Reihenhauses hoch. Wohin genau, weiß sie nicht – nur, dass ein Baby geboren wurde. Und, dass dies der erste Besuch des Programms „Kinder Willkommen“ in Köln ist. Deutschlandweit gibt es viele solche Projekte. Das Besondere an KiWi ist, dass die Begrüßungsbesuche von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeführt werde. Ihre Aufgabe: "Familien beglückwünschen, Informationen bringen, aus denen ersichtlich ist, welche Angebote es für Familien gibt", sagt Tina Herzberg, Koordinatorin des KiWi-Projekts vom Jugendamt der Stadt Köln.
Rund sechs Wochen nach der Geburt bekommt nun jede Familie mit Nachwuchs im Kölner Stadtgebiet Besuch von Ehrenamtlichen
So wünscht es sich die Stadt. Ein Jahr wurde geplant und ausgebildet. Nun will sie den Eltern Mut machen, den Babys „so richtig willkommen sagen“, sagt Burghardt. Angekommen folgt ein nettes Händeschütteln - und die Frage, wie es dem Kleinen geht. Ole ist schon 8 Wochen alt, schmiegt sich an die Schulter seiner stolzen Mama. Sigrid Hansen, 45 Jahre alt, hält ihren kleinen Zappelphilipp im Arm. Oles Windeln müssen gewechselt. Christine Burghardt kommt gleich mit, tippt das Marienkäfer-Mobilee an. Ole scheint das zu mögen. Sie will gerne anpacken, soweit sie kann.
Schnelle Hilfe beim Besuchen ist selbstverständlich, so auch beim Wickeln
Herumstehen und wieder gehen liegt der Ehrenamtlichen nicht, die selber Mutter von zwei erwachsenen Kindern ist. Sie freut sich, im Projekt „KiWi“ so etwas wie eine Oma zu sein. Burghardts eigene Kinder wollten keine Enkel zeugen und forschen lieber nach Meeresschildkröten in Australien. Ole ist frisch gewickelt. Die Ehrenamtliche und Frau Hansen sitzen nun bei einer Tasse Kaffee in der Küche. Helfer wie Christine Burghardt wollen den Kleinen und ihren Eltern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dann geht es auch schon weiter, auf zum nächsten Besuch. Man will sich nicht aufdrängen, aber Präsenz zeigen. Eine weitere Familie steht auf Burghardts Plan. Ihr Tagesablauf ist wenig spektakulär, aber wichtig: Auf den Klingelknopf drücken, Willkommen sagen, Hände schütteln. In die Wohnung reingehen, das Kind bewundern. Diesmal ist es ein Mädchen, rund 4 Wochen alt.
Christine Burghardt überreicht ein kleines Willkommenspaket...
Das Babyschwimmen ist für die Mutter interessant. Kinderarzt, Babygymnastik und Krabbelgruppe hat sie bereits gefunden. Teilzeit-Oma Burghard streichelt dabei auch den Hund, spricht mit den anderen Geschwisterchen. Die Mama und sie freuen sich über diesen Besuch. Zudem wünscht sie sich ein stärkeres Bewusstsein für Kinder in der Stadt: „Morgens beim Bäcker geht’s schon los. Die Kunden werden schnell ungeduldig, wenn sich meine Kids Brötchen aussuchen wollen“. Das Einsteigen in die Straßenbahn oder Spielen auf den Grünflächen kommt dazu. Kinder würden zuviel Lärm machen – für Leute, die dafür kein Verständnis haben. Karriere oder Kinder? In Deutschland scheint das oft ein Widerspruch zu sein.
Vorm Besuch wird den Familien schriftlich ein Termin vorgeschlagen. Die Familie muss sich melden, wenn ihnen der Besuch nicht recht ist. Absagen werden respektiert
Bei Nichtantreffen der Eltern ohne Absage wird weiter versucht, Kontakt aufzunehmen, sagt Burghardt. Zusätzlicher Türöffner für den Besuch, der nach dem Wunsch der Träger ausdrücklich kein Kontrollbesuch sein soll, sind die kleinen Geschenke. Darunter Zahnbürsten, Buntstifte und Schlabberlätzchen. Bei allem Wunsch zur Prävention: Die Babybesuche in der Stadt sollen nicht prüfen, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist. Mit der intensiveren Vorsorge wollen die Träger erreichen, dass diese Kontrolle quasi „überflüssig“ wird, so Klaus-Peter Völlmecke vom Jugendamt. Bisher ist im Willkommenspaket nur Informationsmaterial mit Telefonnummern.
"Die Besuche durch die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind einmalige Besuche. Der Besuch kommt dadurch zu Stande, dass den Familien ein KiWi-Besuch angeboten wird", sagt Tina Herzberg. Die Koordinatorinnen vergeben die Termine. Ehrenamtliche erhalten ausschließlich zum Zweck des Besuches die Adresse der Familie. Telefonnummern der Familien liegen nicht vor. In Ausnahmefällen melden sich Familien persönlich und hinterlassen eine Nachricht mit Bitte um Rückruf. Diese Rückrufe werden selbstverständlich von den Fachkräften getätigt, die für die Koordination des jeweiligen Kölner Bezirkes zuständig sind.
Für weitere Geschenke wurden Sponsoren gesucht. Die Initiative vom „KiWi“-Konzept war dank privater Spenden an den Kölner Unterstützungsverein „wir helfen“ möglich...
Darauf stieg die Stadt bei der Finanzierung ein und organisiert die verschiedenen Träger unter einem Dach. Erfahrene Profis haben die Ehrenamtler geschult, um auch sozial schwächeren, alleinerziehenden oder geschiedenen Eltern den Rücken zu stärken. Klaus-Peter Völlmecke sucht weitere Paten, die bereit sind, nach einer 45-stündigen Ausbildung (zeitlich und örtlich flexibel) sich etwa zehn Stunden im Monat für junge Familien zu engagieren, indem sie Neugeborene etwa sechs Wochen nach der Geburt willkommen heißt. Bei ungefähr 10 000 Geburten in Köln pro Jahr kommen damit auf jeden Ehrenamtler und jede Ehrenamtlerin vier Hausbesuche pro Monat zu. Experten schätzen, dass fünf Prozent der Familien bereits bei Geburt professionelle Hilfe brauchen.
... samt viel Behörden-Deutsch und Verhandeln um Gelder zum guten Zweck
Im November 2007 hatte der Rat der Stadt Köln das Modul "Begrüßungsbesuche" beschlossen. Grundlage für die Ratsvorlage war das KiWi-Konzept, das, finanziert durch Gelder von "wir helfen", entwickelt wurde. Mit dem Ratsbeschluss wurde auch die Finanzierung des Konzeptes festgelegt. Die Begrüßungsbesuche werden von der Stadt Köln finanziert. Die Schulung der ersten Ehrenamtlichen umfasste ca. 45 Stunden und fand im Frühjahr 2008 statt. Seither werden zwei Mal jährlich Schulungen für KiWi-Ehrenamtliche angeboten. Heute umfassen die Schulungen 30 Stunden.
Zu Beginn der KiWi-Besuche bestanden die KiWi-Präsente aus einem Paar hochwertiger Babysöckchen und einem Gutschein der Kölner Philharmonie für ein Babykonzert. Seit Februar 2009 wird KiWi neben der Philharmonie noch vom 1. FC Köln, dem Kölner ZOO, dem Festkomitee Kölner Karneval und der RheinEnergie gesponsert. Dadurch haben sich die Präsente dann verändert. Ein Projekt in Zusammenarbeit der Stadt Köln von verschiedenen Trägern wie Kinderschutzbund und DRK.
