Kinder und Tischmanieren

Gutes Benehmen ist keine Glückssache

Tischmanieren? - Birgit Brüggehofe
Tischmanieren? - Birgit Brüggehofe
Wir alle beurteilen andere nach ihren Tischmanieren, bei vielen Anlässen. Aber was tun, wenn sich Ihre Kinder schmatzend den Weg durch Ihr gemeinsames Essen schaufeln?

Ob es um ein Essen im Haus eines Freundes oder ein Geschäftsessen geht, wir alle beurteilen Menschen nach ihren Tischmanieren. Aber was können Sie tun, wenn Ihre Kinder sich rülpsend und schmatzend ihren Weg durch Ihr gemeinsames Essen bahnen?

Die Jugendautorin und Benimm-Koryphäe Sybil Gräfin Schönfeldt betont nicht nur für diesen wichtigen Bereich guten Benehmens, welche entscheidende Rolle die Vorbildfunktion der Erwachsenen hier spielt:„Man spricht von guter Kinderstube, der oder jener hätte keine gehabt. Der Mensch nimmt in der Kindheit mit allen Sinnen auf, was um ihn herum geschieht. Er ahmt nach, instinktiv, um sich seiner Gruppe anzupassen, um zu lernen, um zu überleben, um Zustimmung und Liebe zu gewinnen. In dieser Sehnsucht liegt der Ursprung guten Benehmens.“

Es kann also nicht schaden, sich selbst daraufhin zu beobachten, ob man ein gutes Vorbild abgibt. Setzen Sie sich also nicht nur in Unterwäsche an den Mittagstisch, - es sei denn, Sie wollen, dass Ihre Kinder Ihrem Beispiel folgen.

Regeln – Aber bitte konstruktiv

Ordnung? Ja! Zwang? Nein. Beginnen Sie bei dem, was gut läuft: Anstatt all das aufzuzählen, was Ihr Kind falsch macht, betonen Sie das, was es schon richtig macht. Sagen Sie: "Letztens bei Knigges war ich richtig stolz auf dich! Ganz prima, wie du dir selbst etwas genommen hast, als die Schüssel herumging."

Essen selbst sollte nicht den Charakter einer nervigen Unterrichtsstunde haben. Denn dann werden Kinder nicht nur an gutem Benehmen, sondern auch am Essen selbst bald keinen Spaß mehr haben. Und das Gleiche gilt dann auch für Sie.

Ein Kind, dem Sie regelmäßig das Etikett „Schweinchen“ vor die Stirn kleben, wird Ihnen garantiert umgehend beweisen, wie sich ein perfektes Ferkel benimmt. Stattdessen sollten Sie sich konstruktiv äußern: „Wenn Du Deine Serviette so hinlegst, dann machst du dich nicht dreckig, falls Essen auf deine Sachen fällt."

Verspielt sein

Manieren geben Raum für Spielsituationen. Verwandeln Sie einen Abend in der Woche in spezielles Event, indem Sie ein formelles Abendessen gestalten. Machen Sie sich gemeinsam fein, servieren Sie mit den Kindern gemeinsam ein besonderes Essen, und das Wichtigste: Erwarten Sie entsprechendes Benehmen!

Die Autorin Christiane Paulsen z. B zeigt kindgerecht und phantasievoll illustriert mit „Essen wie ein König“, wie sich Eltern und Kinder im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch diesem Thema nähern können.

Hinter verschlossenen Türen

Und wie verhält man sich in informelleren Situationen? Da gehen die Meinungen auseinander: Manche Benimmratgeber, darunter etablierte Psychologen, können nicht genug betonen, dass ein Benehmen, dass sonst niemand sieht, als ein solches ja auch nicht sanktioniert würde. Kinder sollen also ruhig ihren Kartoffelbrei mit den Fingern essen oder sich die Spaghetti à la Pippi Langstrumpf mit der Küchenschere zum Mund führen. Und wenn die kleinen Freunde sich darüber einig seien, sei das ja keine Regelverletzung.

Aber, nicht vergessen: Übung macht den Meister! Nicht zuletzt bei Zauberwörtern wie Bitte und Danke hängt ein gewisser Schliff auch davon ab, dass sich Abläufe mit der Zeit automatisieren. Wie sagte schon Adolph Freiherr von Knigge: „Respektiere dich selbst, wenn du willst, dass andere dich respektieren sollen. Tue nichts im Verborgenen, dessen du dich schämen müsstest, wenn es ein Fremder sähe. Gehe nicht schmutzig, noch mit groben Manieren einher, wenn dich niemand beobachtet.“

„Lass das …!“

Und wenn Sie einen Rülpser hören? Gar nicht beachten, - Sie wollen Ihr Kind doch nicht vor anderen in Verlegenheit bringen. Im ganz privaten Rahmen könnten Sie erklären, dass Rülpsen in einigen Kulturen dazugehört, weil man damit zeigt, dass einem das Essen schmeckt, aber dass so etwas in Deutschland als schlechtes Benehmen gilt. Wenn man so etwas bei jemand anderem zuhause macht, könnte er ja denken, man sei ein Schweinchen und es könnte sein, dass man dann nie wieder eingeladen wird.

Alle machen mit

Essen Sie auch ab und zu mit den Kindern auswärts. Fast-Food-Restaurants zählen nicht, - dort kann man mit seinen Tischmanieren sowieso nicht glänzen. Da, wo die Sitze am Boden fest geschraubt sind, macht es nicht wirklich Sinn, jemandem den Stuhl zurechtzurücken. Versuchen Sie es mit einem netten Restaurant, erlauben Sie den Kindern, ihr Essen selbst zu bestellen und überlegen sie gemeinsam, wie viel Trinkgeld man geben möchte.

Zeichen und Wunder – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Manchmal erlebt man eine Überraschung: Wenn einem die Mutter der kleinen Lisa-Marie plötzlich erzählt, wie vorbildlich die eigene Tochter beim Abtrocknen geholfen hat. Verlieren Sie also nicht den Mut, wenn das Benehmen Ihrer Kinder zuhause völlig inakzeptabel ist.

Das beste Rüstzeug ist Ihr eigenes gutes Beispiel, oder, wie Gräfin Schönfeldt treffend bemerkt: „Es ist wie mit der Leberwurst: Wer sie bei sich zu Hause aus dem Fettpapier isst, aber vor anderen so tut, als äße er täglich von goldenen Tellern, der steht auf derselben Stufe wie die Männer, die Ihrer Frau noch nie die Türe aufgehalten haben, in der Öffentlichkeit aber allen (anderen) Damen die Hände küssen. Und ein Vater dieser Art darf nicht hoffen, dass sein Kind jemals ein sicheres Benehmen entwickeln kann, vom wirklich guten ganz zu schweigen.“

Hänschen lernt von Hans, Gretchen von Margarethe.

Regeln haben nicht von sich aus Geltung.

Wir Eltern sind es, die ihnen Geltung verschaffen.

Birgit Brüggehofe, Brüggehofe 2007

Birgit Brüggehofe - "Ein großes Talent, das durch Studium und Achtsamkeit erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, kernig, ...

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