
- Montessori-Pädagogik seit 1900 - Bild: Gerd Altmann
Die „schöne Gelehrte“ war in Italien eine wohl bekannte Gestalt des öffentlichen Lebens geworden. Die Presse verbreitete fortgesetzt ihre heilpädagogischen Ideen, mit denen sie auf Vortragsveranstaltungen, die sie bis zum britischen Königshaus geführt hatten, ihr Publikum beeindruckte. Kritiker hielten diese Ideen in der praktischen Umsetzung für zu kostspielig. Die aber hat nicht lange auf sich warten lassen.
Maria Montessori als engagierte Kinderärztin
Die 29-jährige Maria Montessori (1870-1952) war seit einem Jahr praktische Kinderärztin in Rom. Daneben arbeitete sie hingebungsvoll im Krankenhaus, wofür ihr 1898 eine Ehrung zuteil geworden war. Im selben Jahr war sie der Liga für die Erziehung behinderter Kinder beigetreten. Am Ausbildungsinstitut für Lehrerinnen (Istituto Superiore di Magistero Femminile) las sie über Hygiene und Anthropologie. Für diese Lehrtätigkeit auf Universitätsniveau hatte sie sich als anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Nervenkrankheiten der Kinder empfohlen. Auch dem Prüfungskomitee für die Studentinnen gehörte sie an – unter anderem neben dem Dramatiker Luigi Pirandello (1867-1936). Im Frühjahr 1900 eröffnete die Liga eine neuartige medizinisch-pädagogische Einrichtung (Scuola magistrale ortofrenica). Maria Montessori wurde die Direktorin dieses Instituts, unterstützt von dem zwei Jahre älteren Giuseppe Montesano, einem angesehenen römischen Irrenarzt. Er war der Vater ihres geheimgehaltenen unehelichen Kindes Mario (geboren 1898).
Der Weg zu einer neuen Heilpädagogik
Die promovierte Medizinerin hatte sich außerdem mehr und mehr in die pädagogische Literatur vertieft und war dabei auf zwei Vordenker ihrer eigenen Erziehungsideen gestoßen. Da war zum einen der französische Arzt Jean-Marc Gaspard Itard (1775-1838). Er kann als Begründer der Heilpädagogik angesehen werden. Berühmt war der Fall des schwachsinnigen Jungen Victor geworden, der nicht sprechen konnte. Um ihn hatte sich Itard im Geist der Aufklärung zwar vergebens bemüht, doch im Zuge dessen revolutionäre Methoden der „physiologischen“ Sinnesschulung entwickelt. Sein Schüler Édouard Séguin (1812-1880) hatte darüber ein Standardwerk verfasst, anhand dessen Maria Montessori ihre eigenen Ansätze ausbaute. Entscheidend wurde für sie die Einstellung, nicht von der Annahme auszugehen, die geistig zurückgebliebenen Kinder seien minderwertige Geschöpfe: „Man muss vielmehr verstehen, in der Seele des Kindes den darin schlummernden Menschen anzusprechen.“ Dieses durchaus ungewohnte pädagogische Vorgehen kam einer Erziehung zur Selbsterziehung gleich.
Das Montessori-Material
Kennzeichnend für die Montessori-Pädagogik wurde das im Unterricht verwendete didaktische Material. Zum Beispiel gab es ein Formenbrett mit unterschiedlich großen Einsatzzylindern. So wurde das Auge geschult, verschiedene Ausdehnungen zu erkennen. Ein weiteres Unterrichtsmittel waren Farbtäfelchen mit acht Grundfarben und jeweils acht Abtönungen. Bei den entsprechenden Aufgaben, Farbenpaare zu bilden, war somit das Konzentrationsvermögen mehr oder weniger stark herausgefordert. Insgesamt erstreckt sich das Montessori-Material auf alle Sinne.
Maria Montessoris Erfolgsmodell
Die Scuola magistrale ortofrenica erfüllte also einen doppelten Zweck. Einerseits den, bedürftigen Kindern Sonderunterricht zu erteilen, um sie für normale Schulen tauglich zu machen. Andererseits den der praktischen Lehrerausbildung. Geradezu sensationelle Erfolge zeigten sich bereits nach wenigen Monaten. Im Juli 1900 konnten sowohl die Kinder als auch Lehrer und Leiterin den hochkarätig besetzten Prüfungsausschuss von der Modellschule überzeugen. Maria Montessori sollte noch einen bedeutenden Schritt weiter gehen; denn dieses „sensorische“ Verfahren hatte Qualitäten, die über die Heilpädagogik hinauswiesen. Auch den „ganz normalen“ ABC-Schützen sollten die ausgezeichneten Fördermittel kindlicher Aufmerksamkeit und Kreativität nicht vorenthalten bleiben.
Quellen:
Heiland: Maria Montessori (Rowohlt 1991)
Kramer: Maria Montessori (Fischer 1995)
Montessori: Grundlagen meiner Pädagogik
Bildquelle:
Gerd Altmann / pixelio.de
Drucknachweis:
Leo Allmann (2010): Lifeticker (BoD-Verlag), S. 29-32 unter dem Titel: "Eine Schulgründung"
