Zu den Charakteristika des Ersten Weltkrieges gehörten mehr als Stellungskrieg und Massentötung allein. Als Wirtschaftskrieg bemächtigte sich das große Weltenringen mit aller Gewalt auch des zivilen Lebens. Unmittelbar nach Kriegsausbruch waren die deutschen Küsten gesperrt (Kontinentalsperre). Das Reich musste sich ebenso wie sein Alliierter Österreich-Ungarn von nun an ohne zusätzliche Nahrungsmittelimporte selbst ernähren.
Lebensmittel in der Zwangsbewirtschaftung
Ursprünglich nahm man an, dass der Krieg nur kurze Zeit dauern würde. Darum schenkten die staatlichen Behörden der Volksernährung vorerst keine rechte Aufmerksamkeit, obwohl das Land auch schon im Frieden auf Lebens- und Futtermittelimporte angewiesen war. Im Laufe des Krieges aber wurden die Lebensmittel knapp und daraufhin zwangsverwaltet; es fehlte allerdings an Erfahrung und Koordination, so dass Deutschland spätestens seit dem zweiten Kriegsjahr von periodisch wiederkehrenden Hungerkrisen gebeutelt wurde. Der so genannte "Steckrübenwinter" 1916/1917 wurde zur entbehrungsreichsten Zeit des Weltkrieges. Kartoffeln waren knapp, ebenso auch Brotgetreide, Milch und bald auch Ge- und Verbrauchsgüter aller Art. Vor allem Ballungszentren wie das Ruhrgebiet waren rasch dem Hunger preisgegeben. Offiziell gab es Lebensmittel auf Karten zugeteilt, aber tatsächlich regierten Schwarzmarkt und Tauschhandel. Milch war kaum noch zu bekommen, und darunter litten vor allem Kinder und Alte. Die Krankheitsanfälligkeit nahm zu, Skrofulose und Tuberkulose suchten gerade die Kleinsten heim.
Kinderlandverschickung in die westfälischen Landgemeinden
So setzte im Frühjahr 1917 die erste große „Kinderlandverschickung“ der Kriegsgeschichte ein – im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Phänomen im Grunde nur. Interessanter Weise gehörte das westfälische Versmold zu den besonders hilfsbereiten Orten der Region, an die es die hungernden Kinder zog. Im März 1917 harrte man hier der Ankunft von 88 Kindern aus Bochum und weiteren 42 Kindern aus Wanne-Eickel. In der Versmolder Amtsgemeinde Bockhorst wurden 52 Kinder erwartet, mehr waren wegen Überfüllung der Schulen nicht unterzubringen. Gasteltern zu finden war offenbar nicht schwierig und die Not der Kinder rührte die Versmolder. Der Bochumer Pastor Zauleck notierte: „Hier war es, wo man fast nur solche Kinder wünschte, die man pflegen könnte, und wenn wir nachher baten, statt der 4 und 5jährigen getrost auch 8-10jährige zu nehmen, so kam ebenso bereitwillig alsbald die Zusage auf solche Bitten“.
Hunderte Kinder im Kurbad Rothenfelde
Auch Bad Rothenfelde, das alte Kurbad im südlichen Osnabrücker Land, wurde in jenen Jahren zu einem wichtigen Ausweichort für Kinder aus dem Ruhrgebiet und aus den industrialisierten Küstenorten wie Wilhelmshaven und Nordenham. Gleich mehrere Kinderheime, die bereits in der Vorkriegszeit entstanden waren, standen hier zur Verfügung. Zu Hunderten wurden sie hier untergebracht, aber durch die hohen Ablieferungsquoten bedingt, die den ländlichen Räumen im Weltkrieg auferlegt wurden, verknappten sich in den letzten Kriegsjahren auch im Osnabrücker Land die Lebensmittel.
Oldenburger Kinderheim in Bad Rothenfelde
Schon in der Vorkriegszeit hatte das Herzogtum Oldenburg in Bad Rothenfelde Kinderkuren organisiert. Im Oldenburger Kinderheim konnte die Versorgungsfrage während der ersten Kriegsjahre noch einigermaßen gelöst werden, obwohl das Hospiz nur die frischen Lebensmittel wie Milch (1/2 Liter), Eier, Fleisch (1/2 Pfund) und Brot aus Rothenfelde erhielt. Alle übrigen Lebensmittel mussten grundsätzlich aus Oldenburg herbeigeschafft werden; ein unendlich mühseliges Unterfangen, vor allem angesichts der katastrophalen Verkehrsverhältnisse während der Kriegszeit. Im letzten Kriegsjahr 1918 sollte die Versorgung allerdings weitgehend zusammenbrechen.
Brot und Hafergrütze
Ein Blick auf den Speiseplan im Oldenburger Kinderheim verdeutlicht die Konsequenzen: Die Kinder erhielten morgens und abends eine Haferflockensuppe (zusammen ½ Pfund am Tag). Nur an zwei Abenden pro Woche gab es statt Haferflocken Brot mit Marmelade. Brot gab es auch morgens um zehn Uhr nach dem ersten Bad und nachmittags zur Vesper. Mittags erhielten die Kinder eine volle Mahlzeit, meist eine Gemüsesuppe, der als Bindemittel Hafergrütze beigegeben wurde. Damit nicht genug, wurde nun auch die Milch knapp. Zudem gab es ab Ende April 1918 keine Kartoffeln mehr, und bis zur nächsten Ernte waren auch keine zu bekommen. So ergriffen Hunger und Entbehrung die schwächsten der Gesellschaft und der Krieg fraß seine Kinder.
