Kevin, Lea-Sophie, Jessica, das sind Namen von Kindern, deren Schicksale uns erschüttert haben. Und fast täglich kommen andere Namen hinzu. Die Eltern werden als herzlose, teuflische Monster betrachtet, die Jugendämter als verschnarchte Institution. Dies mag oft zu Recht geschehen, jedoch gibt es Ursachen, die der Staat, wenn er es denn wollte, längst behoben haben könnte: In Deutschland gibt es nach wie vor keine Standards für die Personalausstattung bei den für den Kinderschutz zuständigen sozialen Diensten. War 2003 ein Jugendamtsmitarbeiter für immerhin im Durchschnitt 50 Fälle zuständig, so sind es heute teilweise bis zu 150. Dass bei dieser Überlastung oft folgenschwere Versäumnisse geschehen, kann nicht wirklich überraschen.
Massive Überbelastung der Jugendämter
So hatte die Leiterein des Schweriner Jugendamtes, Heike Seiffert bereits 2006 von einer massiven Überbelastung gesprochen, als deren Folge Kindeswohlgefährdungen nicht auszuschließen seien. In Halle an der Saale wollte man auf eigenwillige Art und Weise der städtischen Finanzprobleme Herr werden: In einer am 3. September 2007 herausgegebenen Dienstanweisung des Jugendamt-Leiters war zu lesen, dass alle 314 Kinder und Jugendlichen aus sämtlichen Heimen der Stadt "schnellstmöglich" nach Hause sollten. Damit wollte das Jugendamt einen Betrag von 2,1 Millionen Euro sparen. Begründung der Haller Oberbürgermeisterin: "Es gibt noch mehr als Heime". Das mag so sein. Jedoch ist dieses "mehr" leider nicht für alle Kinder das Beste.
Im reichen Stadtstaat Hamburg strich die Senatorin für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz, Birgit Schnieber-Jastram für das Haushaltsjahr 2005/2006 über 30 Millionen Euro. Gespart wurde folgendermaßen:
- Anpassung des Hamburgischen Blindengeldes an andere Bundesländer - Einsparung: 4,5 Milllionen Euro.
- Einstellung der Förderung von sozialtherapeurischen Langzeitkuren für Kinder und Jugendliche - Einsparung: 6 Millionen Euro
- Einsparungen bei den Zuwendungen im Bereich Jugend und Familie im Umfang von rund vier Prozent - Einsparung: 0,5 Millionen Euro.
- Absenkungen bei den Rahmenzuweisungen an die Bezirke für Kinder- und Jugendarbeit - Einsparung: 1 Millionen Euro.
Keine Kinder mehr in Heime
In Berlin wurden die "Hilfen zur Erziehung" um ein Drittel gestrichen. In Bayern sollen auf lange Sicht gar keine Kinder mehr in Heimen untergebracht werden.
Dazu Johannes Herwig-Lempp, Professor an der Hochschule Merseburg, die Sozialarbeiter ausbildet: "Jeder Fachmann schlägt da die Hände über dem Kopf zusammen. Die Öffentlichkeit erfährt nur von den härtesten Fällen, in denen Kinder hungern müssen oder misshandelt werden. Kaum bekannt ist dagegen, dass in Halle schon 40 Prozent der Kinder in Familien aufwachsen, die von Sozialhilfe leben. Viele Kinder werden gedemütigt, schlecht ernährt, wohnen in 'Löchern'. Nur in den schlimmsten Fällen, in denen eine blanke Gefährdung des Kindeswohls droht, erfolgt die Heimeinweisung."
Wieder in Jugendhilfe investieren
Vielleicht lohnt sich in Blick nach Großbritannien: Auch dort wurden den Menschen soziale Leistungen gekürzt und zugleich bei den sozialen Diensten gespart. Nach etlichen Skandalen und Folgekosten wird wieder in den sozialen Bereich investiert. Denn auch laut einer Studie des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz spart jeder in die Jugendhilfe investierte Euro drei Euro an Folgekosten.
