Kinderstube Natur: Wie Wildtiere ihre Jungen tarnen

Mit schlauen Strategien schützen Rehe, Feldhasen und andere Wildtiere ihren Nachwuchs vor Räubern und den neugierigen Blicken des Menschen.

Wenn draußen die Temperaturen steigen, lockt das die Menschen zu Spaziergängen hinaus in die Natur. Aber selbst dem, der sich dort aufmerksam bewegt, bleibt häufig das verborgen, was verborgen bleiben soll: dass Feld und Wald im Frühjahr und Frühsommer einer Kinderstube gleichen. Denn die Wildtiere haben schlaue Strategien, ihren Nachwuchs vor den neugierigen Blicken des Menschen zu verstecken und vor Raubtieren zu schützen. „Tarnung ist im Tierreich weit verbreitet“, erklärt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutz-Verband (DJV).

Jungtiere verschmelzen mit der Umgebung

Rehe zum Beispiel, bei denen ab April die Geburten anstehen, werfen ihre Babies in hohem Gras oder Gebüsch, scheinbar schutzlos gegen Räuber. Aber da die Jungtiere dort still verharren können, mit ihrer Umgebung geradezu verschmelzen und zudem in den ersten Lebenstagen keinen Geruch verströmen, haben selbst Räuber wie der Fuchs mit seiner guten Nase nur wenig Chancen, der hilflosen Beute auf die Spur zu kommen.

Die Mütter beobachten die Lage häufig aus sicherer Entfernung. Aber um nicht auf den Nachwuchs aufmerksam zu machen, nähern sie sich diesem nur zweimal täglich zum Säugen.

Feldhasen sind wahre Meister der Tarnung

Geradezu als Meister in der Tarnung gilt der Feldhase. Den Standort für sein Ruhelager, eine kleine Mulde (die sogenannte Sasse), wählt er so, dass er von dort aus die Umgebung überblicken kann. Nähert sich ein Feind, bleibt bewegungslos flach liegen und vertraut seiner Tarnfarbe, die ihn nahezu unsichtbar macht. Und wenn es gar nicht anders geht, flüchtet er mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 80 Stundenkilometern und seinen legendären Haken.

Auch die Häsin, die nach einer Tragezeit von rund 42 Tagen drei- bis viermal pro Jahr Junge zur Welt bringt, hält sich, wie die Rehmutter, nicht am Nest auf, meist aber in der Nähe. Wichtig sei es darum, dass Menschen scheinbar verlassene Tierkinder nicht anfassen oder in bester Absicht „retten“ wollen und mitnehmen, so der Appell von Jägern und Naturschützern.

Geburten Schlag auf Schlag in der Natur

Und ebenso entscheidend sei es gerade in der ersten Hälfte des Jahres, dass Hundehalter ihre vierbeinigen Begleiter in der Natur an der Leine führen. Denn mit den Geburten geht es in dieser Zeit Schlag auf Schlag: Bereits im Februar/März erblicken Wildschweinbabies das Licht der Welt, ab März der Feldhasen- und im Juni der Rothirschnachwuchs. Bis in den Juli hinein brüten zudem die Wildvögel, viele von ihnen am Boden.

Tarnstrategien hat die Evolution übrigens nicht nur potenzieller Beute, sondern auch den Räubern selbst mitgegeben. Das Hermelin zum Beispiel, das sich unter anderem von kleinen Säugetieren wie Mäusen, Ratten und Junghasen ernährt, ist zu jeder Jahreszeit optimal an seine Umgebung angepasst: Im Winter trägt es ein weißes Fell, das im Frühjahr zu rot-braun wechselt und seinen Träger nahezu unsichtbar macht.

Tarnstrategien für Raubtiere und Opfer

Und weil das Hermelin nicht nur Raubtier ist - übrigens das häufigste in Deutschland - sondern auch potenzielle Beute, erfüllt der Fellwechsel eine zweite Funktion: Die angepasste Farbe erhöht die Chancen, nicht selbst zum Opfer - in seinem Fall von Greifvögeln - zu werden.

Heike Wells, Heike Wells

Heike Wells - Heike Wells, geboren 1957 im Rheinland, lebt heute an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste und arbeitet als freie Journalistin ...

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