Demographie ist ein Begriff, der direkten Bezug zum aktuellen Tagesgeschehen hat. Gerade in Bezug auf die Rentenentwicklung in Deutschland ist die Alterspyramide in aller Munde. Die sinkende Anzahl an jungen Menschen und die zunehmende Anzahl an alten Menschen läßt die Vermutung zu, daß ein Rentenaufkommen von staatlicher Seite in den kommenden Jahren nicht mehr gewährleistet ist. Daß Deutschland rückläufige Geburtenraten hat, steht also fest. Vor hunderten von Jahren stand die Kindheitsentwicklung unter ganz anderen Gesichtspunkten. Ein gesondertes Augenmerk in der Demographie gilt demnach dem Bezug zur historischen Kindheit.
Die vorindustrielle Phase
Hohe Geburtenraten
Die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts war geprägt von einer hohen Geburtenrate. Das lag zum einen daran, daß Empfängnisverhütung und Abtreibung zwar durchaus bekannt waren, aber in den seltensten Fällen durchgeführt wurden. Ein weiterer Grund ist, daß Kinder zu dieser Zeit wie auch heute durchaus gesellschaftlich erwünscht waren. Außerdem galt Kinderosigkeit in einer Ehe damals als großes Unglück. Desweiteren konnten Kinder in der damals bestehenden Bevölkerung, die vornehmlich aus Bauern bestand, zur Arbeit herangezogen werden und waren damit Mittel der Existenzsicherung.
Hohe Säuglingssterblichkeit
Die hohe Geburtenrate brachte zwangsläufig auch eine hohe Säuglingssterblichkeit mit sich, denn beispielsweise war es ein großes Problem die hohe Anzahl der Kinder ausreichend zu ernähren. Im Kinderalltag war es selbstverständlich, das Sterben von Geschwistern mitzuerleben. In der hohen Sterblichkeit der Säuglinge kann man soziale und regionale Unterschiede feststellen.
Soziale Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit
In wohlhabenden Häusern schien es durchaus üblich, die Säuglinge in die Obhut von Säugammen zu geben, um die ausreichende Ernährung für ihre Kinder zu gewährleisten. Außerdem konnten sich reichere Familien Hygiene und Ärzte leisten. Weniger reiche Familien, die sich weder Ammen noch Ärzte leisten konnten, mußten mit noch höheren Sterberaten ihrer Säuglinge zurechtkommen.
Regionale Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit
Untersuchungen haben ergeben, daß es in Deutschland lange Zeit zwei gänzlich verschiedene Systeme von Kinderaufzucht gab, die zu unterschiedlich hoher Säuglingssterblichkeit führten. Im Norden von Deutschland, wo der protestantische Glaube überwiegt, war die Sterberate der Säuglinge niedriger als im Süden Deutschlands, wo der Anteil der katholischen Bevölkerung höher liegt. Dies läßt sich an den unterschiedlichen Verhaltensmustern der Eltern gegenüber dem Leben und Sterben ihrer Kinder erklären. Protestantische Eltern wollten sich nicht mehr allein auf die göttliche Vorsehung bezüglich ihrer Kinder verlassen und nahmen deshalb selbst Einfluß auf Leben und Tod ihrer Kinder. Sie legten zunehmend Wert auf Geburtenregelung und bessere Säuglingspflege. Bewohner des katholischen Südens betrachteten Geburt und Sterben als von Gott gegeben. Wichtig war in erster Linie die Taufe der Kinder. Auf Geburtenregelung legte man überhaupt keinen Wert. Folglich wurden immer mehr Kinder geboren als die Eltern vernünftig versorgen konnten.
