Kindheit in nachindustrieller Zeit

Die Kinderarbeit ging zurück, Lebensstandard und Fürsorge stiegen an

Die nachindustrielle Phase veränderte die Lebenssituation, so daß sich der Stellenwert von Kindern wandelte. Kinderschutzgesetz und Kinderkrankenhäuser entstanden.

Die demographische Entwicklung der Kindheit in der vorindustriellen Phase war geprägt von hoher Sterblichkeit. Im Gegensatz zu heute waren die Geburtenraten zwar sehr hoch, aber durch fehlende Geburtenkontrolle und mangelnde Überlegung, fehlende Hygiene, nicht vorhandene ausgewogene Ernährung und zumeist schlechte finanzielle Möglichkeiten, setzte man mehr Kinder in die Welt als man in der Lage war zu versorgen. In erster Linie betrafe dies aus wirtschaftichen Gründen Proletarier. Und auch in der Landwirtschaft war die Geburtenrate sehr hoch. Hier wurden Kinder als Arbeitskräfte benötigt, ein Grund für die Bevölkerung mehr Kinder auf die Welt zu bringen. Übrigens gab es zwischen Nord- und Süddeutschland ein Gefälle in der Säuglingssterblichkeit.

Die industrielle Phase

Das 19. Jahrhundert war geprägt von der industriellen Revolution. Zunehmende Landflucht ließ die Zahl der Arbeiter in den Städten beträchtlich ansteigen. Das Leben der Arbeiter war geprägt von bis zu vierzehnstündiger Farbrikarbeit, die auch von Müttern getätigt wurde. Ein harmonisches und geregeltes Familienleben war nicht mehr möglich, zumal es an materiellen Mitteln erheblich mangelte. Die Rolle der Frau als Mutter konnte mangels Zeit und finanziellen Möglichkeiten nicht gegeben sein. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen nahmen aber keinen Einfluß auf die Höhe der Geburtenrate. Nach wir vor wurden viele Kinder geboren, ebenso war die Säuglingssterblichkeit hoch. Das lag daran, daß durch lange Arbeitszeiten der Eltern auf Pflege und Unterhalt der Kinder geringer Wert gelegt werden konnte. Kinder empfand man eher als Last, nicht als Freude.

Die nachindustrielle Phase

Seit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Säuglingssterblichkeit zu sinken. Die Gründe waren sehr vielfältig, beispielsweise stieg der Lebensstandard, die Nahrungsqualität verbesserte sich, Kanalisation in den Städten wurde eingeführt, und das Verkehrsnetz wurde erweitert. Auch die zunehmende Hygiene bewirkte eine höhere Lebenserwartung für die Säuglinge. Da eine zunehmende Anzahl von Eltern nicht mehr in der Landwirtschaft, sondern im Handwerk, Bergbau, in Dienstleistungsberufen oder der Industrie arbeiteten, wurden Kinder als Arbeitskräfte weniger benötigt. Folglich setzte eine bessere Geburtenkontrolle ein und Ehepaare mit zwei bis drei Kindern waren durchaus üblich. Kinder hatten nun eine relativ gesicherte Lebenserwartung und wurden zunehmend als Einzelpersönlichkeiten betrachtet. Von staatlicher Seite aus beauftragte man Ärzte und Fürsorgerinnen, sich für neue Methoden der Kinderpflege einzusetzen. Es wurden Kinderkliniken errichtet, die Entwicklung der Lehre und Forschung an den Universitäten trieb man voran, ebenso wie die Schulung von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern bezüglich der Säuglingspflege. Wichtig waren auch die gesetzlichen Veränderungen, wie beispielsweise das Kinderschutzgesetz. Außerdem richtete man zunehmend Säuglingsheime und Kindergärten ein. Gleichzeitig veränderte sich das generative Verhalten. Immer mehr Eltern praktizierten Geburtenkontrolle, da eine höhere Anzahl von Kindern nicht mehr erwünscht war. Als Arbeitshilfen und Altersversorger benötigte man sie nun nicht mehr. Aus diesem Grund sank auch die Geburtenrate.

Katrin Braun, Foto Sauter München

Katrin Braun - Nach meinem Studium der Geschichte fand ich bald Gefallen am Verlagswesen. Publizieren im Print- und Onlinebereich begeisterte mich von ...

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