Kinofilm: Der Adler der Neunten Legion (The Eagle, 2011)

Kamera - aboutpixel.de/Dr. Fite
Kamera - aboutpixel.de/Dr. Fite
Literaturverfilmung des Jugendbuches von Rosemary Sutcliff um die Frage männlicher Ehrverpflichtungen gegenüber Land, Familie und Erbfeind

Das Jahr 140 n. Chr.: Ehrenhaft wegen einer schweren Verletzung aus der römischen Armee entlassen – dieses Schicksal ist für Marcus Aquila (Channing Tatum) schwerer zu ertragen als es ein heldenhafter Tod gewesen wäre. Und nicht nur das. Auch die Ehre seines Vaters ist bereits zwanzig Jahre zuvor beschmutzt worden, als dieser als Kommandant der Neunten Legion in den Norden Britanniens aufgebrochen war, und man ihn, seine 5000 Mann und vor allem den goldenen Adler, Wahrzeichen nicht nur der Legion, sondern auch Roms, nie wieder sah. Rom hatte auf diese Niederlage mit dem Bau des Hadrianwalls reagiert – seitdem offizielles Ende der Welt und inzwischen auch Ort des von Marcus erlittenen Traumas.

Donald Sutherland als wohlhabender Römer

In dem Bewußtsein, nichts mehr verlieren zu können, macht sich Marcus Aquila entgegen dem Rat der Senatoren auf, wenigstens den goldenen Adler und damit die Ehre seines Landes und seines Vaters, wiederzuerringen.

Nach einer Zeit der Rekonvaleszenz im Hause seines wohlhabenden Onkels (Donald Sutherland) vertraut er sich der Führung seines britannischen Sklavens (Jamie Bell, bekannt aus Jane Eyre) an. Dieser, sein Name ist Esca, scheint ihm treu ergeben, hatte sein Herr ihm doch einst das Leben gerettet.

Marcus und Esca brechen auf in den hohen Norden, wo sie sich auf die andere Seite des Hadrianwalls wagen müssen, um ihre Mission zu erfüllen. Eine gefährliche Reise in ein Territorium beginnt, das von vielen unterschiedlichen Clans beherrscht wird, zu denen auch Esca einst gehörte. Und dann, eines Tages, verkehren sich in ihrem Verhältnis die Seiten...

Oscarpreisträger Kevin McDonald führt in Neuland

Dieser Historienfilm von Regisseur Kevin McDonald (Oscar 2000 für den Dokumentarfilm Ein Tag im September) fasziniert in seiner Darstellung zweier völlig unterschiedlicher Kulturen, die gnadenlos aufeinanderprallen. Die Wanderung von Marcus und Esca führt sie immer weiter hinein in die Hügel Nordbritanniens, immer tiefer in nebelige Landschaften und feuchte Wälder.

Hat der Zuschauer mit Geschichtskenntnissen bis zu diesem Zeitpunkt noch das meiste als vertraut empfunden, so ändert sich dies schlagartig mit Überschreiten des sog. Endes der Welt, denn auch er fühlt sich, als würde er Neuland betreten. Der Zuschauer denkt angesichts der Diskrepanz zwischen römischer Kleidung und nordischem Klima an eine Frage, die Esca zuvor aggressiv gestellt hatte: warum Rom denn immer weiter in die Welt hineinfallen müßte, warum es niemals genug hätte.

Assoziation zu Videospielen

Was die wilden Stämme anbelangt, verwundert ihre Darstellung im höchsten Maße. Afrikanisch anmutende Krieger mit Irokesenschnitt – an der Authentizität darf gezweifelt werden. Aber auch schon in der lebensrettenden Szene wesentlich früher fehlt die historische Genauigkeit. Ein Gladiator, der nach dem Daumenzeichen der Menge verlangte, ließ den Unterlegenen vor sich knien - nicht liegen.

Die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen werden durch den weitgehenden Mangel an musikalischer Untermalung noch betont, ebenso wie die fragile Freundschaft der beiden Männer durch die sparsamen Dialoge. Bedauerlich, daß Kameraführung und Schnittechnik gelegentlich die Assoziation zu Videospielen aufkommen lassen. Zusammen mit dem fast vollständigen Fehlen weiblicher Darsteller scheint dieser Film vor allem junge Männer ansprechen zu wollen. In diesem Fall darf gehofft werden, die Botschaft des Films kam an: Auch aus zwei geborenen Feinden können am Ende Freunde hervorgehen, wenn sich ein Mann nur genug seiner Ehre verpflichtet sieht.

  • Quelle für den Oscar: Der Spiegel 23/2011

Katharina Sachs - Geb. 1968, Autorin von "Gartengeschichten", die im Rubens-Verlag zur Leipziger Buchmesse 2012 erscheinen sollen. Erlernen des Roman- ...

rss