
- Kamera - aboutpixel.de/Dr. Fite
Der Film von Cary Fukunaga erzählt die Geschichte des Waisenmädchens Jane Eyre - einer weiblichen Variante Oliver Twists.
Jane Eyre (Mia Wasikowska), die im England des 19. Jahrhunderts zunächst im Haushalt ihrer wohlhabenden, angeheirateten Tante Mrs. Reed (Sally Hawkins) und deren drei Kinder aufwächst, hat nichts zu lachen. Während die Kinder von der verwitweten Mutter völlig verzogen werden, bestraft diese Jane sogar für die Mißhandlungen, die sie durch ihre Kinder erfahren muß. Eines Tages gipfelt die Situation im endgültigen Verstoßenwerden und Jane gelangt in die Armen- und Waisenschule Lowood, wo der gewissenlose, scheinheilige Mr. Bocklehurst (Simon McBurney) die Leitung hat. Bis zu seiner unehrenhaften Entlassung erfährt sie zunehmend Leid und Elend, erst dann bessert sich die Situation merklich.
Oscarpreisträgerin Judi Dench als Haushälterin
Mit 18 Jahren verläßt Jane Eyre das Waisenhaus, um in Thornfield Hall, einem vornehmen Herrenhaus, als Gouvernante zu arbeiten. Dort begegnen ihr die friedfertige Haushälterin Mrs. Fairfax (Judi Dench – Oscar 1999 für beste Nebendarstellerin in Shakespeare in Love) und selbst der griesgrämige, düstere Hausherr Mr. Rochester (Michael Fassbender) mit für sie ungewohnter Liebenswürdigkeit, Güte und Rücksicht. Er sieht vom ersten Tag an mehr in Jane als eine Untergebene. Sie wird von ihm zutiefst für ihre Intelligenz und ihr zeichnerisches Talent bewundert. Auch sie entwickelt zunehmend Gefühle für ihren charismatischen Dienstherrn. Doch ihr Aufenthalt auf Thornfield Hall ist nicht nur einfach. Mysteriöse, lebensbedrohende Dinge geschehen ohne ersichtlichen Grund, die der wachsenden Liebe zwischen ihr und Mr. Rochester im Wege stehen. Dennoch hält er um ihre Hand an. Die Situation eskaliert, als sie sich gezwungen sieht, aus Ehrgefühl ihrem Leben und ihrer Liebe den Rücken zu kehren und davonzulaufen.
Halb verhungert und völlig durchnäßt wird sie von dem Vikar St. John Rivers (Jamie Bell) und seinen beiden Schwestern aufgenommen und beginnt ein neues Leben in Unabhängigkeit. Nach einer großen Erbschaft und einem Heiratsantrag St. Johns, mit dem sie aus Dank schwesterlich ihre neues Vermögen geteilt hat, hört Jane im Wind die Rufe ihres Liebsten, denen sie folgt.
Ein Film so leidenschaftslos wie puritanisches Leben
Jane Eyre orientiert sich abgesehen von einigen Nuancen stark am Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen Roman Charlotte Brontes, wobei das Buch gelegentlich zum Überspringen von Passagen einläd. Man merkt ihm an, daß zu jener Zeit das Romanschreiben noch in den Kinderschuhen steckte. Im Film hingegen wurde die Handlung gestrafft und für den Zuschauer dadurch interessanter. Er ist äußerst düster und wie die meisten anderen im viktorianischen Zeitalter spielenden Filme voller Hoffnungs- und Trostlosigkeit, insbesondere im Hinblick auf das kindliche Leben. Die Handlung wurde auf sehr statische Weise umgesetzt. Der Zuschauer leidet kaum mit, denn es gibt nur ein permanentes Erdulden, keinen sichtbaren Kampf der Hauptfigur. Natürlich nicht, finden bereits im Roman Kämpfe eher in Form unerfüllter Sehnsüchte und Wünsche im Inneren Janes statt. Der Film ist so leidenschaftslos wie das puritanische Leben armer Menschen damals, was ihn für manche gerade erst interessant machen könnte.
Während das Buch die Autobiographie (in Wirklichkeit ist es eine Fiktion) chronologisch erzählt, beginnt der Film mit dem Höhepunkt des Elends der jungen Frau und blendet zurück – eine der wenigen Rückblenden der Filmgeschichte, die den Zuschauer statt mit Unwillen mit wachsendem Interesse zuschauen lassen.
Gelungenes Ende dank Moira Buffini
Mia Wasikowska vermittelt dem Zuschauer erfolgreich das Bild einer zerbrechlichen, aber zähen jungen Frau, die selbst im größten Unglück noch vorwärts schaut.
Was Michael Fassbender anbelangt, so hinterläßt er den Eindruck, als hätte er niemals andernorts als auf Thornhill gelebt. Seine düstere und zugleich sensibel wirkende Darstellung des Mr. Rochester überzeugt im höchsten Maße. Beeindruckend auch die Kameraführung, die diesen Eindruck sehr stark mitverursacht.
Am Ende dann kommt Bedauern auf, wird dem Kinogänger doch das glücklichere Ende des Buches verwehrt (ein Sohn wird geboren und Rochester erlangt seine Gesundheit wieder) und im Sinne eines realistischeren weggekürzt. Aber es ist lediglich leichtes Bedauern, angesichts der gelungenen Abrundung der Handlung durch die Drehbuchautorin Moira Buffini.
Fazit: Für alle, die das Buch kennen, ein Must. Für alle anderen mit Interesse an Literatur und Geschichte sehr empfehlenswert.
Quelle für den Oscar: BBC News vom 22. März 1999
