Die ersten Vorführstätten von Filmen waren sogenannte Wanderkinos, die auf Jahrmärkten großen Anklang fanden. Als Hauptattraktionen der Zirkusse und Variétés zogen sie ein breites Publikum in den Großstädten sowie auf dem Land an. Die Vorführungen setzten sich aus einer Reihe von Kurzfilmen zusammen, die als Nummernprogramme bekannt geworden sind. Der Vorteil dieser Kurzfilme war die Flexibilität, denn durch ihre Austauschbarkeit konnte sich der Filmvorführer an das jeweilige Publikum und seine Stimmung anpassen und das Programm dementsprechend bestimmen. Ein typisches Vorführprogramm um 1900 sah in der Regel so aus: „Musik pièce, Aktualität, Humoristisch, Drama, Komisch. – Pause. - Naturaufnahme, Komisch, Die große Attraktion, Wissenschaftlich, Derbkomisch.“ (Zit. In.: Toeplitz, Jerzy (1984): Geschichte des Films, Band 1 1895-1928, S.39)
Neue Techniken und eine fremde Welt
Diese Kurzfilme waren zwar keineswegs auf einer künstlerischen Ebenen anzusiedeln, doch zeigten sie dem fasziniertem Publikum neue Techniken und gaben Einblicke in eine neue, ihm fremde Welt. Gezeigt wurden z.B. kleine Reportagen über den Alltag der Arbeiter oder das Einfahren eines Zuges oder kleine Slapstickeinlagen, wie bei den Brüdern Lumières (Der begossene Rasensprenger).
In den Jahren 1907/08 kam es zu einer Gründungswelle von Kinematographietheatern in den Großstädten, die zunehmend in Konkurrenz zum Theater standen. Standorte waren meistens belebte Straßen und Plätze der Innenstädte, Kaufhäuser und oft auch Variétes. Es war zunächst ein Medium, das vom Publikum en passant betrachtet wurde. Die Programmgestaltung bestand zunächst ebenfalls aus Nummernprogrammen - wie in den Jahrmarktkinos. Um die Kinoentwicklung in den Großstädten näher beleuchten zu können, wird hier ein Beispiel herausgegriffen, das stellvertretend für viele andere steht.
Filme am Anfang des 20.Jahrhunderts
Das Programm des frühen Kinos bestand hauptsächlich aus Kurzfilmen, die kleine unzusammenhängende Geschichten erzählen. Beim Rückblick auf die Filmgeschichte wird dieser Epoche kaum Beachtung geschenkt, da sie als eine Spätform der historischen Projektionskunst gilt. Die Länge dieser Filme beläuft sich auf ungefähr drei bis zehn Minuten, wobei die dokumentarische Linie der Gebrüder Lumière erhalten bleibt. Als eine Attraktion wird das Kino gesehen und nicht als eine künstlerische Form wie das Theater. Oftmals wurden die Kurzfilme des frühen Kinos als primitiv bezeichnet, doch verstand man nicht, dass sie anders waren als die später folgenden Spielfilme; sie gehörten einem anderen Genre an, das ein anderes Publikum mit einer differenzierten Rezeptionshaltung erforderte. Es war eine eigene Kunstform, die mit der neuen Technik experimentierte und keineswegs beabsichtigte, mimetisch auf eine physische Realität zu referieren, sondern die Schauspieler mit der Kamera kokettieren ließ und den Zuschauer im Klaren über die mediale Wirkung des Films ließ. Anders hingegen waren die nachfolgenden Filme, die in den prächtigen Lichtspieltheatern Einzug hielten.
Programmwechsel – Spielfilme in den Zwanzigern
Die Kurzfilme als eigenes Genre mussten nach dem Ersten Weltkrieg ihren Platz in den Lichtspielhäusern verlassen und einem neuen Medium den Vorrang lassen. Auch wenn die Technik dieselbe war, so spricht man beim langen Spielfilm doch von einem neuen Medium. Hier steht nun nicht die technische Entwicklung an vorderster Stelle, sondern ihre Verwendung. Der Filmregisseur David Wark Griffith bezeichnete diese neue Erzähltechnik als continuity . Gemeint ist damit der enthaltene Erzählstrang in den neuen Filmen; sie erzählen eine ganze Geschichte, die das fiktionale Moment herausstellten und eine neue Wirkungsabsicht verfolgten. Vom Kino der Attraktionen sind wir nun bei einem Kino der Illusionierung, das dem Publikum Illusionen von fiktiven realen Welten vermitteln soll.
Im Deutschen Reich gab es im Jahre 1913, das als Autorenjahr bekannt ist, die ersten Versuche die Programmgestaltung des Films zu verändern. Es wurden Werke von Schriftstellern wie Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler als Vorlagen für den Kinematographen verwendet und mit erstrangigen Schauspielern aus der Theaterbranche besetzt, um in den imposanten Lichtspielhäusern vor einem gutsituierten Publikum vorgeführt zu werden. Bei einigen Zuschauern führten die langen Filme allerdings zu einer Kinomüdigkeit, die durch die geforderte kontemplative Rezeptionshaltung zustande kam. Deshalb hat es noch einige Jahre gedauert, bis sich das Spielfilmformat durchsetzte und in den Kinotheatern seinen ständigen Platz fand.
