
- Krätzl, Helmut: Mein Leben für eine Kirche… - Tyrolia Verlag
Die Kirche scheint – wieder einmal – gespalten. Auf der einen Seite konservative Kräfte, die den Zeitgeist „verteufeln“, auf der anderen Seite progressive Priester und Laien, die alles aufnehmen wollen, was so in der Luft liegt. Dieses Bild, das vor allem die Medien derzeit vermitteln, stimmt allerdings so nicht. Religionen sind nichts Einheitliches, auch das Christentum nicht. Kirche war und ist Vielfalt – im besten Fall Vielfalt in der Einheit. Wenn da Ultrakonservative mit gefährlicher Nähe zum rechten politischen Rand Platz haben, dann auch die Progressiven, die Aufhebung des Zölibats, Frauenweihe und Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene fordern. Forderungen übrigens, die es schon seit langem gibt und nicht erst seit dem „Ungehorsam“ einiger Priester.
Die gebremste Entwicklung nach dem Konzil
Dreh- und Angelpunkt ist das 2. Vatikanische Konzil, das einen ungeahnten Aufbruch darstellte, das in der Folge verschieden (miss-) interpretiert wurde, und an dem sich die Geister noch heute scheiden. Papst Johannes XXIII. hatte einen „Sprung vorwärts“ für die Kirche angestrebt, danach hatte man den Eindruck, dass sie „im Sprung gehemmt“ war oder wurde. „Im Sprung gehemmt“ war auch der Titel eines Buches, das Weihbischof Helmut Krätzl 1998 geschrieben hat. Untertitel: „Was mir nach dem Konzil noch fehlt“. Weihbischof Krätzl ist nicht nur (einer der letzten) Zeitzeugen des Konzils, er ist auch einer, der danach im Sinne des Konzils weiter denken hätte wollen und sich in diesem Weiterdenken gehemmt fühlte.
Allerdings muss man hinzufügen: Er ist nicht einer, der die Einheit der Kirche aus den Augen verliert. Er ist nicht einer, der von der eigenen Person ausgehend das Ganze in Frage stellt, wie das von „wir sind ungehorsam“ oder „wir sind Kirche“ praktiziert wird. Krätzl hat vielmehr die Menschen im Sinne und eine Kirche, die den Menschen dient. So trägt sein neues Buch, mit dem er seinen 80. Geburtstag feierte, den Titel „Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient“. Interessant ist es in jedem Fall, ganz egal, wie man zur Kirche steht. Denn es ist unter anderem auch ein Insiderbericht über die Zeit nach dem Konzil – zum Teil auch, was die österreichische Politik betrifft.
Hinter den Kulissen von Politik und Kirche
Als das Thema Abtreibung in der Gesellschaft virulent wurde, entwarf der damalige ÖVP-Justizminister Hans Klecatsky eine „kleine Strafrechtsreform“ und schlug eine rigorose Indikationenlösung vor. Der Bischof von Eisenstadt rügte ihn deswegen, als katholischer Politiker dürfe er eine solche Lösung nicht vorschlagen. 1973 setzte dann die SPÖ die Fristenregelung durch, auf deren flankierende Maßnahmen wir heute noch warten. Die bischöfliche Intervention hatte damit das auch für die Kirche „kleinere Übel“ verhindert und letztlich der Fristenregelung den Weg geebnet. Kardinal König setzte sich in der Folge gegen eine politische Vereinnahmung der Kirche (auch durch die ÖVP) zur Wehr, was ihm den Titel „Roter Kardinal“ eintrug. Österreichische Politik eben. In der Ära Groer und Krenn ging Bischof Krätzl sofort auf Distanz. Die weitere Geschichte hat ihm bekanntlich recht gegeben. Er ging sogar zweimal nach Rom, um dort seine Sicht der Dinge zu deponieren, und widmete sich in der Folge der Erwachsenenbildung und der Ökumene.
Als Bischofssekretär (unter Kardinal König), Kanzler und Weihbischof hat Helmut Krätzl im Geist von Franz König mit Joseph Ratzinger und Christoph Schönborn oft ganz persönlich um eine zeitgemäße Gestalt der Kirche gerungen. Schönborn habe die Zeit nach dem Konzil nicht nur als Aufbruch, sondern auch als Abbruch erlebt. Nicht nur einen massiven Exodus von Priestern und Ordensleuten, sondern auch ideologische Kämpfe zwischen „progressiv“ und „konservativ“. Letztere führten auch zu einem Dossier über Krätzls Buch „Im Sprung gehemmt“ und zu einem Gespräch mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger. Die fast freundschaftliche Atmosphäre dieses Gesprächs verleiteten Krätzl zu der Annahme, dass da wohl wieder einmal gewisse Kreise interveniert hätten.
Sorgen um die Kirche
Krätzl formuliert keine Forderungen, sondern aktuelle Probleme. Was die schwindende Zahl der Priester betrifft, meint er, dass auch zu wenig getan wurde, um die Menschen zum Wesen der Messe hinzuführen. Dass man den Messbesuch unter schwerer Sünder „erzwungen“ hat, räche sich jetzt. Krätzl überlegt neue Zugänge zum Priestertum. Ebenso wäre die Weihe von Diakoninnen keine Schwierigkeit, da es diese in der Kirchengeschichte bereits gegeben hat. Die Pillenenzyklika wurde von 30 Bischofskonferenzen inklusive der deutschen und österreichischen mit ergänzenden Stellungnahmen „gemildert“, um der persönlichen Gewissensentscheidung Raum zu geben. Für die Menschen hat sich eine Verlagerung der Verantwortung von der Ebene der Norm zur Ebene des Gewissens ergeben.
Ein wachsendes Problem ist das der wiederverheirateten Geschiedenen. Bereits 1971 sprach Joseph Ratzinger von einer „geschmeidigeren Praxis“, die es „unterhalb der Schwelle der klassischen Lehre“ immer wieder gegeben habe. Und er schlug vor, dass in bestimmten Fällen die Zulassung der in zweiter Ehe Lebenden zur Kommunion gewährt werden solle. Und 1980 schrieb er – auch mit Blick auf die Praxis der Ostkirche – dass hier weiter gedacht werden solle, „mit dem Ziel, dass die pastorale Barmherzigkeit noch umfassender werde“. 1982 schrieb Kardinal König an den Vatikan, dass er sich von diesem eine Lösung dieses Problems erwarte. Krätzl tendiert mit der orthodoxen Kirche dahin, die Unauflöslichkeit der Ehe nicht anzutasten, aber wiederverheirateten Geschiedenen aus Barmherzigkeit den kirchlichen Segen zu erteilen. Es gibt also durchaus Lösungsmöglichkeiten, für die kein „Ungehorsam“ notwendig ist und in denen das Wesentliche bewahrt bleibt. Darauf sollte es ankommen.
Die Kirche muss laut Krätzl nicht „zeitgeistiger“, aber lebensnäher werden. Sie sollte jungen Menschen helfen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und zur vollen Entfaltung zu bringen, sie sollte den Menschen in Krisenfällen nicht Haltetafeln, sondern eher Wegweiser hinstellen, sie sollte Mut zum Leben machen. Sie sollte den Menschen zu innerer Freiheit und Eigenverantwortung hinführen und dabei helfen, die tieferen Wurzeln der Freude und die Handschrift Gottes im Leben zu entdecken. Sie sollte die Menschen auf ihrer Suche nach Sinn begleiten. Die Nähe zur Kirche würden in Zukunft vor allem jene suchen, „die bei ihr Verständnis in allen Lebenslagen finden, Trost und Wegweisung, und denen Hoffnung und auch Mut gemacht wird zu neuem Anfang“.
Quelle: Krätzl, Helmut unter Mitarbeit von Josef Bruckmoser: Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient. Innsbruck: Tyrolia 2011.
