Zu Beginn des zweiten Teils zunächst einige Fakten zum heutigen Kirgistan. Der offizielle Staatsname lautet: Kyrgyz Respublikasy, die Verfassung wurde am 5. Mai 1993 verabschiedet, mit Änderungen durch Referenda in den Jahren 1994, 1996, 1998 und 2003. Die Währung ist der Som, er wurde im Mai 1993 eingeführt. Die geschätzte Einwohnerzahl betrug bei einer Volkszählung im Jahr 2004 etwa fünf Millionen. Die Staatssprache ist Kirgisisch, Russisch indes ist als offizielle Sprache anerkannt. Die Hauptstadt ist Bischkek. Die Verteilung der ethnischen Gruppen ist nach einer Volkszählung von 1999 wie folgt: Kirgisen 65%, Usbeken 14%, Russen 12,5%, andere 8,5%. Die Verteilung der Religionszugehörigkeit zeigt etwa 75% Sunniten und etwa 20% russisch-orthodoxe Christen.
Nachdem die Sowjetunion praktisch über Nacht aufgehört hatte zu existieren, waren die Konsequenzen für alle ehemaligen Sowjetrepubliken zunächst einmal wirtschaftliche Probleme. Die schlechte wirtschaftliche Stellung des Landes hat Kirgistan einen Status Quo verschafft, der unter dem von 1990 liegt – einem Zeitpunkt also vor der Unabhängigkeit. Dieser Hintergrund soll dabei als Szenario für die weitere Entwicklung des Landes berücksichtigt werden.
Von der Unabhängigkeitserklärung 1991 bis etwa 2000
Jedes neue Land braucht Regeln, nach denen es existieren will: eine Verfassung. Die kirgisische Verfassung wurde am 5. Mai 1993, also knapp zwei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, verabschiedet. Vorausgegangen war im Oktober 1991 bereits die erste demokratische Wahl, die dem alten neuen Präsidenten Askar Akajev das beinahe sowjetische Traumergebnis von 98,5% der Stimmen verschaffte. Er präsentierte sich dem Westen als Chef eines Staates, der sich auf dem besten Wege zu einer Demokratie befand. Auch dass er die Hilfe von westlichen Beratern annahm und er eine reformorientierte Politik führen wollte machte Hoffnung auf eine gelungene Abnabelung Kirgistans von der sowjetischen Vergangenheit. Die Verfassung sprach sich deutlich für Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte aus, sowie für eine klare Gewaltenteilung zwischen Parlament und Präsident. Diese Beziehung war jedoch, wie sich schon in den Jahren zuvor gezeigt hatte, keine leichte, und so musste man in der Folgezeit einsehen, dass sich die Verfassung nicht bewähren konnte. Der Westen jedoch sah in Kirgistan zunächst eine „Insel der Demokratie“, und so konnte der neue Staat sich über umfangreiche Hilfsleistungen und gesteigertes Interesse des Westens freuen. Wie sich aber in den folgenden Jahren zeigte, war Askar Akajev der Demokratie zwar grundsätzlich zugeneigt, aber in Zeiten der Reform, so Akajev, sei eine starke Staatsmacht notwendig – dies ein Euphemismus für ihn als den Präsidenten. Durch verschiedene Referenda versuchte Askajev seine Macht und seinen Einfluss zu stärken und scheute dabei auch vor dem Einschüchtern potentieller Gegenkandidaten und der Wahlfälschung, wie etwa bei den Wahlen im Jahr 2000, nicht zurück. Kirgistans demokratisches Image bekam schon in der ersten Hälfte der 90er Jahre einige Kratzer, die Berichte von Menschenrechtsorganisationen bestätigten diese Einschätzung nach den Wahlen 2000 erneut, wobei Kirgistan, im Vergleich mit den anderen Republiken Zentralasiens, der am wenigsten repressive war. Unbestritten ist jedoch, dass ausnahmslos alle Präsidenten in den zentralasiatischen Republiken so genannte Einmannherrschaften eingerichtet haben, die ihnen im Handeln und Führen des Staates weitestgehend freie Hand ließen. Eine Sache jedoch unterschied Kirgistan von seinen Nachbarn: die laut Verfassung zugesicherte Erlaubnis der Entstehung und Führung sogenannter NGOs (= Non-Governmental Organizations, also Nichtregierungsorganisationen), sowie die weitgehend gewährte Versammlungs- und Meinungsfreiheit – was auch weitgehend umgesetzt wurde. Mit anderen Worten: politische Arbeit war für die Bevölkerung möglich, und somit ein Angebot, das mit der zunehmenden Unzufriedenheit mit der politischen Führung auch vermehrt genutzt wurde. Diese politische Aktivität der Bevölkerung führte im Umkehrschluss indes zu einer sich vergrößernden Intoleranz der Machthaber, so dass immer mehr Druck auf kritische Journalisten und Demonstranten ausgeübt wurde.
Dieser Artikel befasst sich mit der Geschichte Kirgistans, einem Land in Zentralasien, nach dem Zusammenbruch der UdSSR und seinem Weg in die Unabhängigkeit. Für weitere Informationen:
- Kirgistan - von der Steinzeit bis zum Ende der UdSSR 1991
- Kirgistan - eine zentralasiatische Republik kommt nicht zur Ruhe
