Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld

Kirsten Heisigs Buch beschäftigt sich mit dem Thema Jugendkriminalität. 20 Jahre kämpfte die Richterin in Berlin für mehr Konsequenz gegen Gewalttäter.

Eine ehrliche Debatte, jenseits von Ideologien fordert Kirsten Heisig in ihrem Buch „Das Ende der Geduld“, das im Juli 2010 im Herder-Verlag erschienen ist. Sie werde kontrovers und wahrscheinlich auch schmerzhaft sein, doch werde Deutschland sie aushalten, betont die Berliner Jugendrichterin, die für konsequentes Handeln einsteht. Diese Debatte hat nicht nur Jugendgewalt zum Thema, die streitbare Kirsten Heisig wird nicht müde zu betonen, dass es ihr um die bestehende Rechts- und Werteordnung geht. Sie spricht sogar von einem Kampf, den es zu führen gelte. Sie fordert: „Wir müssen uns gemeinsame Gedanken darüber machen, wie es in dieser Gesellschaft weitergehen soll. Und wir müssen handeln. Jetzt.“

Depression und Selbstmord

Kirsten Heisigs persönlicher Kampf ging jäh zu Ende. Wenige Wochen vor Erscheinen ihres Buchs nahm sie sich das Leben. Das bestätigten die Ergebnisse einer Obduktion. Hinter den Kulissen war sie nicht die hartherzige und gnadenlose Person, als die sie in der Öffentlichkeit gerne von den Medien dargestellt wurde. Persönliche Probleme, Burn-Out und Depressionen wurden als Gründe für den Selbstmord angeführt. Am Montag, 28. Juni 2010 erschien sie einfach nicht zum Dienst. Bei der Polizei ging eine Vermisstenmeldung ein. Fünf Tage später wurde Heisigs Leiche in einem Waldstück im Tegeler Forst bei Berlin-Heiligensee aufgefunden. Die 49-jährige Mutter zweier Kinder hatte keinen anderen Ausweg gefunden.

"Das Ende der Geduld" schnell vergriffen

Ihr Buch „Das Ende der Geduld“ ist nun ihr Vermächtnis geworden und erregt auch deshalb besondere Aufmerksamkeit. Die Startauflage von 40000 Exemplaren war innerhalb weniger Tage vergriffen. Der Verlag musste sofort nachdrucken lassen, was für das große Interesse am Thema spricht. Kirsten Heisig geht in ihrer Streitschrift hart ins Gericht mit Eltern, Schule, Polizei, Justiz und sich selbst. Sie will wachrütteln, die Gesellschaft als Ganzes aufmerksam machen auf Zusammenhänge, die ihrer Meinung nach nicht im richtigen Licht betrachtet werden. Gewalt begünstigende Lebensumstände würden sich häufig bereits in der Kindheit zeigen. Das weiß die Richterin aus 20 Jahren Berufserfahrung in der Berliner Justiz. Zuletzt war sie als Jugendrichterin für den Problembezirk Neukölln zuständig. Heisig glaubt daran, dass die Spirale von Gewalt, Respektlosigkeit und Verwahrlosung rechtzeitig gestoppt werden muss. „Es ist offensichtlich, dass die mangelnde Bildung eine der Hauptursachen für die Entstehung von Jugendkriminalität darstellt und die Schuldistanz konsequent zu bekämpfen ist“, argumentiert Heisig und fordert hier nachhaltige Konzepte.

Typische Muster von Intensivtätern

Die Jugendgerichtsbarkeit stehe am Ende einer Kette von Fehlentwicklungen. Besonders die Zunahme der Brutalität sei ein Phänomen, das viele ratlos zurück lasse. Warum treten Jugendliche als Gruppe auf ihr hilfloses am Boden liegendes Opfer mit Füßen ein? Kirsten Heisig verdeutlicht diese komplizierte Problematik an etlichen Beispielen. So skizziert sie auch eine in ihren Augen typische Entwicklung eines sogenannten Intensivtäters. Als ein solcher gilt, wer innerhalb eines Jahres mindestens zehn erhebliche Delikte begangenen haben. Hinzu kommt als Berliner Besonderheit, das kriminelle Familienumfeld beziehungsweise die organisierte Kriminalität.

Das Neuköllner Modell als praktischer Ansatz

Auf 205 Seiten gibt Kirsten Heisig einen Einblick in ihre praktische Arbeit und in ihre Ideenwelt. Ihr Ansatz ist es durch ihr Wirken zur Reduzierung der Jugendkriminalität beitragen zu können und andererseits dem Menschen, der sich vor Gericht zu verantworten hat, die Chance zu eröffnen, ein Leben ohne Straftaten zu führen. Dies allein könne die Strafjustiz nicht mehr leisten. Auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen müssten daher neue Mechanismen entwickelt werden. Exemplarisch steht hierfür, das von Heisig mitentwickelte sogenannte „Neuköllner Modell“. Es setzt auf vereinfachte Jugendstrafverfahren, in denen sich junge Täter bei kleineren Delikten möglichst schnell nach der Tat vor Gericht verantworten müssen. Die Schnelligkeit des Verfahrens soll in erster Linie dabei eine erzieherische Wirkung erzielen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine Zusammenarbeit von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht.

Kirsten Heisigs letzter Appell

„Das Ende der Geduld“ ist als letzter Appell der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig zu lesen. Das Buch besticht durch seine realitätsnähe und sein ungeschminktes Abbild einer die öffentliche Debatte bestimmenden Problematik. Warum schwindet das Mitgefühl bei Jugendlichen und was lässt sie zu gefühllosen Tätern werden? Obwohl Heisigs Buch überwiegend eine Berliner Perspektive einnimmt, ist es ein Weckruf für die gesamte Zivilgesellschaft.

Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld, Verlag Herder 2010,

ISBN 3451302047, Taschenbuch 208 Seiten, 14,95 Euro

Frank Schairer, Freier Journalist, Frank Schairer

Frank Schairer - Als freier Journalist bin ich ständig auf der Suche nach erzählenswerten Geschichten. Meine eigene führte mich in die ...

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