
- Kitsch - Pia Helfferich
Kitsch bedeutet, dass ein Gefühl völlig übertrieben dargestellt wird. Distanz, Ironie oder eine kritische Darstellung kommen nicht vor.
Was ist Kitsch?
Kennzeichen von Kitsch sind unter anderem die unzeitgemäße Idylle (in den einschlägigen Heftromanen findet man heute noch Ehen wie in den 1950er Jahren), eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Welt im Allgemeinen und der Figuren im Besonderen, klischeehafte Ideale (der gute Arzt als edler Samariter) und natürlich das banale Happy End. Es gibt keine echten Erschütterungen, keine Figur bleibt traumatisiert zurück, sondern alles wird wieder rosarot und gut. Die Entwicklung ist in kitschigen Texten vorhersehbar, es werden Elemente verwendet, die schon lange bekannt sind und auch eine Tendenz zur Verniedlichung kann zum Kitsch gehören.
Trivial statt originell
Ein kitschiger Text ist im Grunde von einem faulen Autor geschrieben worden, denn er täuscht vor literarisch und kunstvoll zu sein, benutzt jedoch nur Nachahmungen. Statt originell zu sein und etwas Eigenes zu schaffen, greift der Text auf oft Gehörtes zurück, auf Trivialitäten. Ein guter Text erkundet die Nuancen eines Gefühls, ein kitschiger würde sich diese Mühe nicht machen, sondern auf eine oberflächliche Lösung zurückgreifen.
Über Gefühle schreiben
Wann immer man über Gefühle schreibt, besteht die Gefahr in Kitsch abzugleiten. Für manche Autoren ist die Angst vor Kitsch so groß, dass sie wie zu einer Schere im Kopf wird, was dazu führt, dass Gefühle möglichst ausgeklammert werden – was kein Text auf Dauer verkraftet. Zunächst sollte man sich erlauben, hemmungslos so über Gefühle zu schreiben, wie es gerade in die Tastatur rutscht. Wenn es dann kitschig ist, na und? Später kann man den Text immer noch bearbeiten.
Figuren mit Charakter
Kitsch zu vermeiden ist gar nicht schwierig. Wenn man sich bemüht, den Charakter der Figuren genau zu erforschen, sie „rund“ zu gestalten mit all ihren Stärken und Schwächen und dann auch noch ihr Handeln von ihrem Charakter steuern lässt, dann wird es schon geradezu schwierig, in den Kitsch abzugleiten.
Hier noch ein paar Strategien, um unkitschig zu bleiben:
Authentisch sein
Autoren sollten sich nicht mit dem begnügen, was man angeblich in einer Situation empfindet, sondern tiefer graben und authentisch sein. Ein Beispiel: Wenn man die Figuren genau studiert, dann wird die Witwe vielleicht nicht aus Trauer am Grab weinen, sondern … aus Scham über ihre Erleichterung. Tut man so etwas? Darf man so etwas fühlen? Aber ja.
Originell sein
Gefühlsbeladene Situationen sind mit Ausdrücken, Handlungen und ähnlichem beladen, die wir sofort mit ihnen assoziieren. Ein erstes Rendezvous: Herzklopfen, gerne auch ein Herz, das in der Brust hämmert, Händchenhalten, womöglich verstohlen, ein erster Kuss ... das würde man erwarten. Für Autoren bedeutet das, auf all die erwarteten Dinge zu verzichten und sie durch andere zu ersetzen. Originell sein bedeutet eigenes zu finden, was genau dieser und nur dieser Situation entspricht.
Sprachliche Klischees vermeiden
Auch sprachliche Klischees sollte man vermeiden. Man versteht darunter Ausdrücke, die schon zu oft verwendet wurden und die deswegen ihren Aussagegehalt verloren haben. Sein Herz flatterte wie ein junger Vogel in seiner Brust = Klischee, Kitsch. Greifen Sie lieber zu eigenen Bildern und Sprachkreationen.
Knappe Andeutungen
Statt Gefühle breit auszuwalzen ist vornehme Zurückhaltung angebracht. Knappe Andeutungen geben den Lesern Raum, um mitzudenken. Verwenden Sie lieber Bilder, Symbole, Leitmotive statt in epischer Breite Gefühle auszumalen.
Ambivalenz
Schwarzweißmalerei ist ein wichtiges Kennzeichen von Kitsch. Ihr Gegenteil heißt Ambivalenz. Nichts und niemand ist durch und durch gut oder böse. Wenn Sie stets die beiden Seiten von Figuren, Gefühlen usw. darstellen, erzielen Sie eine interessante, spannungsgeladene, kitschfreie Literatur.
Die Mischung machts. Es bringt den Text nicht um, wenn man mal sehr gefühlsbeladen, um nicht zu sagen sentimental wird, wenn auf der anderen Seite auch Distanzierung, Reflexion oder Ironie vorkommen.
