Klarinettistin Sabine Meyer im Interview

Im Gespräch mit der Musikerin vor den Karlsruher Meisterkonzerten

Sabine Meyer beim Konzert in Karlsruhe - Elisa Reznicek
Sabine Meyer beim Konzert in Karlsruhe - Elisa Reznicek
Man nennt sie die „Primadonna assoluta" ihres Fachs und die „First Lady" der Klarinette: Meyer zählt zu den renommiertesten Solistinnen weltweit. Interview vom 1.12.2009.

Von Starallüren keine Spur. Kurz vor ihrem Auftritt bei den Karlsruher Meisterkonzerten erzählt Sabine Meyer erfrischend offen und bodenständig davon, wie sie mit dem Trubel vor Konzerten umgeht (an diesem Tag war schon das ZDF für Dreharbeiten da und ein Termin jagt den anderen), wie die Interaktion mit dem Publikum Einfluss auf die Musik nimmt, und warum Vielseitigkeit Trumpf ist. Das Gespräch mit der gefragten Solistin und Kammermusikerin (u.a. Trio di Clarone) führte Elisa Reznicek.

Elisa Reznicek: Vielen Dank, dass Sie kurz vor dem Konzert Zeit für ein Gespräch gefunden haben. Stören all diese Termine nicht die „heiße Phase“ Ihrer Vorbereitung vor Konzerten?

Sabine Meyer: Das ist auch ein bisschen eine Gewöhnungssache. Und so schlimm wie heute ist es ja selten. Man muss Geduld mitbringen, zum Beispiel dafür, sich plötzlich mit völlig anderen Dingen auseinander zu setzen, die überhaupt nichts mit dem Konzert zu tun haben, auch wenn man sich sonst vielleicht einfach entspannt, eine Tasse Tee trinkt, sich langsam einspielt und sich dann auf diesen einen Punkt konzentriert.

Bei den Karlsruher Meisterkonzerten (Konzerthaus Karlsruhe, 1. Dezember 2009) spielen Sie das Hindemith-Klarinettenkonzert. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2009 gab es gemeinsam mit Ihrem Bruder Wolfgang Meyer sogar eine abendfüllende Hommage an Benny Goodman, der ja Auftraggeber für dieses Werkes war. Was reizt sie am „King Of Swing“?

Zunächst einmal war Goodman nicht nur ein toller Klarinettist, sondern ein Musikant. Er hat unglaublich viel für die Klarinette getan, sie populär gemacht, aber auch viel für die klassische Musik, indem er bei Hindemith, Copland und Bartók Werke in Auftrag gab, die heute sehr wertvoll sind und die wir oft spielen.

Worin liegt das Besondere am Hindemith-Konzert?

Es ist schade, dass es nicht so oft gespielt wird, denn es ist wirklich ein Stück, das wunderbar für das Instrument komponiert ist – sehr reizvoll auch in der Kombination mit dem Orchester. Es ist überhaupt nicht dick instrumentiert. Wenn das Orchester laut ist, dann ist es immer alleine. Sobald die Klarinette kommt, ist der Klang filigran und durchsichtig.

Sie gelten als eher unkonventionelle Künstlerin, spielen mit Jazzern, widmen sie sich zeitgenössischer Musik und Werken, die selten aufgeführt werden. Worin besteht der Reiz, sich immer wieder auf neues, ungewohntes Terrain zu wagen anstatt in sicheren Gefilden, zum Beispiel bei Mozart, zu bleiben?

Nur Mozart zu spielen wäre bestimmt ein wenig einseitig. Die Literatur der Klarinette ist zwar nicht so umfangreich wie die der Pianisten – wir haben dieses eine bekannte Werk, das zwar fantastisch ist und eines der schönsten – aber man kann ja sein Leben nicht nur mit Mozart- und Weber-Konzerten fristen. […] Ich finde, dass man vielseitig sein muss, aber dabei auch nicht künstlich sein darf. Die Projekte, die wir gemacht haben, egal ob es das Benny-Goodman-Projekt oder Michael Riessler und „Paris Mécanique“ war, hatten immer auch Bezug zu einer Person sowie einen Hintergrund. Nichts wird künstlich konstruiert.

Sie haben einmal gesagt „Man muss das Publikum auch herausfordern.“ Ist der Gedanke auch, die Zuhörer ein Stück weit mitzunehmen?

Ja, natürlich. Zum einen mit den Programmen und Projekten, die man anbietet, bei denen man sich unterschiedlich darstellt und zeigt, dass man nicht nur rein auf der klassischen Schiene unterwegs ist. Zudem möchte man das Publikum ansprechen und auch herausfordern – es ist immer ein beiderseitiges Geben und Nehmen. Wenn ich auf die Bühne komme, dann spüre ich schon, was für eine Stimmung und Spannung im Saal ist: Lassen sich die Leute nur berieseln oder sind sie aufmerksam, hören zu. Man spielt entsprechend anders.

Sie haben quasi das „Klarinetten-Gen“ in der Familie, vom Großvater angefangen. Auch Ihr Mann ist Klarinettist. Läuft man Gefahr, dass sich alles nur noch um das Instrument dreht und man viel „fachsimpelt“?

Viele befürchten, dass es schwierig sein könnte, aber es ist überhaupt kein Problem. Und natürlich reden wir zuhause nicht nur über die Klarinette. Wir sind beide Musiker und können uns in schwierigen Situationen auch unterstützen und gegenseitig helfen – das ist eher schön. Auch zu meinem Bruder [Wolfgang Meyer, u.a. Trio di Clarone] gibt es in keinster Weise Konkurrenz. Wir schätzen uns gegenseitig als Musiker und Menschen sehr, und spielen unheimlich gern zusammen. Gerade mit meinem Bruder verstehe ich mich sogar blind. Da muss man gar nicht mehr viel proben, das funktioniert einfach.

Wie viele Konzerte geben Sie ungefähr im Jahr?

Es waren schon einmal über 100, aber wir wollen es jetzt auf 60 bis 80 reduzieren. [...] Es ist da natürlich praktisch, wenn man sich die Engagements aussuchen und das machen kann, was einem gefällt.

Sie geben weltweit Konzerte, sind viel auf Reisen: Wie bewahren Sie sich das Bodenständige?

Das Familienleben war uns immer schon sehr wichtig. Als die Kinder klein waren, sowieso. Natürlich hat man ein anderes Leben, wenn man unterwegs ist, aber wenn man wieder zuhause ist, ist man sehr schnell wieder angekommen und genießt die Normalität.

Elisa Reznicek - Ich interessiere mich für die unterschiedlichsten Themenbereiche und möchte immer noch etwas mehr wissen. Wenn am Ende dabei ein ...

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