Ja, er gehört dazu, zur großen Weltliteratur: Franz Kafka und seine „Verwandlung“. Es ist ein Werk, das bei genauerer Betrachtung gar nicht so unzeitgemäß ist. Nein, wirklich nicht. Und welcher Schriftsteller kann schon von sich sagen, dass sogar ein Adjektiv (kafkaesk) nach ihm benannt wurde? Na also.
Der Mensch verkleidet sich gern. Er geht im Fasching als Katze, Fledermaus, Biene Maya, er vergleicht sich in Vulgärismen ungewollt mit Tieren: „Du fette Sau“, er lobt sich auch gern mit tierischen Attributen: „Sie ist geschmeidig wie eine Katze“! Welche Frau hört das nicht gern?
Das geht sogar so weit, dass Tiere als Gottheiten verehrt werden, blicken wir zum Beispiel ins alte Ägypten zurück.
Schön und gut, wird sich nun denken, wer „Die Verwandlung“ gelesen hat, aber der Kafka hat da doch wohl ein bisschen übertrieben! Wer will schon eines Morgens als so etwas wie eine riesige Küchenschabe aufwachen? Noch dazu auf dem Rücken? Seine hässlichen kleinen Beinchen vor sich zappeln sehen und keinen menschlichen Ton mehr von sich geben können?
Das ist jedermanns Sache nicht.
Kafka schreibt aber davon. Er hat anscheinend nicht viel an den Leser gedacht beim Schreiben, denn der fühlt sich beim Lesen nicht wirklich wohl. Zu viel Ungewissheit, zu viel Leid, diese Passivität des Protagonisten.
Kafka ist nicht wirklich wärmende Bettlektüre - aber er ist zeitgemäß
Kafka zeigt dem Leser einen unselbständigen Menschen, immer und immer wieder. Fremde Mächte, die Gewalt über ihn haben, kausale Zusammenhänge, die nie geklärt werden:
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Warum? Und warum hilft ihm seine Familie nicht? Warum muss er elendiglich verrecken? Nichts wird beantwortet. Kafka bleibt das schuldig. Wir wissen zu allem Überdruss ja nicht einmal, was für ein Tier Gregor Samsa wirklich wird. Nie ist offen von einer Schabe oder ähnlichem die Rede. Das ist kein Zufall, natürlich nicht. Kafka wollte es so.
Und ja, es stimmt: Er hat beim Schreiben wirklich nicht an den Leser gedacht. Wenn überhaupt, dann vielleicht mit einem Schauer im Rücken. Denn er wollte seine Werke nach seinem Tod verbrannt wissen. Max Brod, sein guter Freund, tat aber etwas, was gute Freunde manchmal tun dürfen: einem widersprechen. Er hat Kafkas Schriften nicht verbrannt, sondern überarbeitet und veröffentlicht. Wir sind ihm dankbar dafür. Die deutschsprachige Literatur wurde um einige große Werke reicher („Der Process“, „Das Schloss“) und die deutsche Sprache um ein Wort: kafkaesk.
Kafkaesk sind Zusammenhänge, die wir uns nicht erklären können, an deren Existenz wir zweifeln
Kafkaesk ist eine Situation, die wir nicht verstehen, der wir uns ausgeliefert fühlen, die uns zu überlegen gibt, ob Kausalität und Rationalität lediglich Konstrukte des menschlichen Verstandes sind.
Kafkaesk ist die Erfahrung, dass nicht alles auf der Welt gerecht ist und einen erkennbaren Sinn hat.
Tja, Kafka ist schon lange tot. Wir lesen also ein Buch von jemandem, den es nicht mehr gibt, ebenso wie die Zeit, in der er lebte. Jede Zeit hat ihre eigenen Themen, ihren eigenen Herzschlag und ihre eigenen Probleme. Wir haben heute keine zerfallende Monarchie und keinen Krieg vor der eigenen Haustür, was uns wie Kafka vielleicht Besorgnis machen, was unser Weltbild zerrütten könnte. Ist Kafka zu lesen also nicht mehr zeitgemäß?
Kafka ist zeitgemäß - er bleibt uns Antworten schuldig, das Leben tut dies auch
Und auch im familiärem Umfeld: Jemand uns Nahestehender erkrankt. Die Medizin kann nicht mehr helfen. Übrig bleiben unsagbare Trauer und die Frage nach dem Warum.
Es gibt keine Antwort. So wie sie auch in „Die Verwandlung“ fehlt.
Franz Kafka, Die Verwandlung, Reclam 2001, ISBN 3-15-009900-5, 2,10€.
