Klaus Mann: Ein Leben im Schatten des Übervaters

Ein Leben lang kämpfte der am 18. November 1906 geborene Klaus Mann vergebens darum, nicht nur als "Sohn von Thomas" wahrgenommen zu werden.

Als 14-Jähriger vertraut er seinem Tagebuch an, dass er berühmt werden müsse. Erst recht, nachdem sein Vater ihn, da war er gerade zehn Jahre alt, einen "schlaffen Träumer" genannt hatte, der bestenfalls "gebrechliche Poesie" zuwege bringe. Es muss seine Seele zerrissen haben, dies ausgerechnet von dem Mann zu hören, den er bewundert und mit dem er auf literarischem Gebiet, das wird er damals bereits gewusst, zumindest geahnt haben, niemals würde gleichziehen können: "Schrecklich, dass in unserer Familie so gut wie alles schon einmal formuliert worden ist."

Das bezieht auch den bewunderten Onkel Heinrich ein, auf seine Art ebenfalls ein bereits anerkannter Schriftsteller. Klaus Manns Seufzer, 1937 in sein Tagebuch geschrieben, komprimiert in 14 Worten das lebenslange Unvermögen des ältesten Sohnes, im alles überstrahlenden Ruhm des Vaters glänzen zu können.

Hemmungslose Provokation

Auf die Wirkung kunstvoller, bildmächtiger Sprache kann er dabei nicht hoffen. Die haben andere Familienmitglieder bereits okkupiert. Er schafft es allein durch hemmungslose Provokation. "Der flitterhafte Glanz, der meinen Start umgab, ist nur zu verstehen - und zu verzeihen -, wenn man sich den soliden Hintergrund des väterlichen Ruhmes denkt. Es war in seinem Schatten, dass ich meine Laufbahn begann, und so zappelte ich mich wohl etwas ab und benahm mich ein wenig auffällig, um nicht völlig übersehen zu werden", notiert er in seinen Lebenserinnerungen "Der Wendepunkt".

Ein wenig auffällig: Das ist in der Tat recht zurückhaltend formuliert angesichts der Kapriolen des enfant terrible, das mit 17 Jahren die Schule verlässt und sich mit Pamela, Tochter des Dramatikers Frank Wedekind, verlobt. Ein Jahr später zieht das Paar nach Berlin. Die Beziehung zwischen den Teenagern ist zwar nicht von langer Dauer. Aber sie reicht für einige literarisch-schwülstige Skandalstückchen, die Klaus Mann zusammen mit seiner Schwester Erika - die eine Affäre mit Pamela hat - und ihrem (ebenfalls kurzzeitigen) Ehemann Gustaf Gründgens sowie Pamela selbst auf die Bühne bringt. "Anja und Ester" (1925) und "Revue zu Vieren" (1927) heißen die Dramen, veritable Schlüssellochliteratur, in denen Mann unverhohlen die bi-, hetero- und homosexuellen Verbindungen innerhalb des lebenslustigen Kleeblatts thematisiert.

"Jetzt leider packen. Einsamkeitsgefühl."

Das Publikum ist empört über die für damalige Verhältnisse ausgesprochen freimütig geschilderten Beziehungen. Es ist übrigens nicht der erste literarische Skandal in Klaus Manns Leben. Für den hatte sein kurz vor der Theaterpremiere veröffentlichte Roman "Der frommer Tanz" gesorgt, in dem der 19-Jährige die Geschichte einer Männerbeziehung, die Züge seiner eigenen Affären spiegelten, in den Mittelpunkt stellte.

1929 - die Verbindungen zu Pamela beziehungsweise Gründgens sind längst Geschichte - unternehmen Klaus und Erika ihre erste Weltreise. Die daraus resultierenden Schulden begleicht der Vater großzügig mit dem Geld, das ihm der Literaturpreis eingebracht hat.

Am 1. Januar 1933 eröffnet Erika Mann in München das Kabarett "Die Pfeffermühle", für das ihr Bruder Texte verfasst, die die Nationalsozialisten mit Hohn und Spott übergießen. Nach wenigen Wochen kommt das Aus für die Bühne; Klaus muss Deutschland verlassen. "Jetzt leider halt packen; fahre nicht gern weg; Einsamkeitsgefühl", notiert er am 13. März vor seiner Flucht in die Niederlande.

Mephisto - eine Abrechnung mit Gründgens

Den erbitterten Kampf gegen die braune Flut setzt er mit der Rundfunkrede "An die literarischen Emigranten" am 19. Mai 1933 fort. In Amsterdam gründet er im selben Jahr die Exilzeitschrift "Die Sammlung"; ein Jahr später wird im die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1936 geht er in die USA und veröffentlicht kurz darauf seinen bis heute berühmtesten Roman "Mephisto", eine zynische Abrechnung mit dem Ex-Schwager Gründgens, der es unter den Nazis bis zum Generalintendanten des Preußischen Staatstheaters in Berlin gebracht hat.

Gottfried Benn urteilt über den bis 1981 in der Bundesrepublik verbotenen, allerdings bereits ein Jahr von István Szábo verfilmten Roman: "Geistig sehr schwach, sachlich abgestanden, kritisch unergiebig." Gründgens selbst kommentiert die Qualitäten des Buchs seines ehemaligen Freundes Jahrzehnte später - da ist er bereits Intendant in Düsseldorf, ohne jemals Schaden an seiner beruflichen Laufbahn genommen zu haben - recht kühl: "Mit Goethe befinde ich mich doch in besserer Gesellschaft."

Dem Rausch der frühen Jahre folgt unweigerlich der Kater: 1937 in Budapest, ein Jahr später noch einmal in Zürich, unterzieht sich Mann, seit früher Jugend drogensüchtig, einer Entziehungskur - vergeblich.

Seinen Kampf gegen die Nazis setzt er auf andere Weise fort. 1942, ein Jahr, bevor er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, meldet er sich freiwillig zur US-Armee, mit der er 1944 nach Nordafrika und Italien kommt. Dort ist er für die Propaganda zuständig, mit denen die Rundfunksender die kampfmüden deutschen Soldaten beschallen. Die letzten Kriegsmonate verbringt Mann als Korrespondent der Armeezeitschrift "The Stars and Stripes", für die er über den Kriegsverlauf in Deutschland berichtet. Drei Tage vor der Kapitulation betritt er wieder deutschen Boden.

"Die Deutschen haben nichts gelernt"

Falls er allerdings geglaubt hatte, seine ehemaligen Landsleute seien nach den Erfahrungen der letzten tausend Jahre, die dann doch nur zwölf gedauert hatten, geläutert, sieht er sich getäuscht. "Die Deutschen zeigen nicht die Spur einer Empfindung, geschweige denn ein Gefühl von Schuld", schreibt er in dem Artikel "Unsere Aufgabe in Deutschland."

Ist er bis 1945 ein nur halbwegs freiwilliger Weltenbummler gewesen, so wird er nach dem Krieg endgültig heimatlos. Seine Versuche, in Europa oder Amerika wieder Wurzeln zu finden und künstlerisch tätig zu sein, scheitern. Entmutigt zieht er das Fazit: "Es gibt keine Rückkehr."

Zu Klaus Manns Lebzeiten wird nach 1945 kein einziges seiner Werke veröffentlicht. Er stirbt am 21. Mai 1949 in Cannes an den Folgen einer Tablettenvergiftung, gerade 42 Jahre alt. Es ist nicht sein erster Selbstmordversuch. Keiner seiner Freunde kommt zum Begräbnis - von den Verwandten nur sein jüngster Bruder Michael. Der Rest der Familie hat Wichtigeres zu tun, als der Beisetzung des verlorenen Sohnes beizuwohnen.

Sogar im Tod dominieren der Vater und selbst der wohlwollende Onkel noch über den Sohn und Neffen. Wie eine in Stein geätzte Rache, die das schwarze Schaf auf ewig spüren soll, stehen auf dem quadratischen Marmorblock in verwitterten Lettern die Namen des Toten. Sie klingen wie ein höhnischer Komparativ: "KLAUS HEINRICH THOMAS MANN".

Quellen: Klaus Mann: Kind dieser Zeit. Autobiographie (1932); ders.: Mephisto. Roman einer Karriere (1936); ders. Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht (dt. Ausgabe 1952); Uwe Naumann: Klaus Mann (2006).