Der Prolog: Eine festliche Ballnacht im Jahre 1936. Der preußische Ministerpräsident feiert in den Räumen des Berliner Opernhauses seinen 43. Geburtstag. Bedeutende Größen des Reiches sind geladen, Großindustrielle, Staatsräte, Intellektuelle. Eigentlich sollte auch der Führer höchstpersölich da sein, er entschuldigte sich aber kurzfristig, der Gesundheit wegen. Unter all den Respektspersonen schillert eine besonders hervor, Hendrik Höfgen, die deutsche Theatergröße. Über ihn sprechen die Leute. Auch für die Frau eines südamerikanischen Diplomaten wird es zur Pflicht gezählt den begnadeten Theaterintendanten zu kennen. „Wie?! Sie kennen unseren Höfgen nicht?“, bekommt die Dame aus Südamerika als Antwort, nachdem sie sich nach Höfgen erkundigt. „Er ist fast so bedeutend wie unser Minister“, heißt es später im Text. Die Karriere des einstigen Provinzschauspielers steht unumstritten auf ihrem Höhepunkt. Sogar der Propagandaminister lässt sich für die Zeitungsfotografen mit Höfgen ablichten. Keine Frage, die Nationalsozialisten lieben ihren Zögling.
Klaus Manns Roman sorgte für viel Aufsehen
Hendrik Höfgen ist wohl die umstrittenste Romanfigur der deutschen Literatur. Die Furore, die Klaus Manns Roman Mephisto seinerzeit in Deutschland gemacht hatte, sucht bis heute ihres gleichen. Mit Mephisto schuf der Sohn des wohl berühmtesten deutschen Schriftstellers des vergangenen Jahrhunderts ein Abbild der politisch-gesellschaftlichen Landschaft des Dritten Reichs. Seine Romanfigur trägt unverkennbar Züge des im NS-Regime erfolgreichen Schauspielers, Intendanten und Regisseurs Gustaf Grüdgens. Klaus Mann hatte mehrfach betont, dass es sich bei seinem Roman nicht um ein Porträt Gründgens handle, trotzdem erwirkte der Adoptivsohn Gründgens durch seine Klage ein gerichtliches Verbot, nachdem die Veröffentlichung des Buches in Deutschland untersagt blieb. Fünfzehn Jahre lang, zwischen 1966 und 1981 war die Verbreitung des Buches in der Bundesrepublik verboten. Theoretisch wurde das Verbot nie aufgehoben. Bei Gericht gab man dabei dem postmortalen Persönlichkeitsschutz den Vorzug über die Künstlerfreiheit. Der Bekanntheitsgrad Manns führte endlich dazu, dieses Buch auch in deutscher Sprache zu drucken.
Hendrik Höfgen - Karrieremensch ohne Rücksicht auf Verluste
Was den Romanprotagonisten Höfgen angeht, so unterscheidet sich seine Laufbahn in vieler Hinsicht von der Gründgens. Und in der Beschreibung seiner Hauptfigur spart Klaus Mann nicht mit opportunen Eigenschaften die er Höfgen andichtet. In Mephisto beschreibt er einen Karrieristen, der ohne jegliche Moral nur an seine berufliche Laufbahn denkt.
Goethes Faust im Nationalsozialismus
Nicht nur weil die Rolle des Mephisto beim Berliner Staatstheater für Höfgen den endgültigen Durchbruch bedeutet, schafft der Roman eine Allegorie zu Goethes Faust. Den Pakt mit dem Teufel, der in „Faust“, zwischen Faust und Mephistopheles entsteht, überträgt Mann hier auf die schwierige Zeit der Naziherrschaft. Mit Höfgen schafft er den Prototypen eines Menschen, wie es die in jener Zeit, in erschreckend hoher Anzahl, in Deutschland gab.
Die Laufbahn des Schauspielers
Die Erzählung springt sechzehn Jahre, nach Hamburg in das Jahr 1920 zurück. Höfgen spielt an dem dortigen Künstler Theater und steckt voller sozialistischer Ideen. Mit seinem Freund und Kollegen Otto Ulrichs will er das revolutionäre Theater verwirklichen. Zumindest spricht er gerne und voller Begeisterung davon. Auch bei seinem zukünftigen Schwiegervater zeigen Höfgens antikapitalistische und antinationalistische Allüren Wirkung. Durch und durch Sozialist könnte man meinen, wäre da nicht sein Karrieredrang.
Spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfährt der Leser den wahren Charakter des begnadeten Schauspielers. Höfgen gastiert mit einer Schauspielertruppe in Spanien, als in Deutschland Hitler zum Reichskanzler ernannt wird. Ein Schock für den Schauspieler, wissen doch deutsche Schriftstellergrößen wie Cäsar von Muck über Höfgens linke Gesinnung. Für einen kleinen Augenblick glaubt man die Ideale des Schauspielers über seine Geltungsgier einen Sieg davontragen zu sehen. Kurz aber nur kurz spielt er mit dem Gedanken Deutschland den Rücken zu kehren und mit seiner Geliebten Juliette im Ausland neu anzufangen. Doch der Karrierehunger ist zu groß. „Was für unverzeihliche Fehler hatte man gemacht – nun begriff man es, und es war zu spät..man hatte bei den Nazis lauter unversöhnliche Feinde“, ruft sich Höfgen ins Gedächtnis, als er allein durch Paris streift. Doch Höfgen wäre nicht er selbst, wenn er auch aus dieser Lage kein Kapital schlagen könnte. Seine frühere Kollegin und Verehrerin Angelika Siebert kann in Berlin Höfgen durch Beziehungen rehabilitieren.
Die Karriere scheint gerettet und der Nationalsozialismus gar nicht mehr so böse, wie noch vor kurzer Zeit. Beim Berliner Staatstheater darf Höfgen nochmal den Mephisto spielen. Der Minister für Flugwesen bewundert in eigener Person das Schauspiel seines Protegés. In der Halbzeitpause entscheidet sich dann Höfgens Zukunft. Der Minister bittet ihn in seine Loge, um ihm für sein gutes Schauspiel zu beglückwünschen. Die Karriere ist gerettet, der Pakt mit dem Teufel geschlossen. „`Ich habe mich beschmutzt', war Hendriks bestürztes Gefühl. ``Jetzt habe ich einen Flecken auf meiner Hand, den bekomme ich nie mehr weg..“, waren Höfgens Gedanken, als er dem Minister die Hand schüttelte.
Klaus Mann: Mephisto Roman einer Karriere. Rowohlt Tb. (Taschenbuch - 1. Januar 2005), 415 Seiten
