Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Sklaverei. Seit Menschengedenken, genauer gesagt, seitdem es der ersten Gesellschaft nicht mehr möglich war, ihre Aufgaben allein zu erledigen, haben sich Menschen andere Menschen untertan gemacht.
Mit Haut und Haaren ausgeliefert
Zur Zeit der Steinzeitmenschen überstieg der Arbeitsaufwand noch nicht die Fähigkeiten der Gesellschaft. Aber allmählich verteilte sich der Grund und Boden an mächtigere Stämme und Familien. Die Arbeit, die es auf dem neu erworbenen Land zu bewerkstelligen galt, konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von der Sippe allein bewältigt werden. Da niemand aus der eigenen Gemeinschaft entweder fähig oder gewillt war, zu helfen, wurden von außerhalb durch Zwang Arbeitskräfte geholt, denn es gab unzählige Arbeiten, vor allem auf den Feldern, zu verrichten.
Vor 4.000 Jahren sollen sich die Sumerer in ihrem Reich Sklaven gehalten haben. Sie verfügten über sie, bestimmten, wen sie heiraten durften - wenn überhaupt -, wann sie schliefen, wann zu arbeiten war. Kurz: Die Sklaven waren ihnen mit Haut und Haaren ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb. Rechte kannten sie nicht. Ähnlich den Stieren waren den meisten Ringe durch die Nase gestochen worden.
Und wenn auch den heutigen Sklaven die Ringe in den Nasen fehlen, so ist doch der Umgang mit ihnen ein ähnlicher wie vor 4.000 Jahren bei den Sumerern und vor 2.500 Jahren bei den Griechen und Römern. Die unfreien Bauern im Mittelalter und die Arbeitssklaven auf den amerikanischen Baumwollplantagen sollen hier außer Acht gelassen werden. Aber noch immer gab und gibt es in unserer hochentwickelten Zeit zahlreiche Ausgebeutete, die in ihrer Behandlung und der Einstellung zu ihnen Ähnlichkeiten zu den antiken Sklaven aufweisen.
Moderne Sklaverei
Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen: Die Nationalsozialisten definierten ihre „Volksgemeinschaft" vor nicht mehr als 60 Jahren als Herrenrasse, die den anderen „minderwertigen Rassen" von Natur aus überlegen war. Heute werden im fernen Asien Frauen wie Ware - das Markenzeichen der Sklaverei - an Interessierte verkauft. Kinderarbeit und -pornographie spielt sich täglich tausendfach in der Welt ab. In Südamerika beschäftigen Großgrundbesitzer auf ihren Plantagen, die die Größe der Stadt Hamburg weit übersteigen, Landarbeiter, die sklavenähnlich in Baracken gehalten werden und zu einem Hungerlohn arbeiten müssen. In Afrika rauben und verkaufen mächtige Stammesfürsten Kinder und Neugeborene an interessierte Araber oder Europäer. So können sie ihren hohen Lebensstandard halten und der Großteil der Bevölkerung verhungert oder ist stark unterernährt.
Und in Europa ist die Sklaverei zwar offiziell, aber nicht faktisch abgeschafft. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs strömen unzählige Frauen, durch haltlose Versprechungen über den goldenen Westen von „Händlern" geködert, aus Osteuropa in die westlichen Industrieländern und verdingen sich hier als Prostituierte oder Haushaltshilfen.
Die moderne Sklaverei ist aber, im Gegensatz zum alten Athen und Rom, verdeckt und nicht mehr öffentlich. Zwar sind die Einsatzzwecke vielfach die ähnlichen geblieben, doch spielt sich dieses Geschäft nun im Untergund ab. Die gesellschaftliche Anerkennung, die im alten Athen und noch mehr in Rom tief in der Bevölkerung verankert war, fehlt heute. Leonhard Schumacher weist in seinem Buch „Sklaverei in der Antike" aber trotzdem darauf hin, dass „die Form der Versklavung durch Raub bzw. Kauf, Wiederveräußerung, Vermietung, Kasernierung, Bestrafung bis zur Tötung, totale Rechtlosigkeit, Entpersonalisierung und Konditionierung der Opfer" auch heutzutage in unseren Breitengraden zu finden sei.
Billige Hilfs- und Arbeitskraft
Louis Sala-Molins, Professor für politische Philosophie an der Universität von Toulouse-Le Mirail, verbreitete einst bei den Feiern zur Abschaffung der Sklaverei in Frankreich eine ähnliche Ansicht. Auch er sieht die oben genannten Faktoren, und bestätigt: „Die Fälle, die uns heute begegnen, erfüllen oft genug all diese Charakteristika. Zwar wird der frühere Menschenhandel verurteilt, aber was unter unseren Augen geschieht, findet keine Erwähnung."
Die Art und Weise, wie Menschen zu Sklaven von anderen Menschen wurden, hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. In Griechenland wurden die Bewohner der eroberten Städte nicht gefragt, ob sie Lust auf einen Sklavenjob in den Minen von Laureion hätten. Heute werden sie entweder durch Versprechungen gelockt oder haben keine andere Wahl, da sonst die Familie verhungern müsste.
Auch die Einsatzgebiete der Untertanen sind nicht die gleichen geblieben. Neue Techniken haben auch neue Arbeitsmöglichkeiten entstehen lassen. Nur eins hat die Generationen überdauert: der Wunsch nach dieser billigen Art der Hilfs- und Arbeitskraft.
