Kleine Laus, starke Farbe: Kleine Geschichte der Cochenille

"Einsammlung" mit einem getrockneten Rinderschwanz - Recollección de la grana ..., J. A. Alzate 1777
Der rote Farbstoff ist auch als Johannisblut, Karmin, Kermes und Scharlachrot bekannt. Er wird aus Schildläusen gewonnen und wurde einst wie Gold gehandelt

Cochenille ist ein roter Naturfarbstoff der aus Schildläusen gewonnen wird. Heute dient Cochenille als natürlicher Lebensmittelfarbstoff, zum Beispiel in Campari (E120). Es handelt sich aber nicht um das Blut der Tiere, sondern um eine bittere Substanz, die die Weibchen produzieren, um Fressfeinde von ihren Eiern abzuhalten. Die Cochenille-Schildläuse leben parasitär auf mexikanischen Feigenkakteen, genannt Opuntien, weil sie 1729 zuerst in Europa durch den Niederländer Ruuscher beschrieben wurden. Die europäische Verwandte, die Kermeslaus, kommt auf den mediterranen Kermeseichen oder an den Wurzeln verschiedene europäischer Grasarten vor (Polnische oder Armenische Schildlaus). Die Kermesfärberei ist seit Jahrtausenden bekannt; mit dem „boom“ des europäischen Textilgewerbes in der Barockzeit wurde Cochenille zu einer der wichtigsten Waren im beginnenden europäischen Überseehandel.

Das Scharlachrot der Phönizier war das „Johannisblut“ der europäischen Könige

Seit dem Altertum erfuhren der rote Textilfarbstoff aus der amerikanische Cochenille und der mediterran-europäische Kermes besondere Beachtung aufgrund ihrer leuchtenden Rot- und Violet-Töne, die je nach der verwendeten Beize variierten. Für die Verwendung eines Farbstoffs mit der Bezeichnung Scharlachrot waren bereits die Phönizier, die alten Ägypter, Griechen und Römer bekannt, die damit ihre Wolle und Seide, aber auch Leder einfärbten. Sie zogen es dem aus Meeresschnecken gewonnenen Purpur wegen seines geringeren Preises, des besseren Zugänglichkeit und der einfacheren Verwendung vor. Zudem war die blutrote Farbe bei den kämpferischen Nationen als Heereskleidung beliebt. In Europa wurden Kermes-Läuse bereits seit der Eisenzeit zum Färben verwendet und 812 nach Christus fand polnische Cochenille Erwähnung in einer Verordnung Karls des Großen, in einer Zeit, als Kermes auch als „Johannisblut“ bezeichnet wurde. Als Pigment in Malerfarben ist Cochenille allderdings aufgrund der schwachen Färbewirkung wenig geeignet. Wie viele organischen Farbstoffe wurde Kermes auch in der Medizin verwendet: Es sollte dem Herzen aufhelfen.

Spanier gewannen das Rote Gold aus mexikanischen Kakteenplantagen

Die winzigen Tierchen gewannen nach den portugiesischen und spanischen Entdeckungsfahrten des 15. und 16. Jahrhunderts eine überaus große Bedeutung. Zwischen 1523 und 1526 erlangte die rote Substanz, genannt „grana“, die Beachtung der spanischen Herrscher. Im beginnenden Welthandel der spanischen Kronflotten wurde „la grana cochinilla“ zur wichtigsten Handelsware nach Gold, Silber und dem blauen Pflanzenfarbstoff Indigo. Zuerst wurde das rote Pulver für die Verwendung in den eigenen Textilmanufakturen, wie Guadalajara, importiert. Überschüssige Mengen wurden auf dem wichtigsten Markt Europas, der Amsterdamer Warenbörse, verkauft und von hier aus über ganz Europa distribuiert. Cochenille war bei den Europäern beliebt wegen der aufgrund ihrer Wasserlöslichkeit relativ einfachen Verwendung auf Textilien. Je nachdem, mit welcher Beize die Tuche vorbehandelt wurden, changierte der Farbton von hellrose über Blutrot bis hin zu Violett.

Für die mühevollen Arbeiten wurden die Einheimischen zwangsverpflichtet

Natürliche Cochenille war bis zur Erfindung der synthetischen Farbstoffe durch die Farbenindustrie im 19. Jahrhundert neben der Krappwurzel der wichtigste Europäische Rotfarbstoff. Der rote Farbstoff, der von spanischen Schiffen tonnenweise in europäischen Häfen ankam, wurde auf der anderen Seite des Atlantiks mühevoll von der zur Zwangsarbeit verpflichteten mittelamerikanischen Bevölkerung hergestellt. In den Kulturen der Mayas und Atzteken hatte die rote Farbe namens nocheztli eine wichtige kulturell-religiöse Bedeutung. Die Tiere wurden mit Pinseln aus Tierschwänzen von den in Mexiko Nopales genannten Kakteen abgefegt, an der Sonne oder in Öfen getrocknet. Durch Sieben wurde dann das rote Pulver von den gröberen Teilen gereinigt. Es handelt sich um eine bittere Substanz, die die Weibchen absondern, um ihre Eier vor Fressfeinden zu schützen. Der enthaltene Farbstoff, das Carmin, ist bei diesen Lausarten identisch und besteht hauptsächlich aus Carminsäure und Kermessäure. Die getrockneten Tiere enthalten etwa 14 Prozent des Farbstoffs: Ein Kilogramm der getrockneten Tierchen ergibt circa 50 Gramm Karmin.

Ein Läusefuß verriet den Europäern, dass es sich bei den „Kutzenellen“ um Tiere handelte

Karminrot schmückte die Stühle europäischer Könige, aber auch die Uniformen der englischen Armee. Im 18. Jahrhundert war vor allem die mexikanische Cochenille in Europa unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt: „Cochenille, (sprich Koschenille) vulgo Conchenille, Concinille, Conzenille, Gutzenellen, Kutzenellen, L. Coccinilia, Coccinilla, Coccionella, Ital. Coccinella, Fr. Cochenille, und von den Türken Cormeti genannt“, so der entsprechende Artikel in der Oeconomischen Encyclopädie von 1776 „... ist eine köstliche rothe Purpurfarbe. Sie ist (so wie man sie aus Mexico, als dem einzigen Lande, woher man sie zu uns bringt, bekömmt) wie kleine Körnlein gestaltet, aber von ziemlich unordentlicher Figur, jedoch gemeiniglich auf einer Seite etwas erhaben, worauf man gleichwohl gewisse Krümmungen wahrnimmt, und auf der andern wie ausgehöhlt; innerlich purpurfarbig, und äußerlich bald schwärzlichroth bald aschgrau, mit etwas Roth vermischt.“ Über die Entstehung des Farbstoffs kann der Verfasser nur mutmaßen: „Von dem vielen Handthieren und Trocknen verändern diese Thierchen, außer der Farbe, auch ihre Gestalt, und verlieren die Füße, ehe sie zu uns gebracht werden; welcher Umstand mit dazu beygetragen, daß man sie in so langer Zeit nicht für Thiere gehalten; jedoch läßt sich bisweilen, mittelst eines Vergrößerungsglases, an ihnen noch ein Fuß wahrnehmen.“

Im 18. Jahrhundert wurden die Cochenille-Läuse auf den Kanaren angesiedelt

Wie viele der aussereropäischen Nutzpflanzen, so versuchte man auch, Cochenille-Kakteen in Europa anzusiedeln. Diese Ansiedelungsversuche waren jedoch lediglich auf den Kanarischen Inseln erfolgreich, und auch erst im 19. Jahrhundert, als in Großbritannien und Deutschland bereits die Ära der künstlichen Farbstoffe eingeläutet wurde. Kurze Zeit später wurde sie durch die Teerfarbstoffe verdrängt. Dennoch exportierten die Kanaren noch 1870 über 3000 Tonnen Cochenille, und noch heute wird dort Cochenille hergestellt und im heimischen Textilhandwerk verarbeitet. Heute ist die Cochenille-Schildlaus auch auf mexikanischen Kakteen verwildert wieder anzutreffen. In einem Gürtel zwischen Mexiko im Norden und Peru im Süden stellen Kleinbetriebe heute den natürlichen Farbstoff wieder her.

Das Zitat stammt aus der online-Ausgabe von Johann Georg Krünitz, Oeconomische Encyclopädie, Band 8, 1776, S. 200-2008.

Eine spanische Edition von Quellen zum Handel mit mexikanischer Cochenille: Jordan, B. Dahlgren, La Grana Cochinilla, Mexico 1933.

Die Abbildungen sind aus diesem Band entnommen: Recolección de la grana cochinilla, Plancha 7, Fig. 1. José Antonio de Alzate [1777].

Hamburg, Binnenalster, Wolfgang J. Fischer

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