Kleine Soziologie der Kunstgeschichte

Genialer Faltenwurf - Piero della Francesca
Genialer Faltenwurf - Piero della Francesca
Analyse des unaufhaltsamen Abstiegs in die Beliebigkeit der aktuellen Kunstszene

Es war einmal, da gab es eine Zeit ohne die Bilderflut der elektronischen Massenmedien. Der Gegenwartsmensch, der von früh bis spät von aufdringlicher optischer Berieselung nicht verschont bleibt, kann sich jene vermeintliche Informationsleere kaum vorstellen. Doch dieses “Vakuum” war Humus für das Entstehen von Werken genialer Künsteler, die ihr Handwerk an die Mächtigen ihrer Welt für einen bescheidenen, manchmal sogar angemessenen Lohn verkauften. Hauptauftraggeber war die Kirche, die allerdings misstrauisch reagierte, wenn der Künstler die Grenzen des religiösen Auftrags transzendierte, wenn er die die Formen und Gesetze der Natur verstehen wollte, wenn er die Schöpfungsgeschichte hinterfragte. Leonardo da Vinci näherte sich der Grenze dessen, was man heute exakte Naturwissenschaft nennt. Albrecht Dürers Arbeiten erinnern an die kunstvolle Illustration eines Anatomie-Lehrbuchs. Den Zorn des Klerus konnte er mit dem Bildnis “Betende Hände” besänftigen. Weniger die frommen Gestalten als die geometrische Faszination des Faltenwurfs ihrer Gewänder sind Qualitätsmerkmale spätmittelalterlicher Kunst, meint Aldous Huxley. In seinem Essay “Die Pforten der Wahrnehmung” schreibt er: “Stoische Abgeklärtheit enthüllt sich in den glatten Flächen, den breiten, ungequälten Falten der Gewänder Pieros della Francesca.” Der Mathematiker Piero della Francesca war ein Pionier der räumlichen Malerei.

Die Photographie – Bildende Kunst am Wendepunk

Im 19. Jahrhundert nahm der Maler Louis Jacques Daguerre seiner eigenen Zunft mit der Erfindung der Photographie die Dienstleistungsfunktion – aber noch nicht ganz ihre Existenzberechtigung. Malerisches Genie überlebte mit der Gestaltung dessen, was die Photographie nicht vermochte, der Abbildung von Träumen, seelischen Befindlichkeiten und dekorativem Design. Salvador Dali, Edvard Munch und Paul Klee konnten damals noch nicht wissen, dass bald Webdesigner ihre Aufgabe mittels Photoshop übernehmen würden.

Reduzierung der “Kunst” auf Statussymbole der "Angestelltenkultur"

Mit zunehmender gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit gewinnt “Kunst”an materiellem Wert als Statussymbol.. Vor der französischen Revolution konnte man den Rang eines Menschen leicht an der Kleiderordnung erkennen, den Tagelöhner an den Lumpen, den Handwerker an der zünftigen Tracht, den Offizier an der bunten Uniform und den Fürsten am prächtigen Gewand. In der modernen Angestelltenkultur ist der einfache Buchhalter kaum vom Topmanager zu unterscheiden. Es ist nicht mehr so leicht sein eigenes herrliches Ich zur Schau zu stellen. Meine Villa, mein Ferrari, meine Yacht, mein Jet – allein diese Hinweise auf den eigenen Rang sind zu vulgär. Man findet nun das Einmalige, den exklusiven Besitz in “Kunst”. Die Botschaft des Werks ist völlig unbedeutend, wichtig ist nur die Exklusivität und der Marktwert des Künstlers, der von Galeristen in Komplizenschaft mit Feuilleton-Journalisten generiert wurde. Die inhaltliche Beliebigkeit wird allerdings von formalen Vorgaben eingeschränkt. Diese sind psychologischer Natur. Das Artefakt darf nicht begreifbar sein, es muss "irgendwie" sein, schwer zugänglich. Der Konsument soll sich mühsam öffnen, Affekt pumpend Seherfahrungen machen. Wer für diese fast schon masochistische Eigenleistung einen hohen Preis bezahlt, der gehört zu den Verstehern der "Irgendwie-Zone", zum elitären Kreis der Eingeweihten. Der Künstler, nun wichtiger als seine Werke, erhält eine quasipriesterliche Aura und spielt mit den irrealen Ambitionen der Kundschaft.

Und so schlüpft der Oligarch in “Kaisers neue Kleider”.

Infantile Kreativität – adulte Kreativität

Der zeitgenössische Künstler schmückt sich mit dem Kunst-Image realkünstlerischer Epochen und beansprucht vollständig den Begriff Kreativität, obwohl ihm nur die infantile Variante zusteht. Den Unterschied zwischen infantiler und adulter Kreativität hatte wohl der Mathematiker David Hilbert im Sinn, als er von einem künstlerisch begabten Studenten um Rat befragt wurde. “Welchen Weg soll ich wählen, Herr Professor, werde ich Künstler oder studiere ich Mathematik?” Hilberts Antwort: “Werden sie Künstler, junger Mann, für die Mathematik haben sie nicht genug Phantasie.”

Rainer Sörensen, Lima, Peru, Rainer Sörensen

Rainer Sörensen - Rainer Sörensen, geboren 1941 in Lübben an der Spree, studierte Psychologie. Nach seinem Diplom-Examen beschäftigte er sich ...

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