
- In den Wechseljahren platzt Frau aus allen Nähten - imago
Weit im Voraus lief die Vermarktungsmaschinerie der ZDF-Serie "Klimawechsel" an. Nach einer Idee von Doris Dörrie wird im öffentlich-rechtlichen Fernsehen derzeit erstmals ein Lebensabschnitt thematisiert, der ausschließlich die Frauen betrifft – und damit die Hälfte der Menschheit. Um so erstaunlicher ist es, dass das Thema Wechseljahre bisher, wenn überhaupt, allenfalls im Verborgenen besprochen wurde. Und das auch meistens unter rein medizinischen Aspekten. Dabei sind Wechseljahre ebenso wenig eine Krankheit wie Schwangerschaft oder Pubertät. Im Gegensatz zur Pubertät, die im Leben eines jeden jungen Menschen die ersten Schritte ins Erwachsenenleben bedeutet, hat die Pubertät des Alters genau so wie das Alter selbst in dieser Gesellschaft keine Lobby.
Hitzewallungen und Schweißausbrüche in fliegendem Wechsel
Mit Doris Dörrie bekommen die vom eigenen Körper malträrtierten Frauen, die in der Mitte des Lebens stehen, nun endlich eine Stimme. Das Klimakterium erzeugt eine Art Endzeitstimmung. Denn es läutet ohne Wenn und Aber das Ende der weiblichen Fruchtbarkeit ein. Eine bierernste Angelegenheit und damit für die auf mit Tiefgang gepaarter Komik abonnierte Regisseurin Doris Dörrie eine echte Herausforderung. Die Wechseljahre markieren einen Wendepunkt im Leben einer Frau. Und damit zwingen sie zur Besinnung auf das eigene Leben. Auf das, was war. Und auf das, was kommt.
Chaostage für Körper, Geist und Seele
Der organische Prozess, der die Wende einleitet, ist schnell beschrieben: Die Eierstöcke stellen die Östrogen-Produktion ein. Oder anders ausgedrückt: Die Kommandozentrale, die das Auslösen des Eisprungs veranlasst, wird nach zirka 40jährigem Bestehen geschlossen. Und das war es im Prinzip auch schon. Feierabend in der Östrogen-Fabrik. Die Bänder stehen still. Betrachtet man den Vorgang mal aus Männersicht, rein technisch nämlich, dann verbindet sich mit dem Thema in der Tat und im wahrsten Sinne des Wortes das Ende aller Tage. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn trotz Produktionsstopps brechen bei der Frau die Chaostage aus. Hitzewallungen, auch fliegende Hitze genannt, Schweißausbrüche zur absoluten Unzeit, schütter werdendes Haar und poröser werdende Knochen, Schwindelattacken, Übergewicht und Alterssichtigkeit.
"Klimawechsel" von Doris Dörrie: Eine Persiflage auf das Leben
Und auch der Herzschlag gerät aus dem Takt. Das alles, gepaart mit Übellaunigkeit, depressiven Verstimmungen, hysterisch anmutenden Weinkrämpfen oder albernen Lachanfällen, bestimmt plötzlich den Alltag. Die vier Mädels in fortgeschrittenem Alter werden von einer dauerschwitzenden Maria Happel, einer entnervten Andrea Sawatzki, einer himmelhochjauchzend und zu Tode betrübten Juliane Köhler und einer immer nur an das Eine denkenden Ulrike Kriener herrlich überzogen dargestellt. Nicht zu vergessen Maren Kroymann, die den Part der nicht minder sexbesessenen Gynäkologin verkörpert. Doris Dörries "Klimawechsel" ist eine explosive Mischung aus Slapstick und Klamotte. Produziert wird die sechsteilige Serie übrigens von einem Mann: Oliver Berben. Ihm ist es auch zu verdanken, das das Thema Wechseljahre beim ZDF Einzug halten konnte, er hat es aus der Tabuzone geholt. Dem Manne sei Dank. Doris Dörrie nimmt der Endzeitstimmung mit ihrer Inszenierung eines vermeintlich heiklen Stoffs den Wind aus den Segeln und bricht eine Lanze für einen unspektakulären Umgang mit einem natürlichen Thema, das genauso wie Geburt und Tod, Jugend und Alter, Krankheit und Sterben, Glück und Pech, Liebe und Leiden zum Leben gehört. Eine gelungene Persiflage auf das Leben als solches.
Serie "Klimawechsel" von Doris Dörrie, immer donnerstags um 21 Uhr im ZDF
