
- Lag hier Kloster Altenmünster in Lorsch? - Foto: Eva Bambach
Wer vom Kloster Lorsch spricht, denkt meist vor allem an das schmucke karolingische Kleinod im Herzen der südhessischen Kleinstadt. Die Lorscher Torhalle oder Königshalle hat als einziger Bauteil des einst riesigen Komplexes fast unversehrt die Zeiten überstanden. Seit mehr als 1000 Jahren steht das nur wenige Quadratmeter in der Grundfläche messende Bauwerk nun schon – und ist dabei nicht einmal das älteste Stück Architektur, das für das Kloster Lorsch errichtet wurde. Die Königshalle (die wohl niemals eine Torfunktion hatte, anders als es der häufig verwendete Begriff Torhalle nahelegen will) stammt nämlich wohl erst aus dem 9. Jahrhundert – die ersten Gebäude für das Kloster wurden aber schon um 764 gebaut.
Statt Altersvorsorge und Pflegeversicherung: Gebete für die Ewigkeit
Am Anfang stand der Wunsch einer adligen Lorscher Familie, ihr Seelenheil für die Ewigkeit zu sichern. Dazu war es wichtig, nach dem Tod in möglichst viele Gebete auch dann noch eingeschlossen zu werden, wenn die eigenen Nachkommen längst gestorben waren. Erreichen ließ sich dies zum Beispiel durch Stiftungen zugunsten der Kirche. Der fränkische Graf Cancor und seine Mutter Williswinth gründeten dazu – wohl im Jahr 763 – bei Lorsch ein Kloster. Dies aber nicht an dem Ort, an dem heute die Überreste der einst sehr bedeutenden Lorscher Klosteranlage noch zu sehen sind, sondern auf einem damals von einem Arm des Flüsschens Weschnitz umflossenen, erhöht gelegenen Grundstück. Hier war das Kloster vor Hochwasser und Überschwemmungen des Rheintals geschützt. Aber nicht nur vor Naturereignissen sollte das zunächst noch sehr kleine Kloster sicher sein – das Bestehen musste auch wirtschaftlich und politisch gesichert werden.
Drei männliche Skelette als Geschenk
Es galt zum Beispiel, sich vor den Begehrlichkeiten der benachbarten mächtigen Bistümer Mainz und Worms zu schützen. Dazu bedienten sich Williswinth und ihr Sohn Cancor eines geschickten Schachzugs: Sie übertrugen das Kloster schon kurz nach der Gründung an einen Verwandten – an Chrodegang, den Bischof von Metz. Dieser war eine der wichtigen Persönlichkeiten im fränkischen Reich und pflegte zugleich ausgezeichnete Kontakte nach Rom. So schenkte ihm Papst Paul I. die kompletten Gebeine dreier Märtyrer – Nazarius, Nabor und Gorgonius. Alle drei waren wohl um 304 Opfer der Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Diokletian gewesen und zunächst im Rom bestattet worden. Im Dreierpack gelangten die Skelette nun über die Alpen, zunächst in das Kloster Gorze bei Metz, das Chrodegang selbst gegründet hatte.
Schenkungen sichern das Seelenheil
Die Gebeine des Gorgonius behielt Chrodegang für Gorze, Nabor kam nach Saint-Avold in Lothringen und die Überreste des Nazarius schenkte er dem Kloster Altenmünster in Lorsch. Mit dem Eintreffen der Reliquie am 11. Juli 765 begann ein kometenhafter Aufstieg des Klosters. Pilger strömten nun nach Lorsch, vor allem aber gab es eine ständig zunehmende Flut von Schenkungen, die meist Grundstücke und häufig auch ausgedehnte Güter samt bewirtschaftenden Bauern umfassten. Die Stifter dürften das nicht als selbstlose Wohltaten zugunsten der Kirche angesehen haben, sondern durchaus als sinnvolle Investitionen in die Zukunft, sprich für ihr eigenes Seelenheil in der Ewigkeit. Das Kloster wuchs so rasch, dass schon 767 mit einer Vergrößerung der Baulichkeiten begonnen wurde, mit denen eine Verlegung an den Standort bei der Königshalle einherging.
Was blieb von den Anfängen des Klosters Lorsch?
Vom Kloster Altenmünster ist heute fast nichts mehr zu sehen. Nicht einmal die Lokalisation ist eindeutig geklärt. Die neueren Forschungen halten allerdings die Annahme früherer Ausgräber für wahrscheinlich, dass das Kloster sich wenige hundert Meter von der Königshalle entfernt, unweit des heutigen Bettes der Weschnitz auf der Lorscher Kreuzwiese befunden habe. Dort wurde auch in den 1980er Jahren eine Tafel mit einem Grundriss aufgestellt und niedrige Mauern zur Veranschaulichung des ehemaligen Mauerverlaufs errichtet. Gesichert sind die Annahmen aber nicht.
Ging die Rechnung von Cancor und Williswinth auf?
Zwar nicht am ursprünglichen Standort, dafür aber umso erfolgreicher überdauerte die Klostergründung der beiden fränkischen Adligen. Aber schon unter dem Sohn Cancors, Heimerich, musste das Kloster endgültig und vollständig aus dem Familienbesitz gestrichen werden. Nach dem Tod seines Vaters 771 geriet Heimerich in Streit mit dem Abt des Klosters, der die Besitzansprüche Heimerichs bestritt und sich in dieser Angelegenheit an die allerhöchste Stelle wandte – an den fränkischen König. König Karl, der spätere Karl der Große, gab dem Abt Recht – der das Kloster daraufhin dem König schenkte und so eine weitere kluge Maßnahme für die Bestandssicherung und Weiterentwicklung des Klosters getroffen hatte.
Ob das Cancor und Williswinth in der Ewigkeit geholfen hat? Wer weiß?
Quellen:
Kloster Lorsch – Vom Reichskloster Karls des Großen zum Weltkulturerbe der Menschheit, Petersberg 2011
