
- Srechgitter des ehemaligen Klosters in Pfullingen - Renate Hämmerle
Seit Mitte Juli 2010 ist die am Fuß der Schwäbischen Alb gelegene Stadt Pfullingen im Kreis Reutlingen um eine Attraktion reicher. Armut – Demut - Gehorsam: Die Welt der Pfullinger Klarissen 1250 – 1649, so lautet der Titel der Dauerausstellung im Waschhaus des ehemaligen Pfullinger Klosters.
Ausstellung gibt Einblick in das Klosterleben der Klarissen
In drei Räumen gibt die Ausstellung einen Einblick in das Leben der Heiligen Klara und deren Ordensschwestern, außerdem erläutert sie die gesellschaftliche Entwicklung im hohen Mittelalter, in der immer mehr Frauen, die so genannten Beginen, in losen Gemeinschaften zusammenlebten, arbeiteten und beteten. Im Eingangsbereich der Ausstellung erfährt der Besucher wie bedeutend und vermögend das Kloster einst war, eine Schautafel informiert über die weitverstreuten Besitzungen des Klosters im süddeutschen Raum. Eine Liste über die verschiedenen Abgaben, die die Bevölkerung dem Kloster zu erbringen hatte, gibt Aufschluss darüber, auf welcher Grundlage die Existenz der Klöster einst basierte. Danach verlässt man den weltlichen Bereich und tritt, durch einen transparenten Vorhang getrennt, in die Welt des mittelalterlichen Klosters ein.
Gesellschaftliche Umwälzungen im Hochmittelalter
Im Mittelpunkt dieses Raumes steht einerseits der Lebensweg der Klara Favarone di Offreduccio aus Assisi (1494 – 1253), Tochter einer Adelsfamilie. Ein anderer Schwerpunkt zeigt die gesellschaftliche Veränderung dieser Zeit. Im Hochmittelalter entstanden zahlreiche Städte, neue Lebensgemeinschaften wurden ausprobiert. In ganz Europa gab es religiöse Frauenbewegungen. Die frommen Frauen lebten allein oder in kleinen Gruppen, gehörten jedoch keinem traditionellen Orden an. Ihr Bestreben war es, einfach, arm und in der Nachfolge Christi zu leben. Sie leisteten karitative Hilfe, orientierten sich in ihrem Lebensmodell am klösterlichen Leben, befolgten auch deren asketischen Übungen wie Fasten, Wachen und Beten, aber sie entzogen sich weitgehend dem Einfluss der Kirche, indem sie kein lebenslanges Gelübde für diese Lebensführung ablegten.
Klaras Vorstellungen eines religiösen Lebens
Auch die Begründerin des Klarissenordens, Klara von Assisi, dachte zunächst an ein Leben außerhalb der Klostermauern. Wie ihr großes Vorbild Francesco von Assisi war Klara gegen jede Anlehnung an bestehende Orden, beiden ging es um ein Leben nach dem Evangelium in Armut und Buße. Nach der Flucht aus ihrem Elternhaus lebte Klara in der Kirche San Damian bei Assisi in einer schwesterlichen Gemeinschaft. Die Bewegung der religiösen Frauen wurde von der Kirche massiv verfolgt. Der italienische Kardinal Hugolin (der spätere Papst Gregor IX., 1227 – 1247) hatte die Aufsicht über die frommen Schwestergemeinschaften übernommen und war bemüht, die Lebensweise dieser Frauen zu ordnen. Im Jahr 1219 übergab er den „armen Damen… in der Toskana“ eine eigene Regel, die auch für die Frauen in San Damian galt. Somit ist aus der schwesterlichen Gemeinschaft der Klara ein „Orden vom Heiligen Damian“ geworden.
Der italienische Kardinal Hugolino erteilt strenge Ordensregeln
Die Regeln, die in der Ausstellung auszugsweise nachzulesen sind, vermitteln einen Eindruck, wie sich das Leben der Frauengemeinschaften verändert hatte. Die ganze Zeit ihres Lebens müssen sie eingeschlossen bleiben, so ist zu lesen. Eine andere Vorschrift erlaubt den Nonnen nur in Ausnahmefällen zu reden. Mit fremden Personen darf nur am Sprechgitter gesprochen werden, maximal eine halbe Stunde lang und nur unter der Aufsicht von mindestens zwei Schwestern. Die Frau im Kloster ist mit Christus vermählt und braucht von keinem Mann gesehen werden. Deshalb schreibt Hugolin in der Regel 11 den Nonnen vor, am Sprechgitter ein schwarzes Tuch anzubringen, um jeglichen Sichtkontakt auszuschließen. Das Sprechgitter ist noch im Originalzustand erhalten. Es stammt aus der Zeit der Klostergründung (Mitte 13. Jh.) und ist das einzige noch erhaltene in ganz Europa.
Die Pfullinger Liederhandschrift
Womit beschäftigten sich die Klosterfrauen, wenn sie nicht in Haus und Garten tätig waren. Darüber gibt die Liederhandschrift, die in Auszügen in der Ausstellung zu sehen sind, Aufschluss. Der größte Teil der Liederhandschrift, die von dem Dominikanermönch Johannes Kreuzter (gest. 1468) verfasst wurde, widmet sich mystische Andachten, der kleinere Teil enthält Liedtexte. Die Handschriften brachte, so nimmt man an, der Provinzvikar Johannes de Lare nach Pfullingen ins Kloster. Bei den Liedtexten handelt es sich um Kontrafakturen, das sind bekannte weltliche Lieder, die in einen Text mit geistlichem Inhalt umgeschrieben wurden. In diesen Schriften lasen die Klosterfrauen, das Singen der Lieder war sicherlich eine Möglichkeit, das Schweigegebot besser zu ertragen.
Die Ausstellung ist von Mai bis Oktober sonntags von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.
Der Eintrittspreis beträgt 1,50 Euro.
