
- Mythos Rock'n'Roll - Inga Ganzer
Zwischen 1969 und 1971 sind die Musiker Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison im Alter von 27 Jahren gestorben. Mit dem Tod des Nirvana-Frontmannes Kurt Cobain, ebenfalls 27-jährig, im Jahre 1994 hat sich der Mythos des „Klub 27“ etabliert und geistert seitdem samt Slogan („Live fast, die young“) regelmäßig durch die Medien. Die Erklärungen dieses Phänomens sind mannigfaltig und reichen von übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum, astrologischen Konstellationen bis hin zu Sinnkrisen, die in diesem Alter besonders häufig auftreten.
Der amerikanische Journalist Charles R. Cross stellt 2007 dazu fest: „[Die] Anzahl der Musiker, die mit 27 starben, ist im Vergleich wirklich erstaunlich. Obwohl Menschen gleichmäßig in jedem Alter sterben, gibt es eine statistische Spitze für Musiker, die mit 27 sterben“. Belegt hat er diese Behauptung nicht. Eine Altersanalyse einer Auswahl von Rockmusikern unterschiedlicher Dekaden soll im Folgenden zeigen, dass der Mythos vom „Klub 27“ reiner Aberglaube ist.
Die Musikplattform „Antimusic“ hat vor zwei Jahren auf der Basis einer Umfrage die 100 wichtigsten Rockmusiker präsentiert. Eine Analyse der Geburts- und gegebenenfalls Sterbedaten bringt einige interessante Resultate ans Licht, auch wenn eine Online-Umfrage, an der vermutlich eher jüngere Leute teilnehmen, streng wissenschaftlich gesehen nicht repräsentativ ist.
Das durchschnittliche Alter von Rockmusikern
Am heutigen Tag (Happy Birthday, Chris Cornell!) beträgt das durchschnittliche Alter der in dieser Rangliste positionierten Musiker 48,42 Jahre. Fünf (Prozent) der Musiker und Musikerinnen sind jünger als 30 Jahre, wobei zwei bereits gestorben sind (Kurt Cobain & Jim Morrison). 22 Rockstars sind zwischen 30 und 39 Jahren alt. 28 Tonkünstler befinden sich heute in der besten Zeit ihres Lebens und sind zwischen 40 und 49 Jahren alt. 22 Musiker haben ein Alter zwischen 50 und 59 Jahren. Und weitere 22 dürfen (natürlich liebevoll) schon als „Rockopas“ (bzw. Omas) bezeichnet werden, da sie mindestens 60 Jahre alt sind. Der legendäre Rock’n’Roller B. B. King hat bereits stolze 85 Jahre auf dem Buckel. 96 Prozent der analysierten Rockstars stehen also dem Mythos entgegen. Auffällig ist hier nur, dass der Anteil der Musiker in den einzelnen Dekaden recht homogen ist, was dafür spricht, dass der Wunsch und die Wahrscheinlichkeit, Rockmusiker zu werden, seit dem Beginn der Rock’n’Roll-Ära über die Jahrzehnte stabil bleibt.
Was verbindet die 100 bekanntesten Rockmusiker?
Welche Gemeinsamkeiten lassen sich aus den Geburtsdaten dieser Persönlichkeiten noch herausfiltern? Ist es vielleicht eine relevante Häufigkeit von Sternzeichen? Leider nicht. Bis auf zwei Ausreißer zeigen sich keine Besonderheiten. Jedes Sternzeichen sollte statistisch gesehen 8,3 Mal vertreten sein. Genau die Hälfte liegt unter diesem Wert (Zwillinge (5), Schütze (6), Fische (7), Skorpion, Stier & Widder (8)). Und die andere Hälfte positioniert sich oberhalb dieses Wertes (Krebs, Waage & Wassermann (9), Löwe (10), Steinbock (10) und Jungfrau (11)).
Hat die Jahreszeit der Geburt einen Einfluss?
Unter der Voraussetzung, dass der Frühling den Monaten März, April und Mai entspricht, im Juni, Juli und August Sommer ist, der Herbst im September, Oktober und November seinen Auftritt hat und während der Monate Dezember, Januar und Februar Winter ist, finden sich folgende Ergebnisse. Wiederum sollte es rein statistisch sein, dass jeweils ein Viertel in einer Jahreszeit geboren wurde. Da 100 Untersuchungseinheiten bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 6,93 Milliarden nicht aussagekräftig sind, ist auch dies nur ein Richtwert. Und es zeigt sich: 21 Prozent der Musiker wurden im Frühjahr geboren und 24 Prozent kamen im Herbst zur Welt. 27 Prozent erblickten im Winter erstmals das Licht der Welt und 28 Prozent erlebten die ersten Wochen ihres Lebens im Sommer.
Entscheidet der Name über das Schicksal des zukünftigen Rockstars?
Seit mehreren Jahren ist das Thema Vornamen der absolute Dauerbrenner in den Medien, wobei es in erster Linie um die Frage geht, mit welchen Assoziationen (und sozialen Schichten) Vornamen verbunden sind und welchen Einfluss dies auf zukünftigen Erfolg oder Niederlage des Kindes hat. Da viele Musiker Künstlernamen tragen, kann die hier zugrunde liegende Statistik leider keinen Aufschluss darüber geben. Was die Nachnamen betrifft: Bis auf die Buchstaben Q, U und X, die als Initial eines Nachnamens ohnehin selten auftreten, sind alle anderen Buchstaben des Alphabets vertreten.
Was sagt die Statistik über Rockmusiker aus?
Die Zahlen sagen uns nicht viel Charakteristisches über Rockmusiker und das ist auch gut so. Musik ist Mythos. Sie ist wie jede andere Kunst etwas Lebendiges, Prozesshaftes und vor allem Emotionales. Mythen wie der „Klub 27“ sind Konstruktionen, um mediale Aufmerksamkeit herzustellen oder Platten zu verkaufen. Es sollte völlig egal sein, wann und wo ein Musiker geboren wurde und wie seine Sterne stehen. Musik soll uns berühren, trösten, Spaß machen, zum Tanzen bringen, uns die Zeit vergessen lassen und schöne Stunden schenken. Wie die Rolling Stones bereits 1974 feststellten, zählt nur eins: „It’s Only Rock’n’Roll, But I Like It!“.
Weiterführender Link zum Mythos „Klub 27“.
