
- Rauhnacht: Kluftinger ermittelt wieder. - Günter Havlena / pixelio.de
Der kauzige Kommissar aus dem Allgäu ermittelt wieder und schlägt wie gewohnt die Leser in seinen Bann. Doch dieser Fall hat es in sich: Von der Außenwelt und damit seinen Kollegen abgeschnitten, muss Kommissar Kluftinger anscheinend dieses Mal allein auf Mördersuche gehen – oder kommt vielleicht unerwartete Hilfe?
Kluftinger und Erika beim Krimidinner im Nobelhotel
Es hätte ein schönes Wochenende werden können: Kluftinger und seine Frau sind eingeladen zur Neueröffnung des Hotels Königreich in den Allgäuer Bergen. Auftakt des Wochenendes sollte ein Krimidinner sein, gefolgt von zwei Tagen mit Wellness und gutem Essen. Aber aus diesem beschaulichen Wochenende mit trauter Zweisamkeit wird nichts, denn Kluftingers werden begleitet. Über diese Begleitung ist Kluftinger alles andere als erfreut. Und wenn er über eine bestimmte Gesellschaft nicht erfreut ist, wissen eingefleischte Klufti-Fans längst, um wen es sich handelt: Doktor Martin Langhammer und seine Frau Annegret. Dennoch versucht er, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihm aber nichts nützt. Ein Wochenende nur zum Entspannen – es soll einfach nicht sein.
Ein inszeniertes Krimidinner und ein echter Toter
Das Krimidinner hat gerade begonnen, da stellt sich heraus, dass einen der erlesenen Gäste tatsächlich das Zeitliche gesegnet hat. Die Todesursache und der eventuelle Tathergang müssen natürlich genauestens untersucht werden und wer wäre dafür besser geeignet als Kluftinger? Dummerweise sind alle Beteiligten in dem Berghotel völlig eingeschneit, dazu erstickt höchste Lawinengefahr jeden Gedanken an ein Verlassen des Hauses im Keim. Es kommt keiner raus und keiner rein – das heißt, Klufti, wie ihn seine Kollegen nennen, ist völlig auf sich allein gestellt. Während dieser anfangs noch über diesen Zustand flucht, wäre es ihm bald lieber gewesen, er könnte tatsächlich allein ermitteln, denn die Hilfe, die ihm unerwartet und nicht zuletzt unerwünscht zukommt, trägt einen allzu bekannten Namen: Doktor Martin Langhammer, seines Zeichens Landarzt und verheiratet mit Erikas Freundin Annegret. Na priml, um mit Kluftingers Worten zu sprechen.
Poirot und Watson im Allgäu - ein Dreamteam ermittelt
Ein gutes Team erkennt man immer am Ergebnis, das ist in Rauhnacht nicht anders. Auch wenn Kluftinger seinen „Assistenten“ am liebsten auf den Mond schießen würde: Langhammer trägt tatsächlich zum einen oder anderen Ermittlungsfortschritt bei. Auch wenn Kluftinger sich das nicht eingestehen möchte. Und auch wenn Langhammer sich für Watson hält und ihn des öfteren in den Wahnsinn treibt.
Rauhnacht
Volker Klüpfel und Michael Kobr ist auch mit Rauhnacht wieder ein Kriminalroman der Extraklasse gelungen. Das Besondere an diesem Buch ist, dass sich die gesamte Handlung an einem einzigen Ort abspielt, in den der Leser bald mit hineingezogen wird. Nicht nur die Figuren der Geschichte können nicht aus dem Hotel weg – auch der Leser ist gefangen und das während der Rauhnächte, jener sagenumwobener Nächte, in denen die Dämonen Ausgang haben und Angst und Schrecken verbreiten. Man ist bald mit dem Schauplatz und der Situation so vertraut, als wäre man selbst mit von der Partie und man würde Kluftinger und Langhammer nur zu gerne unter die Arme greifen und bei den Ermittlungen helfen. Nur gut, dass einem das als Leser nicht möglich ist, denn noch einen Assistenten würde der Kommissar wahrscheinlich nicht verkraften. Aber nicht nur wegen dieses Effekts zieht Rauhnacht den Leser in seinen Bann.
Faszination Kluftinger
Hauptattraktion ist und bleibt der Kommissar selbst, denn von dieser Figur geht eine eigentümliche Faszination aus. Kluftinger erscheint in diesem Roman kauziger und verschrobener denn je. Sein Verhalten und seine Aktionen sind manchmal so wenig nachvollziehbar und absurd, dass man beim Lesen oft laut lachen muss. In manchen Situationen wirkt Kluftinger aber auch einfach anstrengend und man bewundert seine Frau Erika für ihren Langmut. Kommissar Kluftinger ist eine Figur mit Ecken und Kanten, die allzu oft unterschätzt wird und voller Widersprüche steckt. Wirkt er auf den ersten Blick wie ein unbedarftes und nicht allzu gebildetes Landei, so überrascht er urplötzlich mit seinem – nicht nur fotografischen – Gedächtnis und Wissen über spezielle Themen. Weiter hat er die Fähigkeit, Menschen schnell zu durchschauen, ist aber andererseits nicht zu einem normalen Umgang mit vielen seiner Mitmenschen in der Lage, was vor allem der Doktor zu spüren bekommt. Wahrscheinlich liegt die Anziehungskraft, die von Kluftinger und damit dem ganzen Roman ausgehen, genau in dieser Diskrepanz, weil dadurch so viel Menschlichkeit beim Leser ankommt. Trotzdem sollte auch die Bedeutung der anderen Figuren nicht unterschätzt werden: Ohne Erika und die Langhammers müsste der Leser auf so machen Lacher verzichten.
Unbedingt Lesen!
Wer sich für Krimis mit besonderen Protagonisten begeistern und sich auf verschrobene Figuren einlassen kann, der ist mit Rauhnacht – wie mit allen anderen Kluftinger-Romanen übrigens auch – bestens beraten. Witzig und unterhaltsam erzählen die Autoren von Mordermittlungen zum Mitfiebern und Mitraten. Mit Kommissar Kluftinger haben Volker Klüpfel und Michael Kobr den wohl unterhaltsamsten Spießer der Kriminalliteratur geschaffen. Er ist eine Figur, die den Leser zum Lachen bringt, aber auch zur Weißglut treibt, die manchmal zum Kopfschütteln, oft aber auch zum Nachdenken anregt. Und die man als Leser allzu gern persönlich kennen lernen würde. Weil das aber nicht möglich ist, müssen wir uns damit begnügen, Klufti als Leser bei seinen Ermittlungen und Kässpatzen-Orgien begleiten – bleibt zu hoffen, dass uns die Autoren auf weitere Abenteuer im Allgäu nicht allzu lange warten lassen und uns vielleicht irgendwann Kluftingers Vornamen verraten...
Leseempfehlung: Klüpfel, Volker und Kobr, Michael: Rauhnacht. Kluftingers fünfter Fall. Piper. München 2010. EUR 9,95.
Bildquelle: Günter Havlena / pixelio.de
