
- Die niederländische Folk-Band Rapalje - Tom Plum
Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, kurz MPS genannt, existiert seit nunmehr 18 Jahren, bereist inzwischen ganz Deutschland und ist seit circa sechs Jahren auch jeden Sommer Anfang August am Fühlinger See in Köln zu Gast. Vom Veranstalter wird es vollmundig als "größtes reisendes Mittelalter Kultur Festival der Welt" deklariert, und wer sich die Vielzahl der auftretenden Bands und Künstler sowie die Vielfalt der Verkaufsstände anschaut, glaubt das gerne.
In diesem Jahr stand die Veranstaltung unter dem Motto "DIE-MPS-NICHT-AUTHENTISCH-SONDERN-PHANTASTISCH-TOUR-2011", womit den Puristen unter den Mittelalter-Fans der Wind aus den Segeln genommen wurde, die sich regelmäßig darüber aufregen, wenn bei so genannten Mittelalter-Festivals maschinengenähte Kleidung verkauft wird oder Elfen und Orcs auftauchen. Beim MPS geht es eben nicht um Authentizität, sondern, wie der Kölner sagen würde, um den "Spaß an d'r Freud"!
Vielfalt der Klänge
Dafür standen am ersten Augustwochenende nicht zuletzt die zahlreichen Bands, die auf drei Bühnen für musikalische Unterhaltung sorgten. Am Samstag waren Saltatio Mortis der Hauptact, die unplugged Mittelaltermusik spielen, sich andererseits aber inzwischen auch einen Namen als Mittelalter-Rock-Band gemacht haben. So waren sie gerade einmal drei Wochen zuvor in Köln am Tanzbrunnen beim Amphi-Festival zu hören gewesen. Diesmal präsentierten sie sich jedoch ohne elektronische Musikinstrumente mit klassischem Mittelalter-Repertoire. Allerdings braucht man auch dafür moderne Technik, wie etwa Mikrofone, Lautsprecher und ein Mischpult. Diese wurden leider schon beim zweiten Auftritt ein Opfer des Wetters, so dass es danach "ganz authentisch" ohne elektronische Unterstützung weitergehen musste.
Das Abendkonzert wurde von Faun mit ihrem eher esoterisch klingenden Pagan Folk bestritten. Daneben traten Die Streuner auf, die eine besondere Vorliebe für Trinklieder haben, sowie Duivelspack, Irrlichter, die schottische Folkband Saor Patrol (sprich: Schohr Pe'troul), die niederländische Folkband Rapalje, die auch nicht davor zurückschreckt, den Mädels mal zu zeigen, was der Schotte unterm Kilt trägt, sowie das Ensemble Hosoo & Transmongolia, das traditionellen mongolischen Kehlkopfgesang zum Besten gab.
Am Sonntag traten erneut Die Streuner, Rapalje, Saor Patrol und Irrlichter auf, diesmal unterstützt von Schelmish, die soliden Mittelaltersound produzieren, aber gelegentlich mit ihren anzüglichen, um nicht zu sagen: zotigen, Moderationen irritieren, sowie vom Duo Das Niveau mit seiner originellen Vermischung von Folkmelodien mit Comedy-Texten.
Zauberhafte Wesen und tapfere Ritter
Doch es gab nicht nur Musik. Faszinierend waren vor allem die beiden Stelzentheater Die Waldwesen und Feuervögel, die mit phantasievollen Gestalten über das Festivalgelände zogen, immer wieder innehielten, die Besucher neugierig musterten, einen Drachen Feuer speien oder einen Wagen Feuerbälle werfen ließen.
Dazu waren allerhand Gaukler, Narren, Spielleut und "Verbrecher" (letztere natürlich nur am Pranger!) unterwegs.
Auch Schaukämpfe durften nicht fehlen. Hier muss man dem Veranstalter ein Kompliment machen: Das Gebotene war um Etagen besser als das, was man auf manchen anderen Märkten zu sehen bekommt. Ob es nun die Fechtkampfgruppe Fictum oder die Reitergruppe Ars Equitandi war - beide bestachen durch gekonnte Vorführungen und intelligente Geschichten. Wobei die Reitergruppe vor allem bei dem weiblichen Jungvolk besonders gut ankam. Und eine nette Überraschung, dass sich der "Bösewicht" der Vorstellung am Ende als der bei allen beliebte Anführer der Gruppe entpuppte!
Speis und Trank für jeden Geschmack
Darüber hinaus luden unzählige Stände zum Verweilen, Kaufen und/oder Genießen ein. Neben der, in der Tat typisch mittelalterlich, eher fleischlastigen Küche gab es auch noch die eine oder andere Leckerei für Vegetarier, wie etwa die Falafel-Taschen mit viel rohem Gemüse und Salat.
Bei den nicht-alkoholischen Getränken sei besonders der marokkanische Tee auf frischer Minze erwähnt, der gleichzeitig wärmt und erfrischt. Also genau das Richtige für das durchwachsene Wetter. Met und Fruchtweine durften natürlich auch nicht fehlen. Wer sich nicht traute, derart exotische Produkte zu probieren, konnte an anderen Ständen Cola & Co. erwerben.
Goldtaler statt Euro
Apropos erwerben: Auch in diesem Jahr gab es wieder Goldtaler, die Logos der auftretenden Bands zeigen. Ein Goldtaler entspricht einem Euro und ist an der Kasse zu erwerben. Wer die Taler nicht sammeln will, kann sie am Ausgang wieder gegen "echtes" Geld eintauschen. Positiv ist, dass man nicht verpflichtet ist, die Goldtaler zu kaufen. Allerdings bekommt man sie häufig als Wechselgeld. Die einen finden das toll und versuchen, jeden Jahresmünzsatz komplett zu bekommen. Die anderen ärgern sich, dass sie nun noch einmal anstehen müssen, um ihre Wechselgeld-Taler in echtes Geld umzutauschen. Und die dritten ärgern sich nicht, sammeln nicht, nehmen aber trotzdem den ein oder anderen Taler gerne als Andenken mit nach Hause. Getreu dem Kölner Motto: "Jede Jeck is anders." Übrigens: Die Taler behalten ihre Gültigkeit und können bei jeder MPS-Veranstaltung eingelöst werden.
Nasser Auftakt - sonniger Abschluss
Alles in allem also eine tolle Veranstaltung. Wenn, ja wenn das Wetter nicht gewesen wäre. Leider war es so, dass ausgerechnet der Samstag, als Haupttag der Veranstaltung, regelrecht "ins Wasser fiel". Bei der Eröffnung nieselte es schon ein wenig. Nach dem ersten Konzert von Saltatio Mortis, direkt im Anschluss an die Markteröffnung, klarte der Himmel wieder auf. Doch gerade einmal drei Stunden nach Eröffnung schlug das Wetter zu: Aus dem Nieselregen wurde Dauerregen, der sich zum Wolkenbruch weiter entwickelte. Gegen 16 Uhr gingen innerhalb einer Stunde 26 Liter Wasser pro Quadratmeter auf das Gelände nieder. Wer einen Unterstand unter einem Zeltdach gefunden hatte, konnte sich glücklich schätzen. Alle anderen wurden bis auf die Haut durchnässt. Wo vorher Wege waren, erstreckten sich plötzlich auf bis zu 2 Metern Breite reißende Bäche. Zahlreiche Stände waren vom Wasser regelrecht eingeschlossen und für Besucher nicht mehr erreichbar. In der Folge verließen viele Gäste bis auf die Haut durchnässt das Gelände, nur um am Parkplatz auf die nächste Überraschung zu treffen: Auch dieser war bis weit über die Knöchel unter Wasser gesetzt! Die meisten Fahrzeuge erwiesen sich jedoch als amphibientauglich und konnten den Platz ohne weitere Zwischenfälle verlassen. Und der Besucherrekord am Sonntag lässt vermuten, dass viele an diesem Tag ihr Glück, mit mehr Erfolg, noch einmal versucht haben.
Fazit: Vom Wetter abgesehen eine wirklich gelungene Veranstaltung, die Vorfreude auf das MPS 2012 weckt!
Übrigens: Wer noch mehr über das MPS wissen möchte, findet einen informativen Bericht auf suite101 bei meiner Kollegin Sarah A. Friedli!
