
- Titelbild - Greven Verlag
"Es ist eine alte Geschichte / Doch bleibt sie immer neu …" Mit den Worten Heinrich Heines, Düsseldorfs berühmtestem Sohn, lässt sich die über Jahrhunderte gepflegte innige Feindschaft zwischen Köln und Düsseldorf recht gut beschreiben.
Eine alte Geschichte – und doch wird sie immer wieder aufgewärmt. Vor allem im Karneval, bei dem sich beide Städte für die jeweils einzige Hochburg des närrischen Treibens halten, wird in Liedern, Büttenreden und bei den mit sehr viel Liebe und Sorgfalt gebauten Karnevalswagen am Rosenmontag die Konkurrenzstadt mit heißer Leidenschaft niedergemacht. (Nebenbei bemerkt: Mainz, das ebenso hartnäckig glaubt, die dritte rheinische Hochburg – wenn auch nicht in dieser Rangfolge – närrischen Treibens zu sein, ist erstens viel weiter weg, zweitens viel kleiner und drittens in Rheinland-Pfalz, spielt also in diesem Zusammengang überhaupt keine Rolle.)
Kölsch oder Alt - eine Geisteshaltung
Und gerade in dieser fünften Jahreszeit kann es schon mal vorkommen, dass sich bei Kneipenbesuchen in feindlichem Territorium hitzige Diskussionen ergeben, sollte jemand so tollkühn sein, in Köln beim Köbes (so heißen, merkwürdigerweise, die Kellner sowohl in Kölner als auch in Düsseldorfer Kneipen) ein "Alt" oder in Düsseldorf ein "Kölsch" zu bestellen. Die Behauptung, dass solche Fehltritte bisweilen mit deftigen Thekenschlägereien endeten, dürfte freilich eher ins Reich der Legende zu verweisen sein, zumal in vielen Lokalen sowohl hier als dort mittlerweile beide Gerstensäfte aus nebeneinanderliegenden Zapfhähnen fließen.
Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass ein mehr oder weniger intensiv gepflegtes Konkurrenzdenken beide Städte seit jeher beherrscht (siehe den anfangs zitierten Heine, dem die Kölner immerhin mit ihrem Heinrich namens Böll Paroli bieten und triumphierend darauf verweisen können, dass Heine keinen Nobelpreis bekommen hat …). Liegt diese Gegnerschaft in der Historie begründet, ist sie sportlicher Natur, gibt es wirtschaftliche oder kulturelle Gründe? Fragen über Fragen, und die beantwortet nun ein Buch, das Kölner und Düsseldorfer in trauter Zusammenarbeit geschaffen haben.
Historisch hatte Köln die Nase vorn
"Düsseldorf – Köln: Eine gepflegte Rivalität" ist der Titel der Essaysammlung überschrieben, die Annette Fimpeler, wissenschaftliche Leiterin des Schifffahrtsmuseums im Schlossturm am Düsseldorfer Rheinufer, herausgegeben hat. Und gleich zu Anfang wird klar: Historisch betrachtet hatte die "Colonia Claudia Ara Agrippinensium" die Nase vorn. Nicht nur kann sie sich auf die Römer als Gründungsväter berufen, also auf ausgesprochen kultivierte Wurzeln. Mitte des 12. Jahrhunderts lebten hier bereits um die 25.000 Einwohner, nach damaligen Maßstäben weltstädtische Ausmaße also. Etwa dreißig Kilometer rheinaufwärts von dieser veritablen Metropole mussten zu der Zeit nicht einmal 300 Menschen für ihren Lebensunterhalt sorgen.
Da dürfte es den Kölnern schon ein erster Stachel im Fleisch gewesen sein, dass die Schlacht von Worringen, bei dem sich der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg und Herzog Johann I. von Brabant 1288 das letzte Gefecht um den Limburger Erbfolgestreit lieferten, für den Kirchenmann mit einer eklatanten Niederlage endete. Graf Adolf V. von Berg, der bei dem Kampf seine Besitzansprüche sichern konnte, setzte der Schmach der Kölner noch eins drauf, indem er diesem Dorf an der Düssel am 14. August 1288 die Stadtrechte verlieh, um die Machtgelüste des Erzbischofs ein für allemal in die Schranken zu weisen.
Das Kreuz mit dem Katholizismus
Damit war der Konflikt gesät, der gemeinhin als Auslöser des Köln-Düsseldorfer Konkurrenzdenkens gilt (obwohl diese Sicht der Dinge die Komplexität der Entwicklung zu sehr vereinfacht, wie verschiedene Autoren übereinstimmend schreiben). Weitsicht und politisches Geschick seiner Fürsten taten jedenfalls ein Übriges, dass Düsseldorf im Lauf der folgenden Jahrhunderte einen wirtschaftlichen Aufschwung nahm, der die Kölner zunächst alt aussehen ließ. Herzog Wilhelm von Berg schaffte es sogar, Düsseldorf kurzfristig zu einem Wallfahrtsort und damit auch auf diesem Gebiet den Kölnern Konkurrenz zu machen, die mit ihrem Prestigeobjekt, dem 1248 begonnenen Dom, nicht so recht vorankamen.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte warfen sich die Kölner sogar selbst Knüppel zwischen die Beine, weil sie die wirtschaftliche Prosperität zugunsten religiöser Intoleranz vernachlässigten: Die Stadt war kaum noch konkurrenzfähig und verelendete zusehends. Wie anders dagegen die Düsseldorfer: Die lebten seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in einer religiös relativ freiheitlich gesinnten Residenzstadt und gebärdeten sich nicht so lutherfeindlich wie die Kölner, die die Schriften des Reformators noch öffentlich verbrannten und nur katholische Handwerker in ihren Stadtmauern duldeten.
Kunststadt Düsseldorf
Der kunstsinnige Johann Wilhelm II. (Jan Wellem) sorgte derweil für Glanz und Gloria in Düsseldorf und legte mit seiner Gemäldesammlung den Grundstein für die Kunstakademie. Allerdings: Schmuck und Luxuswaren (wozu nicht zuletzt das von Giovanni Maria Farina erfundene "Eau de Cologne" gehörte) kaufte auch der Düsseldorfer Adel bevorzugt in Köln ein, das außerdem kulinarisch seine Vorreiterrolle bewahren konnte – Wein und Delikatessen besorgte man sich lieber ein paar Kilometer rheinaufwärts.
Bei allem Konkurrenzdenken: Man wusste also durchaus, was man aneinander hatte. Die Schlacht von Worringen war mithin das erste und letzte Mal, dass sich Kölner und Düsseldorfer gegenseitig die Köpfe einschlugen. Danach beschränkte sich der Städtewettstreit auf gutmütige Frotzeleien, die vor allem während der Karnevalszeit emsig ausgetauscht wurden und werden. Dass es in Köln gemütlicher zugeht als im "neureichen" Düsseldorf, dass "Fastelovend" in der Domstadt urwüchsiger ist als dreißig Kilometer weiter nördlich, ist letztlich Ansichtssache; Spaß hat man auf dem "Alter Markt" ebenso wie auf der "Kö", wenn sich die karnevaleske Ausgelassenheit zum närrischen Tsunami auftürmt.
Medienstadt gegen Wirtschaftsmetropole
Dass Köln inzwischen als Medien- und Kulturstadt ein paar Pluspunkte mehr verzeichnen kann, wird ebenso wenig in Abrede gestellt wie die Tatsache, dass die nordrheinwestfälische Landeshauptstadt in wirtschaftlicher Hinsicht auf dem ersten Platz steht.
Wirtschaft, Handel, Kultur, Politik: All diese Aspekte werden in den zwölf Essays ausführlich gewürdigt und gegeneinander gewogen. Dem gebürtigen Bonner Horst A. Wessel, Wanderer zwischen der Kölner und der Düsseldorfer Welt, bleibt es überlassen, ein vorläufiges Fazit zu ziehen: Beide Städte "stehen sich gleichgewichtig sowie auf Augenhöhe gegenüber (…) Lebensqualität besitzen beide Städte in einer hervorragenden (…) Weise". So kann die Lektüre dieses umfangreich bebilderten Bandes sowohl den Düsseldorfern wie den Kölnern guten Gewissens empfohlen werden – sowie allen anderen Neutralen, die sich über die wechselvolle Geschichte der beiden Metropolen am Rhein ein Bild machen wollen.
Annette Fimpeler (Hg.) Düsseldorf Köln – Eine gepflegte Rivalität. Greven Verlag Köln, 304 Seiten, 119 Abbildungen, 19,90 Euro. http://www.suite101.de/news/koeln-und-duesseldorf---die-rheinischen-rivalen-a127840
