Königsberger Schloss spiegelt Geschichte Preußens wider

Königsberger Schloss - privat
Königsberger Schloss - privat
Wulf D. Wagner hat seine Bau- und Kulturgeschichte über das Königsberger Schloss mit einem gewaltigen Prachtband abgeschlossen. Thesen zum Wiederaufbau.

Am frühen Morgen des 6. April 1945 bricht die Hölle über Königsberg hinein. Die Stalinorgeln und Kanonen von gut 30 Divisionen speien Feuer, Hass und Tod. Bomber und Kampfgeschwader zweier Luftflotten fliegen Welle um Welle, um ihre Bombenteppiche über den Dächern der Stadt zu entladen. Die Wucht des Angriffs einer Viertelmillion Soldaten gegen die 35.000 Verteidiger der zur Festung erklärten Stadt lässt keine Zweifel über das schnelle Ende zu. Die Sowjets entladen hier, in der ersten von ihnen eroberten deutschen Metropole, ihren ganzen Hass auf das nationalsozialistische Deutschland. Am 10. April 1945, um 1 Uhr morgens, kapituliert Festungskommandant Otto Lasch. Für die bis dahin Überlebenden folgen Jahre des massenhaften Sterbens durch Hunger, Seuchen und Willkürakte, bis 1948 der letzte Deutsche aus dem heutigen Kaliningrader Oblast in die Bundesrepublik überführt wird. So legt sich der Mantel der Geschichte über die Stadt und bringt ewige Nacht über Königsberg in Preußen.

Von der Prussen-Feste zur Ordensburg

Zurück bleiben als stumme Zeugen zunächst die Ruinen einer pulverisierten Stadt, bis auch diese bewusst ausgelöscht werden. Der wichtigste Zeuge der Königsberger Stadtgeschichte bis zu ihrem Untergang war das Königsberger Schloss – das älteste Residenzschloss in Brandenburg-Preußen. Seine Geschichte beginnt mit einer prussischen Feste auf dem Tuwangste, einer Erhebung am Pregel. Der Deutsche Orden, der mit König Ottokar II. von Böhmen das Samland 1255 erobert, besiegt auch die Prussen auf ihrer Feste auf dem Tuwangste. Ein König auf dem Berg der Prussen – für Ordenshochmeister Poppo von Osterna ein denkwürdiger Augenblick. So errichtet er dort eine neue Burg und nennt den Ort zu Ehren Ottokars II. „Königsberg“. Die Geschichte der Burg, die auch in späteren Jahrhunderten als Schloss ihren Burgcharakter nie wird verleugnen können, beginnt.

Architekt Wulf Wagner vollendet Monografie über Schloss

Wulf D. Wagner hat gemeinsam mit Co-Autor Heinrich Lange zu Beginn des Jahres 2011 den zweiten Band zur Bau- und Kulturgeschichte des Königsberger Schlosses bei dem Regensburger Verlag Schnell und Steiner publiziert. Beide Bände, die von der in Duisburg sitzenden Stadtgemeinschaft Königsberg herausgegeben werden, verkörpern mehr als 700 Jahre preußische Baugeschichte an einem einzigen Objekt, eingebettet in die Geschichte der Stadt Immanuel Kants. Damit ist – um es vorwegzunehmen – ein Standardwerk vorgelegt worden. Auch wenn Wulf D. Wagner diesen Anspruch für sich nicht gelten lassen möchte, sieht er doch noch immer zahlreiche kunsthistorische Brachen. Es fehle die vergleichende Forschung und überhaupt: die Schlossmonografie sei erst einmal das Ergebnis der Quellensicherung.

1.000 Seiten Material in zwei Bänden

Dennoch: Der Prachtband hält mehr, als der erste Band aus dem Jahr 2008 bereits versprochen hat. Über 608 Seiten wird die Chronik und Wandlung des wuchtigen Bauwerks, das den Königsbergern manchmal zu dunkel weil zu mächtig schien, von der Zeit Friedrich des Großen (1740) bis zur Sprengung der Schlossruine 1968 dargestellt. Der erste Band dokumentiert auf 390 Seiten die naturgemäß quellenärmere Phase von der Gründung der Burg in der Deutschordenszeit bis zur Regierung Friedrich Wilhelm I. Es werden zahlreiche Bilder und Kartenmaterialien erstmals publiziert. Historische Ereignisse - wie etwa der Einbau des von deutschen Truppen auf Schloss Zarskoje Selo "sichergestellten" Bernsteinzimmers 1941 - hängen in Preußen zu einem großen Teil eng mit dem Leben im Schloss zusammen, auch wenn das Schloss nicht ansatzweise die Ausstrahlung von Sanssouci gehabt haben mochte. Daher kann die 89 Euro teure Monografie, die jeden einzelnen Cent wert ist, zum Königsberger Schloss nur als überfällig und ihre Fülle mit 1000 Seiten nur als außerordentlich bemerkenswert betrachtet werden.

Der Druck hatte sich zuletzt noch um über ein Jahr verzögert, was eine Sprecherin des Verlags unter anderem mit der Sichtung immer noch weiterer wichtiger Quellen, die verarbeitet werden mussten, erklärte.

Leser gewinnt wichtige Einblicke in Details

Der promovierte Architekt Wagner zeigt sich besessen von den Details über das Gesinde-Leben im Schloss, über Umbaumaßnahmen und Reparaturen im Zuge etwa funktioneller Umnutzungen. Er bleibt bei der Darstellung nicht an der Oberfläche der Bau- und Kulturgeschichte, sondern geht – wo es ihm auch immer möglich ist – in die Tiefe. In der Tat war das Königsberger Schloss über Jahrhunderte multifunktional genutzt worden. Ob im Jahr 1749 Bernsteindrehern „überm Thore“ eine Werkstatt eingerichtet wurde, für die Tischler Heinrich Müller eine neue Tür fertigte, oder 1889 Schlossbaubauinspektor Knappe eine Neuvermessung des östlichen Nordflügels für Restaurierungsarbeiten durchgeführt hat, bei denen über dem großen Sitzungssaal des Oberlandesgerichts ein neues Oberlicht eingesetzt wurde – der Leser gewinnt wichtige Einblicke nicht nur in die substantielle Veränderung des Baus, sondern auch in den Wechsel der wirtschaftlichen Nutzung. Mit wissenschaftlicher Akribie gehen die Autoren jeder Quelle nach, die das Leben und den Wandel des altehrwürdigen Gemäuers beleuchten. Doch Wagner bleibt nicht bei der Geschichte eines nicht mehr existierenden Schlosses.

Wiederaufbau Ja oder Nein?

1945 stehen noch immer wesentliche Teile des Schlosses. Nach 20 Jahre Verfall werden auch diese 1965-68 gesprengt und abgetragen. Errichtet wird dafür das wichtigste und weithin sichtbare Monument des neuen sowjetischen Kaliningrad, das „Haus der Räte“. Der gigantische Stahlbetonbau bleibt, da das Fundament den gewaltigen Bau nicht zu tragen vermag, bis zum heutigen Tage eine Bauruine. Die Leere um den sozialistischen Funktionalbau herum spricht Bände über das Scheitern der sowjetischen Kulturpolitik.

Seit der Wende 1991 kommen jährlich Zehntausende Deutsche nach Königsberg, suchen nach den Spuren der deutschen Stadtgeschichte und besichtigen den Dom, der auf der Insel Kneiphof Vis-a-vis zum Schlossgelände liegt. Seit dem Jahr 2000 hat eine breite Diskussion für den Wiederaufbau des Schlosses bei der russischen Bevölkerung eingesetzt. 2010 kündigt Russlands Regierungschef Wladimir Putin schließlich eine Abstimmung über den Wiederaufbau des Schlosses an.

Wagner spricht sich für eine Rekonstruktion als Friedensakt aus. Man kann nur zustimmen: Kein Platz wäre geeigneter als Königsberg und kein Objekt angemessener als das Schloss, die Keimzelle der Stadt.

Wulf D. Wagner/Heinrich Lange:

Stadtgemeinschaft Königsberg (Hrsg.)

Das Königsberger Schloss. Eine Bau- und Kulturgeschichte. Band II

608 Seiten mit zahlr. Bildern und Karten

Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2011

ISBN: 978-3-7954-1953-0

Preis: 89 Euro

B. Knapstein, B. Knapstein

Bernhard Knapstein - 1967 in Köln geboren. Studium in der Rheinmetropole: Geschichte, Sport und Rechtswissenschaften. Redaktionsassistent in der ...

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