Körperoptimierung 2020

Der Geschmack der Zukunft

Was bedeutet Heimat im jahr 2020 - © ioannis kounadeas - Fotolia.com
Was bedeutet Heimat im jahr 2020 - © ioannis kounadeas - Fotolia.com
Wird unser Speiseplan 2020 voller Functional-Food-Produkte zur Körperotimierung und Leistungssteigerung sein? Werden wir als Coach-Potatoes das eigene Denken verlernen?

67 Prozent der Deutschen hoffen auf die Entwicklung von Lebensmitteln mit gesundheitsförderndem Zusatznutzen. „Functional Food ist ein Milliarden-Markt, der 2008 im hohen zweistelligen Bereich gewachsen ist“, verkündet Dag Piper, Experte der Sensory & Consumer Science. Den Grund dafür sieht er im steigenden Leistungsdruck, der Verschmelzung von Beruf und Familie, der Angst vor sozialem Abstieg. Der Food-Trend im Bereich der Körperoptimierung und Leistungssteigerung gehe weg von Stoffen wie Koffein und Taurin, die Inhaltsstoffe der Energy Drinks sind, hin zu „Super Foods“ wie beispielsweise Guaranánüssen und Goji-Beeren oder auch der Maca-Wurzel aus Peru, dem „natürlichen Viagra“, wie Piper es nennt.

Essen als Körperdesign

Mit launiger Ironie stellt er einige der Functional-Food-Produkte vor, zum Beispiel „Mana Energy Potion“ aus den USA, den Drink für den enthemmten „World of Warcraft“-Spielgenuss, der mit dem Werbespruch „Stundenlange Ausdehnung der Wachheit ohne Flimmereffekte vor dem Bildschirm“ wirbt. Oder auch ein Getränk, das laut Werbung mithilfe sibirischen Ginsengs intelligenter machen soll. Aus Asien stammt ein Körpertemperatur-Senker mit Hautaufheller. Im Bereich der Schönheitsdrinks (Motto: „Schönheit von innen“), verweist Piper unter anderem auf die inflationäre Ausbreitung der Kollagen-Drinks: „Einfach reindrücken, on the go, und ruckzuck ist die Haut straff. Wer’s glaubt ….“ Aber auch zur Stressbewältigung stellt Dag Piper einige Präparate vor, darunter ViB (steht für „Vacation in the Bottle“), den Drink, der den Urlaub nach Hause bringen soll. Die Entwicklung, so meint der Fachmann, gehe jedenfalls hin zu Functional-Produkten, die genussvoll wie ein Magnum-Eis, gesund wie eine Banane und verbraucherfreundlich wie der Latte Macchiato im Pappbecher sind.

An der Schwelle eines neuen Zeitalters

„Was Heimat im Jahr 2020 bedeutet“ beschreibt Markus Müller (36), Generalintendant des Oldenburgischen Staatstheaters so: "Wir befinden uns an der Schwelle eines neuen Zeitalters, dessen Vertreter die „Digital Natives“ sind. Alle Personen über 30 aber, die noch zu den „Digital Immigrants“ gehören und den staunenden Nachkommen, wie einst Opa vom Krieg, von den Zeiten, als es noch einen Sendeschluss und keine Fernbedienung sowie kein Handy gab, erzählen, benehmen sich wie der alte Dubslav im Roman „Stechlin“ von Theodor Fontane", erklärt der junge Theatermacher. Fontanes Figur betreibt in seinem langsam verfallenden Gut das, was man heute Cocooning nennt, die neu entdeckte Lust am Kuscheln zu Hause, die uns eingeholt hat, so Müller, da die existenzielle, weil identitätsstiftende Funktion des eigenen Zuhauses, als Gegensatz zur Arbeitswelt draußen, verloren gegangen ist.

Wir haben die Arbeit in die Häuser geholt, sind in unseren Hightech-Low-Energy-Wohnungen immer am Werk, immer erreichbar, checken E-Mails im Schlafanzug und zukünftig beim Rasieren im Spiegel. Letzteres ist übrigens eine Vision, die Müller für durchaus unfallträchtig hält. Wir ziehen uns zurück in unsere Wohnungen, „wo der Fernseher der Zukunft oder ein digitaler Assistent vorschlägt, was wir glauben, was wir sehen, erleben, und worüber wir sprechen sollten“ und versuchen „die dortige Arbeits- und Erreichbarkeitspflicht durch Reliquien der alten Zeit zu bannen, weil wir die Geschwindigkeit und Aufdringlichkeit des digitalen Zeitalters sonst nicht ertragen könnten. Wir cocoonen in einer Form von Heimeligkeit, die jedem Alt-68er wahrscheinlich den Schweiß auf die Stirn treiben würde“, vermutet der 36-Jährige.

Inge Kracht, www.frese-werkstatt.de

Inge Kracht - Wer KRACHT Am 26. August 1952 in Emmerich am Niederrhein geboren auf den Tag genau vier Jahre vor der ersten ...

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