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Koloniale Ausbeutung in Bengalen

Indigo und Jute waren Exportschlager der britischen Imperialisten

Frachter im Hafen vor Dhaka - Foto: Manfred Görgens
Frachter im Hafen vor Dhaka - Foto: Manfred Görgens
In Ostbengalen, dem heutigen Bangladesch, förderten die Briten mit Zwangsmaßnahmen den Anbau von Jute und Indigo. Die Monokulturen begünstigten die Verarmung des Landes.

Kaum war 1871 die Eisenbahnstrecke von Bombay (Mumbai) nach Kalkutta (Calcutta) fertiggestellt, da entwickelte sich der Schienenstrang zu einem wichtigen Instrument bei der Erschließung landwirtschaftlicher Nutzflächen in Bengalen. Bedeutendste Agrarprodukte dieser Region waren Indigo und Jute.

Indigo - in Bengalen heimische Pflanze, die erst unter den Franzosen verstärkt angebaut wird

Die heimische Pflanze Indigo, deren blau färbendes Extrakt schon den Griechen bekannt war, wurde in Bengalen wegen ihrer hohen Pflegebedürftigkeit kaum angebaut, bis die Franzosen dort im späten 18. Jahrhundert die Kultivierung vorantrieben. Denn im Zuge der Französischen Revolution waren die Plantagen der bisherigen Hauptlieferanten in der Karibik zerstört worden.

Durch Prügel und unlautere Verträge sichern sich die Europäer höchste Gewinne

Indigo sollte eine Domäne der französischen, später britischen und armenischen Siedler bleiben, die sich den nötigen Boden der besten Qualität durch Verträge sicherten. Durch Vorschüsse gelockt oder durch Prügel gezwungen, hatten die Bauern auf einem Viertel ihres Landes Indigo anzupflanzen. Der Preis war bereits in den Verträgen auf niedrigem Niveau festgelegt. Obwohl eine gute Ernte den "Pflanzern", wie die Europäer sich nannten, ausgezeichnete Gewinne brachte, versuchten sie sich zusätzlich gegen die häufig auftretenden Missernten zu schützen, indem sie den Bauern die vereinbarten Restsummen nur als Vorschuss auf die nächste Ernte auszahlten. Da die Betrogenen zudem Schutz-, Verwaltungs- und Lagergebühren an dubiose einheimische Organisationen abzuführen hatten, gerieten sie schnell in eine ausweglose Verschuldung.

Aufstand der Geknechteten: die Indigo-Revolte

Aufstände konnten trotz des Einsatzes von Schlägertrupps nicht verhindert werden. 1859/60 kam es zur großen Indigo-Revolte, die zumindest eine Untersuchung nach sich zog. Beeindruckendes Material zu den Gräueltaten der "Pflanzer" veröffentlichte der Schriftsteller Dinabandhu Mitra 1873 in seinem Werk "Nildarpana", das mehrfach in Dhaka (Dacca) aufgeführt wurde und den Beginn des modernen ostbengalischen Theaters markiert. "The Mirror of Indigo", die englische Fassung des Buches, trug dem Übersetzer Reverend James Long eine Gefängnisstrafe ein. Das Ende der Indigo-Sklaverei kam erst um die Jahrhundertwende mit der Entwicklung des synthetischen Farbstoffs Indanthren.

Die meisten "Pflanzer" lebten in Dhaka oder Kalkutta, doch besaßen sie Anwesen mit Fabriken und Lagerhäusern in der Nähe der Anbaugebiete. Über 400 dieser so genannten Kuthi, oft in pittoresker Lage an Flussufern, gab es in den Distrikten Jessore, Khulna, Rajshahi und Dhaka. Zumeist handelte es sich um architektonisch wenig ambitionierte einstöckige Bungalows, von denen kaum eines die Revolten und die alljährlichen Fluten überdauert hat. Weitgehend verfallen ist auch das Mollahati Kuthi bei Banagram im Jessore-Distrikt, ehemals ein Prachtbau klassizistischen Stils, dessen Besitzer Larmour und Forlong Vorbilder für einige düstere Charaktere in Mitras Buch waren.

Jute aus Ostbengalen: vom Rohstoff für den lokalen Bedarf zum Exportschlager

Jute wurde bereits unter den Nawabs (moslemische Fürsten) für den lokalen Bedarf angebaut. Anfangs stellte man daraus nur Taue her, dann auch Matten, Segel, Säcke, Papier und billige Kleidungsstoffe. Die Pflanze erfordert zwar guten Boden und einen hohen Arbeitsaufwand - einschließlich einer Ernte zu Flutzeiten, bei der bis zu 2 m tief getaucht werden muss -, ansonsten aber ist Jute weit weniger problematisch als Indigo, so dass die Briten hier beim Übergang zu großflächigen Plantagen auf geringeren Widerstand stießen. Hauptanbaugebiet war Mymensingh in Ostbengalen (heute Bangladesch), wo immer noch der Welt beste Qualität gedeiht.

Weltmetropole der Juteverarbeitung war der schottische Hafen Dundee, Ostbengalen blieb lediglich Rohstofflieferant

1822 landeten die ersten Schiffe mit bengalischer Jute im schottischen Hafen Dundee. Über Jahrhunderte hatten dort Walfang und Flachsanbau die Wirtschaft geprägt. Doch im 17. Jahrhundert trat billige russische Qualität an die Stelle des schottischen Flachs. Das daraus gefertigte grobe Leinen diente zur Verpackung exotischer Waren. Mit Walöl präparierte Jute vermochte diese Aufgabe allerdings noch viel besser zu erfüllen. Bald entwickelte sich Dundee zur Weltmetropole der Juteverarbeitung. Allein zwischen 1836 und 1850 stieg die Produktion von 4.000 auf knapp 300.000 Ballen.

Das Rohprodukt wurde über den Hafen von Kalkutta ausgeführt. Erst allmählich begann auch dort der Aufbau einer verarbeitenden Industrie. Ostbengalen aber blieb lediglich Rohstofflieferant. Eine gewaltige Expansion brachte der Krimkrieg (1853-56), als man Ersatz für russische Faserpflanzen schaffen musste. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg - das Jute-Kapital war inzwischen in einheimische Hände übergegangen - flachte das nunmehr mit Chemie-Produkten konkurrierende Geschäft ab.

Der Anbau von Indigo und Jute führt zum Anstieg der Lebenshaltungskosten, die Entwicklung mündet in den Teufelskreis von Armut und Überbevölkerung

Indigo und Jute mögen tatsächlich nie mehr als zehn Prozent der Reisanbaufläche in Anspruch genommen haben, doch trugen sie erheblich zum Anstieg der Lebenshaltungskosten bei. Durch unlautere Kontrakte gebunden, verloren die Bauern an diese Ausfuhrgüter wertvolle Arbeitszeit, erhielten dafür aber so wenig Geld, dass sie weder Nahrungsmittel kaufen noch ihre Felder von fremden Arbeitskräften bestellen lassen konnten. Die Versorgung ländlicher Familien war allein durch den Einsatz möglichst vieler Kinder zu gewährleisten, ein trügerischer Ausweg, denn er mündete in den Teufelskreis von Armut und Überbevölkerung.

Gegner dieser These führen die rasanten Zuwachsraten gern darauf zurück, dass seit der "Pax Britannica" kaum mehr Kriege einem "traditionsbedingten Kinderreichtum" entgegengewirkt hätten. Die Pax Britannica aber ist angesichts der blutigen Konflikte zwischen Hindus und Moslems und der im 19. Jahrhundert gewachsenen internationalen Spannungen eine Fiktion. Zudem zeigen das 20. und 21. Jahrhundert, dass selbst die brutalsten Kriege von einem dramatischen Bevölkerungszuwachs begleitet sein können.

Manfred Görgens: Journalist, Buchautor, Fotograf, Manfred Görgens

Manfred Görgens - Im Ruhrgebiet geboren, Studium Freie Kunst an der Akademie Düsseldorf und Indologie an der Uni Bochum. Freiberufler seit 1980. Zunächst ...

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